Wirtschaft
04.07.2018

Chinesischer Tycoon stürzt in den Tod

Wang Jian, Gründer des mächtigen HNA-Konzerns, fiel in Südfrankreich von einer Mauer. Der Gigant steckt in Finanznöten.

Es ist genau dieses Panorama, das Bonnieux zu einem Touristen-Magneten macht: Das kleine südfranzösische Städtchen mit seinen mittelalterlichen Steinmauern eröffnet einen Rundumblick weit über die Provence, von Avignon bis über Mont Ventoux hinaus.

Einem der mächtigsten Manager Chinas wurde dieser malerische Blick zum Verhängnis. Wang Jian (57), Mitbegründer und Co-Verwaltungsratschef des riesigen HNA-Konzerns, stürzte in den Tod, als er mit seiner Familie für ein Foto posieren wollte. Laut Angaben der Gendarmerie habe Wang Jian versucht, eine Mauer zu erklimmen. Nach einem gescheiterten Anlauf habe er Schwung geholt und sei zehn Meter in die Tiefe gestürzt. Die Rettungskräfte konnten ihn nicht mehr wiederbeleben.

HNA bestätigte in einer Aussendung, dass Wang am Dienstag an seinen schweren Verletzungen gestorben sei. Der tragische Tod fällt in eine schwierige Zeit: HNA hatte eine schwindelerregende Expansion betrieben. In den vergangenen Jahren hat das Konglomerat weltweit Beteiligungen um geschätzte 50 Milliarden Dollar zusammengekauft – und sich kräftig überhoben. Laut Bloomberg musste HNA 2017 satte fünf Milliarden Dollar Zinskosten für einen 94-Milliarden-Dollar-Schuldenberg stemmen.

Auch zu Österreich gibt es einen Bezug: HNA hatte im Mai 2017 die Mehrheit an der börsenotierten Wiener Fondsgesellschaft C-Quadrat übernommen. Im April 2018 gab es grünes Licht von der Finanzmarktaufsicht. Über

C-Quadrat beteiligte sich HNA um rund 3,4 Milliarden Euro an der Deutschen Bank und stieg zum größten Aktionär neben der Herrscherfamilie aus Katar auf.

Peking stoppt den Kurs

Ab Sommer traten allerdings Chinas Behörden kräftig auf die Bremse. Sie untersagten expansionswütigen Konzernen wie HNA, dem Immobilienriesen Wanda (aktuell Bandensponsor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland), Finanzinvestor Fosun oder Versicherer Anbang Übernahmen – besonders, wenn sie Fußballvereine oder Filmstudios betrafen, die fernab der verordneten Hightech-Industrieoffensive „Made in China 2025“ waren.

HNA musste wegen seiner Finanz-Engpässe kräftig zurückrudern: Der Anteil an der Deutschen Bank wurde von 9,9 auf 7,8 Prozent reduziert. Aktien an den Hotelketten Hilton, Park Hotels & Resorts und der spanischen NH Hotels stehen zum Verkauf.

Die Schlüsselfigur des Expansionskurses war Wang Jian. Er kam aus der Luftfahrtbranche, hatte zudem in den Niederlanden Management studiert. Wang galt als strategischer Kopf von HNA, der die operativen Geschäfte führte. Er hielt einen Anteil von knapp 15 Prozent – das Magazin Forbes schätzte sein Vermögen zuletzt auf 1,7 Milliarden Dollar. Sein formal gleichberechtigter Kompagnon Chen Feng (65) ist hingegen das HNA-Gesicht in der Öffentlichkeit. Chen war kürzlich, am 25. Juni, in Wien bei der Standortkonferenz der Bundesregierung.

 

Für heftige Kritik sorgte stets das undurchsichtige Firmengeflecht. Kontrolliert werden 52 Prozent der HNA-Aktien von zwei Stiftungen in New York und China. Auf diese gehen laut Reuters die 15-Prozent-Anteile der Gründer im Todesfall über.

Wirklich ein Unfall?

Ohne Duldung Pekings wäre der HNA-Aufstieg nicht möglich gewesen, sagen China-Kenner. Viele Fäden laufen auf der Ferieninsel Hainan, „Chinas Antwort auf Hawaii“, zusammen. Deren Provinzregierung hatte jüngst aber ausgeschlossen, Haftungen für HNA zu übernehmen. Wang selbst hatte Anfang des Jahres in internen Mails die Finanzprobleme auf eine „Verschwörung reaktionärer Kräfte“ gegen die Kommunistische Partei und Präsident Xi Jinping zurückgeführt.

Stößt in China Firmenchefs etwas zu, sind Gerüchte nicht weit. Schon öfter waren Bosse kurzfristig verschollen. Laut Augenzeugen deutet bei Wang aber alles auf einen Unfall hin. Eine Autopsie soll die Todesursache klären.

Expansionswütig: Auf Platz  170 weltweit

Auf der Fortune-Liste der größten Konzerne belegt HNA mit 53 Mrd. Dollar Umsatz und 220.000 Mitarbeitern Platz 170. Der von Chen Feng und Wang Jian gegründete Mischkonzern besitzt 740 Flugzeuge und 50 Schiffe sowie  13 Flughäfen, 8000 Hotels und 1600 Geschäfte. Entstanden ist er aus der 1992  gegründeten  Fluglinie Hainan Airlines. Zuletzt wurde wild zusammengekauft, etwa Anteile an der Deutschen Bank,  den Hotelketten Hilton und NH Hotels, am Flughafen Frankfurt Hahn, Caterer Gategroup  und  Logistiker Swissport (CH) sowie IT-Distributeur Ingram Micro (USA).