Swarovski-Hauptsitz in Wattens, Tirol.

© APA - Austria Presse Agentur

Wirtschaft
09/30/2021

Ein glanzloser Abgang bei Swarovski

Erstmals in der seit 1895 bestehenden Firmengeschichte steht kein Familienmitglied an der Spitze des Kristall-Imperiums Swarovski.

von Anita Kiefer, Anita Staudacher

Lange war Robert Buchbauer nicht im Sattel des Tiroler Kristallkonzerns Swarovski. Seit April 2020 war er Geschäftsführer. Gestern die Meldung: Er und der Konzernfinanzchef Mathias Margreiter nehmen umgehend als CEO bzw. CFO ihren Hut, wie die Tiroler Tageszeitung zuerst berichtete. Mit dem heutigen 1. Oktober starte „eine neue Ära“. So verkaufte es zumindest der Konzern anschließend in einer Aussendung. Die Führung des Unternehmens sollen bis Ende des Jahres die beiden Interims-Manager Michele Molon (bisher Chef für Kundenangelegenheiten) und Frederik Westring innehaben, berichtet wiederum das Handelsblatt.

Mit Jahreswechsel soll dann eine externe, familienunabhängige Führung übernehmen. Möglich gemacht hat das offenbar eine Neuausrichtung der Strukturen. Künftig solle eine „externe, unabhängige und professionelle Geschäftsleitung“ eingesetzt, der Verwaltungsrat neu konstituiert und „um unabhängige Mitglieder erweitert“ werden. Die Familieninteressen „werden in der neu etablierten Familienholding gebündelt“. Als Verwaltungsräte bleiben sowohl Buchbauer als auch Margreiter jedenfalls erhalten, heißt es in der Aussendung. Das Kontrollgremium sei in Zukunft eben dieser Verwaltungsrat, hieß es von einem Swarovski-Sprecher gegenüber dem KURIER.

Damit ist gekommen, was einige Familienmitglieder rund um Markus Langes-Swarovski, seines Zeichens Vorgänger als Swarovski-CEO von Robert Buchbauer, bereits im Juli schriftlich gefordert haben: Nämlich das Ende der Familienmitglieder an der Spitze des Unternehmens. In einem Brief an die Gesellschafter hatten Langes-Swarovski und Co. auch den Wechsel und damit Rücktritt von Buchbauer gefordert. Per Jahresanfang wollte man einen Umbau an der Konzernspitze vollzogen sehen, hieß es in dem Brief. Als Grund wurden die Probleme im Geschäftsbereich Kristall angeführt.

Familienverfassung

Gestritten wird im Konzern ja schon lange. Ein Grund dafür ist die über lange Zeit gewachsene Struktur des Unternehmens. Der Swarovski-Clan umfasst rund 200 Personen (Nachfahren des Firmengründers Daniel Swarovski). Von diesen  sind 80 Gesellschafter in der Unternehmensgruppe. Grundlage der Struktur war bisher eine Familienverfassung, deren Inhalt kaum jemand kennt.

  • Global Player

Aus dem  1895  von  Daniel Swarovski  gegründeten Unternehmen ist mittlerweile eine globale Unternehmensgruppe mit mehr als 30.000 Mitarbeitern geworden. Den mit Abstand größten Geschäftsbereich repräsentiert das Kristallgeschäft. Weiters gibt es die Optik-Sparte und den Schleifmittelhersteller Tyrolit

  • Umsatzschwund

Der Gesamtumsatz lag 2019 bei 3,5 Mrd. Euro. Für 2020 wurde ein Einbruch  um 35 Prozent erwartet – insbesondere aufgrund des coronabedingten Einbruchs im Kristallbereich. Dort schrumpfte der Umsatz    von 2,7 auf 1,7 Mrd. Euro.  Swarovski Optik,  Hersteller von Ferngläsern, Teleskopen und Zielfernrohren, setzte 2020 163,5 Mio. Euro um – um drei  Prozent mehr als 2019

  • Abverkauf

Die hauseigene Fluglinie Tyrolean Jet Services soll   an  Partner oder Investoren verkauft werden.  Das Business-Aviation-Unternehmen beschäftigt 30 Mitarbeiter und schrieb zuletzt rote Zahlen

Buchbauer war im Vorjahr angetreten, um Struktur in den Konzern zu bringen. Und das ins Strudeln geratene Unternehmen neu auszurichten. Der Plan war, sich auf „erreichbaren Luxus“ im Kristallbereich zu konzentrieren. Teils mit harten Einschnitten: 33 von 102 Shops in Österreich wurden geschlossen, ein Jobabbau von 1.800 Stellen in Wattens wurde angekündigt. Wie viele Mitarbeitende heuer bereits gekündigt wurden, war vom Sprecher nicht zu erfahren. Das sei ein laufender Prozess, heißt es. Geplant war ja, dass  in Wattens  1.200 Beschäftigte im Vorjahr gehen mussten, 600 heuer. Im April gab der Konzern aber bekannt, dass heuer wegen der guten Auftragslage nur 250 Personen gehen müssen.

Wie viele es per Jahresbeginn 2022 schlussendlich dann sein werden: Sie werden neue Führungskräfte an der Spitze des Unternehmens vorfinden. Zufall oder nicht – erst vor wenigen Tagen hat Semperit-Chef Martin Füllenbach seine Handschuhe beim Gummikonzern überraschend an den Nagel gehängt. Zuzutrauen wäre der Job bei Swarovski dem Deutschen jedenfalls. Der Top-Manager verfügt nicht nur über reichlich Erfahrung im Führen globaler Industriekonzerne, sondern kennt auch Familiendynastien. Der 53-Jährige, ehemalige Marineoffizier bei der Bundeswehr, war vor Semperit beim Schweizer Industriekonzern Oerlikon. Seine Industriekarriere begann er beim Luft- und Raumfahrtunternehmen EADS, später wechselte er zu Voith im Deutschen Heidenheim. Auf die Frage, ob denn der neue Swarovski-Chef Füllenbach heißen könnte, kam vom Swarovski-Sprecher keinen Kommentar.

Auch bei einem weiteren Top-Manager des deutschsprachigen Raums weiß man noch nicht, wo ihn die Reise hinführt: Der bisherige Lenzing-Chef Stefan Doboczky hat Anfang September erklärt, er  habe eine „neue spannende Aufgabe“.

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