© APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Wirtschaft
06/11/2020

Warum Schwedens Corona-Sonderweg wirtschaftlich wenig brachte

Das skandinavische Land pflegte einen lockereren Umgang im Kampf gegen die Pandemie als Österreich.

Gut besuchte Cafés und Restaurants, offene Schulen und Kindergärten – und das durchgängig seit Mitte März: Schweden hat in der Corona-Krise einen für alle sichtbaren Sonderweg bestritten. Wirtschaftlich ausgezahlt scheint es sich nicht zu haben: Die OECD prognostizierte am Mittwoch den Skandinaviern für 2020 ein Minus der Wirtschaftsleistung von 6,7 Prozent, was sogar eine Spur schlechter ist als der Ausblick für Österreich (minus 6,2 Prozent).

Andere Mentalität

Offene Geschäfte, größerer Rückgang – wie ist das möglich? Auf den zweiten Blick zeigt sich: So unterschiedlich war der Umgang mit dem Coronavirus gar nicht. Dazu müsse man die Mentalitätsunterschiede kennen, erklärt Albrecht Zimburg, der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Stockholm: „Wenn in Schweden ein Experte eine Empfehlung ausspricht, gilt das nicht als unverbindlich, sondern als Gebot.“ Das heißt: Obwohl es wenige Verbote und keine Polizeikontrollen gab, haben sich die meisten an die Abstandsgebote gehalten oder sind daheim geblieben.

Für die „kuscheligen“ Bilder aus Lokalen sei eine jüngere, urbane, oft besser situierte Zielgruppe verantwortlich gewesen. Aber: Ob die Schanigärten voll sind oder nicht, spielt für die schwedische Volkswirtschaft als Ganzes keine große Rolle. Das Land ist mit 46 Prozent Exportanteil am BIP fast ebenso exportlastig wie Österreich.

Großer Unterschied

Wenn die Nachfrage aus dem Ausland nachlässt und die Lieferketten bröckeln, stürzt der Außenhandel ab. Der große Unterschied zu Österreich: In der rot-weiß-roten Wirtschaftsstruktur spielen die Klein- und Mittelbetriebe die Hauptrolle. In Schweden sind es Großkonzerne wie Ericsson, Scania, AstraZeneca, Volvo oder Ikea (auch wenn die Zentrale und Produktionsstätten längst nicht mehr in Schweden sind).

Diese Riesen spüren den Abschwung massiv und brauchen lange, um aus Krisen herauszukommen. „Einen Tanker dreht man nicht so schnell um“, sagt Zimburg. „Die vielen Segelboote in Österreich mögen zwar windanfälliger sein, sie können dafür aber viel rascher reagieren.“ Er glaubt, dass Österreichs Wirtschaft schneller aus der Krise hinaussteuern kann.

Nach einer katastrophalen Bankenkrise Anfang der 1990er und der danach erfolgten Sanierung des Haushaltes steht Schweden mit 43 Prozent Staatsschulden blitzsauber da. Das bietet einen guten Polster. Retten um jeden Preis gilt in Schweden allerdings selbst in der Corona-Pandemie als tabu.

Widersprüche

Hier hat man vor Jahren die Lehren aus dem Fiasko der Werften gezogen, die – trotz Milliardenbeihilfen – pleite gingen. Starke Gewerkschaften, aber kaum Kündigungsschutz. Ein wärmender Sozialstaat, der zugleich extrem unternehmensfreundlich ist: Solche Gegensätze machen das schwedische Modell spannend. Kapitalistische und fast schon kommunistische Züge schließen einander nicht aus. „Diese Widersprüche sind da, sie lassen sich nur schwer erklären“, sagt Zimburg.

Einen Unterschied zu Österreich gibt es noch: Es gibt einen Konsens, dass Schweden an seiner eigenen Währung, der Krone, festhalten will. Die hat in den vergangenen acht Jahren kräftig an Wert zum Euro eingebüßt. 2012, als Zimburg sein Amt in Stockholm antrat, hat ein Euro 8,4 Kronen gekostet, derzeit sind es 10,5 Kronen. „Die Exporteure hat das gefreut. Für die vielen reisefreudigen Schweden ist es ein Problem“, sagt der Außenhandelsprofi.

Versäumnisse

Das Konzept war so buchstäblich andersartig, dass es  Aufsehen erregte. Als Staatsepidemiologe Anders Tegnell die Idee der Herdenimmunität präsentierte, sorgte das weltweit für Schlagzeilen: Wenn sich möglichst viele Menschen ohne Symptome ansteckten und Antikörper entwickelten, kämen Neuansteckungen mit dem Virus zum Erliegen. Ab 60 Prozent „Durchseuchung“ sehen  Experten diesen Status erreicht.  Zwar wurde das nie als öffentliche Politik in Schweden ausgerufen, spekuliert hat die Regierung aber insgeheim schon damit. Vor allem, weil die Strategie auch auf lange Sicht durchhaltbar sein sollte.

Von seinem Ziel dürfte Schweden aber weit entfernt sein. Ende Mai veröffentlichte die Gesundheitsbehörde erste Ergebnisse einer Antikörper-Studie mit 1.200 Blutproben. Demnach hatten 7,3 Prozent der Bewohner Stockholms Antikörper gegen Corona gebildet. In ländlichen  Regionen lag der Wert bei 3,7 Prozent. Kleiner Einwand: Abgebildet sind nur Infektionen, die bis Anfang April stattfanden.

Skandalöser Umgang

Die umgelegt auf die Bevölkerungszahl Häufung an Covid-19-Todesfälle sei übrigens nicht der Strategie geschuldet, sagen Experten, sondern zwei Versäumnissen: Den vielen beengt lebenden Zuwanderern, etwa aus Somalia, sei der schwedische Weg nicht erklärt worden. Sie betrafen besonders viele Infektionen. Und skandalös sei der Umgang in den oftmals gewinnorientiert betriebenen Pflege- und Altersheimen gewesen: Hier schleppte schlecht geschultes Personal  in Kombination mit mangelnden Sicherheitsvorkehrungen das Virus ein – ein Grund für die Häufung an Todesfällen.

Hermann Sileitsch-Parzer

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