Anders Tegnell (64), Chef-Epidemiologe, gerät immer mehr unter Beschuss

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Politik Ausland
06/09/2020

Schweden: Die Stimmung beginnt zu kippen

Epidemiologe unter Beschuss, Regierung stimmt Corona-U-Kommission zu.

von Jens Mattern

Vorsätzlich“ habe die schwedische Regierung „die große Infektionsverbreitung in Schweden zugelassen“, so Ebba Busch-Thor, die Chefin der „Christdemokraten“, am Sonntagabend in einer TV-Diskussion im öffentlich-rechtlichen Fernsehen SVT; die Regierung lasse sowohl Verantwortung als auch Klarheit vermissen, meinte Ulf Kristersson, Vorsitzender der „Moderaten“, ebendort.

Zuvor hatte schon Jimmie Akesson von den rechten „Schwedendemokraten“ den „Burgfrieden“ in Sachen schwedischer Anti-Corona-Strategie aufgekündigt: „Unsere Älteren haben nicht den Schutz und die Unterstützung bekommen, auf die sie alles Recht hatten.“ Die Strategie sei von einer falschen Annahme ausgegangen und „enorm fehlgeschlagen“.

Tausende Tote

Das Land mit zehn Millionen Einwohnern hat mit über 4.650 Toten eine verhältnismäßig höhere Anzahl an Opfern in der Covid-19-Pandemie als die skandinavischen Nachbarn. Anders Tegnell, Experte des Gesundheitsamtes, überzeugte die rot-grüne Minderheitsregierung, auf einen Lockdown zu verzichten, um das öffentliche Leben so wenig wie möglich einzuschränken. Angesichts der hohen Todeszahlen hat der 64-jährige Beamte jedoch vergangene Woche eingeräumt, dass mehr Maßnahmen notwendig gewesen wären. Die Hälfte der Toten gab es in Altersheimen, wo es an Personal und Schutzausrüstungen mangelt.

Die schwedische Bevölkerung begrüßte lange die Privilegien, die sie im Vergleich zu den Nachbarn hatte – offene Restaurants und Geschäfte sowie Grundschulen und Kitas. Auch genoss Tegnell mit seinen alten Pullis und der beruhigenden Stimme den Nimbus eines beruhigenden „Landesvaters“. Doch das Vertrauen schwindet. Waren noch im April 63 Prozent mit dem Krisenmanagement der Regierung zufrieden, so sind es im Juni nur noch 45.

Unter dem Druck der bürgerlichen Opposition hat die rot-grüne Minderheitsregierung vergangene Woche einer parlamentarischen Untersuchungskommission zur Krisenstrategie zugestimmt, die demnächst ihre Arbeit aufnehmen soll.

Tegnell kontert WHO

Anders Tegnell bleibt derweilen weiterhin eigenwillig. So widersprach er am Sonntag der Empfehlung des Chefs der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom, in überfüllten Räumen mit anderen Menschen einen Mundschutz zu tragen. Dies könne die Anweisungen, zu Hause zu bleiben, wenn man krank ist, untergraben, sowie die Forderung, sozialen Abstand zu halten, glaubt der Mediziner.