Bhutan: Unternehmergeist im Land des Glücks

Gemeinwohlfestival 2016
Foto: /Michael Janousek Ha Vinh Tho: "In Bhutan gibt es weder Bettler noch Slums"

"Glücksminister" Ha Vinh Tho über Armut, Wachstums-Gläubigkeit und Fortschritt.

In Bhutan, einem Königreich im östlichen Himalaja, ticken die ökonomischen Uhren anders. Nicht das Streben nach möglichst viel Profit und Wirtschaftswachstum ist das erklärte Ziel des Landes, sondern Glück und Zufriedenheit der Bevölkerung. 1972 hat der damalige König Jigme Sinay Wangchuck, die Einwohner befragt, was sie glücklich macht. Seither wird das Bruttonationalglück gemessen: Anhand von Indikatoren – etwa Gesundheit, Lebensstandard, Zeitverwendung –, die bei regelmäßigen Umfragen bei den 750.000 Bhutanern erhoben werden, misst das Land den Glücksfaktor. Der KURIER sprach mit Ha Vinh Tho, dem Leiter des Glücksinstitut Bhutans, der mit einer Wienerin verheiratet ist, am Rande des Festes des Vereins für Gemeinwohlökonomie in Wien.

KURIER: Herr Vinh, Bhutan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Sind die Bewohner arm, aber dafür glücklich?

Ha Vinh Tho: Das stimmt so nicht ganz. Die Armut wird nämlich am Geld gemessen, das jemand pro Tag zur Verfügung hat. Viele Menschen in Bhutan haben kein Geld, aber sie hungern auch nicht, sie können zum Arzt gehen und ihre Kinder zur Schule schicken. Wir haben in Bhutan keine Slums wie im benachbarten Indien und wir haben keine Bettler.

Kann man ohne Geld glücklich sein?

Bis zu einem gewissen Grad ist Geld wichtig. Viele Menschen brauchen es, um sich Nahrung, Wohnen und Kleidung zu leisten. Aber wenn ein Land mit dem Bruttonationalprodukt nur die finanziell wirksamen Transaktionen misst, dann ist es egal ob das positiv oder negativ für Mensch und Umwelt ist. Wenn Sie zum Beispiel ihre Tochter gut erziehen, schlägt sich das im BIP nicht nieder. Wenn Sie sie aber schlecht erziehen, muss sie später zu Therapeuten. Das kostet Geld und steigert daher das BIP. Dieses Instrument ist also nicht geeignet, den Wohlstand eines Landes wirklich zu messen.

Bhutan misst also das Glück. Wie wirkt sich das auf wirtschaftliche Tätigkeit aus?

Das Bruttonationalglück ist ein Instrument, das ökologisches Wachstum, gute Regierungsführung, Umwelt und Kultur misst. Das ergibt ein ganzheitlicheres Bild eines Landes als das BIP. Zum Beispiel: Es gibt Bergbau in Bhutan oder auch Wasserkraft. Aber bevor so ein Projekt gestartet wird, muss untersucht werden, ob es negative Auswirkungen auf Umwelt und Menschen hat. Wir siedeln wegen eines Kraftwerks nicht Tausende Menschen um wie es in China passiert. Wir versuchen ein Gleichgewicht zu finden zwischen Wirtschaftswachstum und Umwelt. Entschieden wird das von einer Kommission.

Wenn alle Bhutaner so zufrieden sind: Gibt es Fortschritt im Land?

Bhutan ist nicht das Paradies auf Erden. Es gibt auch Probleme. In der jüngste Befragung etwa wurde klar, dass die Bevölkerung eine bessere Infrastruktur will. Daran müssen wir arbeiten.

Sind auch die jungen Menschen in Bhutan glücklich?

Wir zählen zu den wenigen armen Ländern, aus denen die Jugend nicht auswandert. Sie nutzen Internet und Facebook. Wir haben keine Zensur. Aber wir haben ein neues Problem: Die Jugendarbeitslosigkeit nimmt zu. Weil alle in die Schule gehen und viele studieren, wollen die Jungen nicht mehr zurück aufs Land und wie ihre Eltern Bauern sein. Wir müssen den Unternehmergeist stärken.

Jungunternehmer in Bhutan: Bleibt das Glück auf der Strecke?

Wir wollen "social entrepreneurs", also Unternehmer, die auf die Umwelt und die Mitarbeiter schauen. Zum Beispiel: Ein junger Bhutanese hat ein ökologisches Abfallunternehmen gegründet. Er übernimmt die Müllentsorgung der Hauptstadt. Oder: Ein anderer erzeugt Potato-Chips in recycelbarer Verpackung.

(kurier) Erstellt am
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