© APA - Austria Presse Agentur

Wirtschaft
06/09/2020

Börsenexperte: "Aufschwung hat nichts mit der Realität zu tun"

Aktien konnten Verluste teils wettmachen, die Krise ist aber nicht vorbei, warnen Experten vor Rückschlägen.

von Robert Kleedorfer

Der Absturz war rekordverdächtig: Im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie fielen die internationalen Aktienindizes innerhalb weniger Tage im März beinahe ins Bodenlose. Doch Mitte März war der Talboden erreicht. Und seitdem steigen die Kurse vielerorts wieder, als ob ein Heilmittel gegen das Virus gefunden worden wäre. Ein gefährliches Signal.

„Die Börsen verhalten sich seltsam und irrational“, fasst Fritz Mostböck, Chefanalyst der Erste Group, die Entwicklung im KURIER-Gespräch zusammen. „Der jüngste Aufschwung hat nichts mit der Realität zu tun und ist fast ungerechtfertigt.“ Denn es sei zwar keine zweite Welle zu erwarten, aber starke negative volkswirtschaftliche Folgen.

Optimistische Amerikaner

Doch wieso gibt es diese Zuwächse, vor allem in den USA, die dafür sorgen, dass Aktien vielerorts wieder dort stehen, wo sie zu Jahresbeginn waren. „Amerikaner sind von Haus aus optimistisch“, begründet Mostböck, warum die US-Börsen besser performen. „Europäer sind realistischer.“

Der Frankfurter DAX ist zwar ebenso fast schon wieder auf demselben Niveau, in Süd- und Osteuropa sowie in Wien gibt es aber noch viel Aufholbedarf. „Das Bild ist sehr kontroversiell“, so Mostböck. Zweiter möglicher Grund sei der Umstand, dass Konzerne die günstigen Kurse genutzt haben, um sich mit eigenen Aktien einzudecken, damit sie bei späteren Kapitalmaßnahmen Vorteile haben.

Tiefe Zinsen

Als weitere wichtige Gründe für die Aktienhausse nennt Eoin Murray, Investmentchef beim Vermögensverwalter Federated Hermes, die überschüssige Liquidität im Markt und ein Mangel an attraktiven Alternativen angesichts der niedrigen Zinsen. „Zudem beginnen sich die Volkswirtschaften wieder zu öffnen, obwohl die Zahl der Corona-Fälle weiter zunimmt. Das bedeutet auch: Anleger sehen allmählich einen Weg aus dieser Krise.“

Auch laut Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management, spiegelt die starke Erholung bei Aktien nicht die wirtschaftliche Realität wider. „Daher verfolgen wir weiterhin einen konservativen Ansatz: Wir behalten unsere starke defensive Ausrichtung bei und erhöhen zugleich die Empfehlung in Bereichen, die ungerechtfertigt niedrig bewertet sind, wie etwa japanische Aktien und Rohstoffaktien.“

Pharma- und Techaktien gefragt

Für Stuart Canning von M&G Investments wiederum sind die Erholungschancen nicht für alle Vermögenswerte gleich. „Anleger sollten daher noch selektiver und taktischer vorgehen als bisher.“ Er rät zu Pharma- und Techaktien, wobei Letztere schon stark performen. Die US-Techbörse Nasdaq liegt 12 Prozent im Plus (seit Jänner). Banktitel sieht er skeptisch. Sie sind stark im ATX gewichtet, was mit ein Grund für den Rückstand zu anderen Indizes ist. Mostböck rät ebenfalls zu defensiven Werten (etwa Post, Mayr-Melnof) oder mit Nähe zu Osteuropa (Strabag, VIG).

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.