Finanzpolitik Mecklenburg-Vorpommern

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Teuerung
11/28/2021

Das Inflationsgespenst und der ominöse Warenkorb

Die Preise explodieren, aber die Inflation gibt das nur bedingt wieder. Das liegt an ihrer Berechnungsmethode. Der Warenkorb zeigt die Grenzen der Statistik auf

von Michael Bachner

In Deutschland könnte die Teuerung demnächst die Marke von sechs Prozent erreichen, in der Eurozone droht gar die höchste Inflation seit dem Start der Gemeinschaftswährung 1999. Der Euro also doch ein Teuro?

Der Blick zurück mag beruhigen: „Die Lohnabschlüsse zwischen 1996 und 2020 ergaben eine reale Lohnsteigerung um 14,7 Prozent. Faktum ist also auch im langfristigen Vergleich, die Menschen können sich heute mehr leisten als in früheren Jahren oder Jahrzehnten. Der Fortschritt und die Wohlstandsvermehrung sind durchaus bei den Menschen angekommen“, sagt Statistik-Austria-Chef Tobias Thomas.

Dennoch: Auch in Österreich wissen Konsumenten was es heißt, wenn die Strom- und Gaspreise anziehen, wenn Tanken teurer wird oder der Heizölpreis um aktuell 60 Prozent über dem Vorjahr liegt. Während auch die Immobilienpreise nur eine Richtung kennen, steht die offizielle Teuerung im niedrigen einstelligen Prozentbereich: 3,7 Prozent betrug sie im Oktober, 3,3 im September.

Woran liegt das?

Das liegt an der Inflationsberechnung mittels Warenkorb und seinen Gewichtungen für 12 Kategorien mit insgesamt 756 Einzelpositionen. Ist ein Produkt im Warenkorb gering gewichtet, muss es schon eine heftige Preissteigerung erfahren, um die Gesamtinflation zu beeinflussen.

Beispiel Nr. 1: Diesel war im Oktober um 35 Prozent teurer. Aber nicht alle Österreicher haben ein Auto, und wenn, fahren sie oft mit Super oder schon elektrisch. So kommt es, dass Diesel im Warenkorb ein Gewicht von nur 1,96 Prozent hat. Die gesamte Kategorie Verkehr mit 176 Positionen vom Pkw-Kauf bis zum Scheibenwischer kommt immerhin auf 13,75 Prozent.

Wer legt fest, was in den Warenkorb kommt?

Die Verbraucher selbst. Basis ist die alle fünf Jahre durchgeführte Konsumerhebung bei 8.000 Haushalten in ganz Österreich, die 14 Tage penibel Buch über ihre Einkäufe führen. Alle Produkte und Dienstleistungen, für die im Jahr mehr als 150 Mio. Euro ausgegeben werden, werden erfasst. Aber immer in Relation zum Preis und wie oft das Produkt gekauft wird. So bilden die Statistiker den Durchschnittsverbrauch ab, der für keinen Konsumenten so richtig und doch für alle – statistisch gesehen – irgendwie „stimmt“.

Beispiel Nr. 2: Bei „verschiedene Waren und Dienstleistungen“ findet sich die teure, aber von der Gesamtbevölkerung relativ selten benötigte 24-Stunden-Betreuung (Gewichtung: 0,23 %). Die vergleichsweise günstigere Kfz-Haftpflicht hat im Warenkorb aber ein Gewicht von 1,21 % – weil sie hunderttausendfach abgeschlossen wird.

Was stört Kritiker am Warenkorb?

Kritik gibt es etwa daran, dass der Warenkorb der Realität stets ein klein wenig hinterher hinkt. Alle fünf Jahre gibt es eine größere Revision. Zuletzt, Anfang 2021, wurden etwa CD-, DVD- und Blu-ray-Player aussortiert, aufgenommen wurde dafür – endlich könnte man meinen – das Streamen von Filmen und Musik.

Kritik gibt es auch daran, dass Qualitätsverbesserungen wie ein größerer Speicher beim gleich teuren PC, wie fiktive Preissenkungen behandelt werden. Oder, dass eben besagte Gewichtungen im Warenkorb zu hinterfragen sind.

Beispiel Nr. 3: Während die Wohnkosten nicht selten einen guten Teil des Einkommens verschlingen, hat die Miete im Warenkorb nur ein Gewicht von 5,5 %. Wie das?

Rund 60 Prozent der Österreicher leben im Eigentum, zahlen also gar keine Miete. Außerdem bezieht sich die Gewichtung auf die Kaltmiete, also ohne Heizkosten. Die Gesamtkategorie „Wohnen, Wasser und Energie“ ist immerhin für 18,7 Prozent der Inflation verantwortlich. In Ballungsräumen ist das noch immer weit weg der Realität, werden viele einwenden.

Wie hoch ist also die „gefühlte“ Inflation?

Dazu gibt es keine Berechnungen. Fix ist, die gefühlte Inflation ist viel höher als die offizielle. Das liegt an psychologischen Faktoren wie: Preiserhöhungen ärgern mehr als Verbilligungen freuen. Oder: Konsumenten kennen oft Preise von Alltagsprodukten. Den täglichen Einkauf „fühlen“ sie daher stärker, als die verblasste Erinnerung an z. B. das günstigere Handy vor ein paar Monaten. Die Statistik Austria versucht das Phänomen mit zwei zusätzlichen Warenkörben abzudecken.

Der Mikrowarenkorb steht für den täglichen Einkauf. Weil die Nahrungsmittelpreise derzeit nur moderat steigen, liegt hier die Inflation mit 3,3 Prozent sogar unter der allgemeinen Teuerungsrate.

Der Miniwarenkorb steht für den wöchentlichen Einkauf und enthält auch das Tanken. Weil Treibstoffe um 30 Prozent teurer wurden, liegt hier die Inflation bei 8,5 Prozent.

Sind Reformen geplant? 80 Personen rücken Monat für Monat in ganz Österreich aus, um all die Preise zu erheben, die es zur Inflationsberechnung braucht. Bis vor fünf Jahren mit Papier und Bleistift, seither mit Tablets. 20 weitere Menschen sind in der Statistik Austria mit dem Thema beschäftigt. Ihnen allen wird das Leben ein klein wenig erleichtert. Ab 2022 bekommen sie nach einer zweijährigen Pilotphase die Scannerdaten der Supermarktketten und Drogeriemärkte zur Verfügung gestellt. Das bringt eine bessere Datenqualität für rund 13 Prozent aller Produkte im Warenkorb.

Ein Streitpunkt bleibt: Eigenheimkosten sind nicht erfasst – bei steigenden Immobilienpreise hält das die Inflation künstlich niedrig. Die Begründung der Statistiker: Der Kauf des Eigenheims ist eine Investition, die Inflation soll den Konsum abbilden.

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