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Wirtschaft
01/23/2021

Cola Light gesünder als Milch? Glaubensstreit um den Nutri-Score

Immer mehr Länder übernehmen das französische Modell zur Benotung von Lebensmitteln. Die heimische Branche ist davon nicht begeistert.

von Johannes Arends

Seit wenigen Wochen ist Deutschland einer der sieben Staaten, die den sogenannten Nutri-Score zur Benotung von Lebensmitteln eingeführt haben. Das System wurde 2017 von den französischen Gesundheitsbehörden ins Leben gerufen, auf Basis einer Zusammenarbeit britischer und französischer Ernährungswissenschaftler. Inzwischen findet das System auch in Spanien, Portugal, den BeNeLux-Staaten und eben Deutschland Anwendung.

Der Nutri-Score vergleicht ausschließlich die Nährwerte unterschiedlicher Produkte bei einer Portionsgröße von 100 Gramm, beziehungsweise 100 Milliliter. Dabei werden positive Inhaltsstoffe (Eiweiß, Ballaststoffe, Obst, Gemüse, Nüsse) negativen (gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz) entgegengerechnet.

Doch es gibt nicht nur Fürsprecher des Systems. Der erste große Aufschrei war aus Italien zu vernehmen, nachdem sich herauskristallisiert hatte, dass klassisch italienische Nahrungsmittel wie Parmesan, Pesto oder Olivenöl alles andere als gut wegkamen: Während Olivenöl aufgrund seines hohen Fettgehalts beispielsweise mit einem orangefarbenem D gebrandmarkt wird, kommt das etwas weniger fette Rapsöl besser weg - obwohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) vor der im Rapsöl vorkommenden Erucasäure warnt.

Der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza erklärte deshalb vor knapp einem Jahr öffentlich, Italien werde ein Modell, das Rapsöl besser bewertet als Olivenöl, "niemals akzeptieren".

Cola Light besser als Milch

Für Berglandmilch-Geschäftsführer Josef Braunshofer ist der Zorn aus Italien "absolut verständlich". "Ich werde bei diesem Thema auch emotional", sagt Braunshofer zum KURIER. Der Nutri-Score sei kein informierendes, "sondern ein wertendes System, das Produkte farblich in gut und böse einteilt."

Unterschiedliche Studien zeigen, dass die Notengebung des Nutri-Score für Kunden deutlich leichter nachzuvollziehen ist, als die momentan verpflichtende Nährwerttabelle. Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des WKÖ-Fachverbandes der Lebensmittelindustrie, sieht trotzdem ein Problem darin: "Die verwendete Farbskala ist eine Symbolik des Straßenverkehrs. Das mag eingängig und reizvoll erscheinen, aber Ernährung ist komplex und für jeden Menschen individuell abzustimmen."

Zudem komme es durch die fixe Benotung anhand des Nährwerts immer wieder zu kuriosen Ergebnissen. Denn viele kritisch diskutierte Inhalte, die sich nicht umgehend auf das Körpergewicht auswirken, würden außer Acht gelassen. Das wohl berühmteste Beispiel dafür sind zuckerfreie Cola-Getränke, die die zweitbeste Note B erhalten (Wasser ist das einzige Getränk mit einem A). Für Braunshofer ein Ärgernis: "Es kann nicht sein, dass ein Industrieprodukt wie Cola Light besser benotet wird als ein naturtrüber Apfelsaft oder Milch."

"Nicht perfekt, aber das beste Modell, das wir kennen"

Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) stimmt zu, dass das eine schiefe Optik bietet. "Aber Milch ist eigentlich kein Getränk, sondern ein flüssiges Nahrungsmittel. Und Fruchtsäfte sind sehr, sehr zuckerhaltig", sagt sie. "Cola Light enthält in Wahrheit schlicht gar keine Nährstoffe. Damit ist es zwar nicht gesund, aber macht alleine auch nicht so dick wie Apfelsaft." Problematisch sei die durch Süßstoffe hervorgerufene Süßgewöhnung, die zum weiteren Konsum von Süßspeisen führe.

Grundsätzlich sei aber festzuhalten, dass der Nutri-Score generell nicht für Grundnahrungsmittel konzipiert wurde, sondern für weiterverarbeitete Lebensmittel und Fertigspeisen. Damit sei er zwar noch nicht perfekt, "aber der Nutri-Score ist für Kunden nachweislich das einfachste und zuverlässigste Modell, das wir kennen", meint Beck. Und wenn eine verpflichtende Einführung Großkonzerne dazu bewegen würde, die Rezeptur ihrer Produkte anzupassen, "dann wäre das doch für uns alle wünschenswert".

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