Wirtschaft
05.12.2018

Der Börsenalarm schrillt: Die US-Zinsen stehen Kopf

Investoren fürchten nahende Rezession – Experten erwarten allerdings 2019 noch kein Schrumpfen der US-Wirtschaft.

Auch so kann man Zeit zum Durchschnaufen finden: Am Mittwoch hatten die US-Börsen wegen des Begräbnisses von Ex-Präsident George W. H. Bush geschlossen. Die Pause war für die Aktienbesitzer durchaus willkommen. Am Vortag waren die Kurse an der Wall Street um gut drei Prozent in die Tiefe gerasselt.

Was ist passiert? Die Zinsen in den USA stehen Kopf. In der Vergangenheit war das ein zuverlässiges Signal, dass die Wirtschaft auf Schrumpfkurs schwenkt. Was nicht nur Amerikaner beunruhigen sollte: Eine Rezession der weltgrößten Volkswirtschaft hätte schmerzhafte Folgen für alle Regionen.

Ein besonderer Fall

Stimmt das Alarmsignal jetzt wieder? Womöglich sei es nicht ganz so ernst zu nehmen, weil die Anleihenkäufe der Notenbanken die Zinslandschaft durchgerüttelt haben, sagte Gerold Permoser, Veranlagungschef der Erste Asset Management (EAM), am Mittwoch.

Er erwartet zwar eine Abschwächung des US-Wachstums von 2,9 auf 2,4 Prozent, weil 2019 die Schubkraft der Steuerreform nachlässt. Eine Rezession hat er noch nicht auf dem Radar. Andere Analysten sehen das ähnlich: Franz Wenzel ( AXA Investment Managers) rechnet mit 2,25 Prozent Plus.

Fakt ist aber: Im Juni 2019 wird die wirtschaftliche Expansion der USA die längste aller Zeiten sein – und die Aufzeichnungen reichen 170 Jahre zurück. Damit wäre der bisherige Rekord – von 1991 bis 2001 – eingestellt, zeigen Daten des Instituts NBER. Somit wäre es logisch, dass eine Talfahrt näherrückt.

So oder so wird die Weltwirtschaft 2019 einen langsameren Gang einlegen. Und, wie oft in der Spätphase des Aufschwungs, sind die Investoren nervös. Keiner weiß, wann dieser zu Ende geht – da sitzt der Finger bei Hiobsbotschaften für Verkauforders locker. Das lässt kräftig schwankende Kurse erwarten.

Dennoch hält EAM-Stratege Permoser Aktien weiterhin für die attraktivste Klasse, vorausgesetzt das Portfolio ist breit gestreut und langfristigen orientiert.

Einige Risiken gibt es allerdings:

- Häusermarkt

Wenige Beobachter hatten bisher auf dem Radar, dass der US-Immobilienmarkt in den vergangenen Monaten schwächelte – längst nicht so dramatisch wie 2007 vor der Finanzkrise, aber die Zahl der Baugenehmigungen und Hausverkäufe ist deutlich gesunken.

- Handelskrieg

Die Zeichen stehen zwischen USA und China durch das 90-Tage-Moratorium zwar auf Entspannung. Das Thema werde aber wiederkehren, glaubt Permoser. Oft werde übersehen, dass nicht nur Trump, sondern Washingtons gesamtes Polit-Establishment Chinas aggressive Expansion höchst misstrauisch verfolgt.

- Brexit

Dass der EU-Austritt der britischen Wirtschaft schadet, lässt sich am Kurssturz des Pfundes ablesen. Wirklich dramatisch wäre ein chaotischer Brexit. Der sei unwahrscheinlich, aber gefährlich – gerade weil keiner damit rechnet.

- Italien

Im Budgetstreit rechnen die Analysten mit einem Einlenken Roms. Die Märkte zeigen Italien die Gelbe Karte, kritisch ist die Zinsentwicklung aber noch nicht, solange es keine negative Rückkopplung zwischen Banken und Staatsfinanzen gibt.

- Öl

Der Ölpreis war zuletzt kräftig eingebrochen, so wie auch 2014 und 2015. Am Donnerstag und Freitag tagt die OPEC in Wien. Da kann US-Präsident Trump noch so sehr dagegen antwittern: Ziel des Ölförderkartells ist es, die Preise durch Fördergrenzen wieder hoch zu treiben.

Die Zinskurse als Frühwarnsystem

Ob 1960, 1969, 1973, 1980/ 1981, 1990, 2001 oder  2007: Stellen Sie sich einen Experten vor, der alle Wirtschaftskrisen der USA seit dem Zweiten Weltkrieg richtig prophezeit hätte – und zwar Monate im Voraus. Undenkbar?

Nicht ganz. Ein Indikator hat das geschafft: die „inverse Zinskurve“. Was ist damit gemeint? Ob in den USA oder anderswo: In normalen Zeiten erhält ein Anleger für langfristige Schuldtitel höhere Zinsen als für Papiere, die früher zurückgezahlt werden. Logisch, man wartet länger darauf, sein Geld wieder zurück zu erhalten. Womit auch das Risiko höher sein sollte.

In außergewöhnlichen Phasen kann sich das umdrehen. Dann werden kurzfristige Papiere als riskanter wahrgenommen und verkauft –  was ihre Zinsen hochtreibt.Dafür schichten Anleger zu langfristigen Papieren um, was dort die Zinsen sinken lässt. Statt einem steilen Hügel wird die Zinskurve flacher – bis sie sich überhaupt zu einem Abhang umkehrt.

Diese Tendenz zeichnete sich in den letzten Jahren bereits ab, jetzt scheint es bald soweit: In den USA liegen die Renditen (Zinsen) auf zweijährige Staatsanleihen fast so hoch wie für zehnjährige. Mickrige 0,11 Prozentpünktchen lagen am  Mittwoch dazwischen.

Kommt jetzt die Rezession? Fix ist nix. Das Eingreifen der Notenbanken nach der Krise hat „normale“ Marktmechanismen nämlich weitgehend außer Kraft gesetzt. Wer weiß, wie zuverlässig da die   alten Signale sind.