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Wirtschaft
05/29/2021

Bei Bauprojekten heißt es heuer: Bitte warten

Wer heuer ein Einfamilienhaus baut, muss mit sechs bis acht Prozent höheren Kosten rechnen als vor einem Jahr.

von Anita Kiefer

Wer aktuell ein Bauprojekt umsetzt, der braucht vor allem zwei Dinge: Geduld und mehr Geld. Lieferverzögerungen und Knappheiten sind bei fast allen Baumaterialien an der Tagesordnung. Davon kann Andreas Vorlicky ein Lied singen. Er stockt aktuell sein Haus im 23. Bezirk in Wien auf – und rechnet mittlerweile damit, dass ihn sein Projekt infolge sprunghafter Preisanstiege seit Jahresbeginn um 15 Prozent mehr kosten wird als angedacht.

Sein Problem sind vor allem Knappheiten bei Bauholz und Styroporplatten für Dämmungen. "Styroporplatten kosten das doppelte, wenn man sie überhaupt bekommt", sagt er. Er hat sich seine Platten jetzt aus dem Ausland organisiert – zu lange waren die Wartezeiten. Die Holzwände, die er für sein Projekt braucht, sind momentan überhaupt nicht lieferbar. "Unser Zimmerer baut die Wände jetzt anders und selbst", berichtet er.

Starkes Preisplus

"So eine Preissituation, wie sie heuer ist, habe ich noch nicht erlebt", fasst es Robert Jägersberger, Innungsmeister der Bauinnung in der Wirtschaftskammer Österreich, zusammen. Der Preis hänge zwar immer stark von den verwendeten Materialien ab, sagt er. Rund sechs bis acht Prozent müssen Bauleute heuer aber für ein Einfamilienhaus mehr hinblättern als noch vor einem Jahr, so seine Schätzung. Normal sind, sagt er, jährliche Steigerungen von zwei bis drei Prozent. Die ergeben sich etwa aus Kollektivvertragserhöhungen und aus Inflationsanpassungen.

Es mangelt jedenfalls nicht nur an einem Material, sondern gleich an einer ganzen Palette: Stahl, Bauholz, Dämmstoffe. Der Preisindex für Schnittholz ist von März 2020 bis März 2021 um über 26 Prozent gestiegen. Bei verarbeiteten Produkten gehen die Steigerungen sogar bis zu 80 oder 90 Prozent. Noch deutlicher das Plus bei Dämmstoffen wie Styropor: Eine Preisverdopplung gegenüber dem Vorjahr ist keine Seltenheit. Und der Rohstoffpreis für Stahl hat auch um rund 30 Prozent angezogen.

Glas ebenfalls knapp

Auch Glas ist knapp, weiß Josef Hattmannsdorfer, Wirtschaftskammer-Vertreter der Glasindustrie. Sein Unternehmen produziert und handelt mit Isolierglas. Der Grund für die Knappheit: Viele Firmen haben gleichzeitig die Revision ihrer Floatglashütten begonnen. Und die nimmt rund sechs Monate Zeit in Anspruch. Zeit, in der die Produktion stillsteht. "In Europa sind momentan einige der Hütten auf Reparatur", so Hattmannsdorfer. Was zu einer Knappheit in der Versorgung führt.

Und, natürlich, zu höheren Preisen. "Die Rohware Glas ist je nach Produktgruppe zwischen 15 und 25 Prozent teurer geworden", weiß Hattmannsdorfer. "Bei veredelten Produkten sind es Steigerungen zwischen zehn und 15 Prozent." Dass Baustellen nicht beliefert werden können, heißt das im Umkehrschluss aber nicht. Gröbere Lieferverzögerungen gebe es nur bei bestimmten Sonderprodukten wie etwa Farb- oder Weißgläser.

Problem: Verfügbarkeit

Ein Problem sind nicht nur die gestiegenen Preise, sondern überhaupt die Verfügbarkeit der Baumaterialien. Je nach Baumaterial wartet man bis zu 20 Wochen auf eine Lieferung. Gewisse Holzprodukte gebe es erst im Herbst wieder, zählt Bauinnungssprecher Jägersberger auf. Das kann das ein oder andere Bauprojekt schon sehr verzögern. Hinzu kommt, dass man bisher mit Vorlaufzeiten bei Lieferungen ziemlich verwöhnt war.

Ein Problem ist das nicht nur für die Konsumentinnen und Konsumenten, sondern war es in den vergangenen Monaten in erster Linie für die Baufirmen. Denn: Wer Verträge im Vorjahr abgeschlossen hat, den trafen die Steigerungen Anfang des Jahres mit voller Wucht – Gewinnmargen sind dahingeschmolzen. Dazu kommen Mehrkosten durch Corona-Präventions-Maßnahmen wie Abstandsregeln und größere Nassbereiche. "Die Firmen arbeiten preislich am Anschlag", bestätigt auch Jägersberger.

"Beginn einer Spirale"

Ein Beispiel schildert Andreas Frech, der eine Installateurfirma in Wien betreibt. Lüftungsrohre, Rohre und Schläuche für Elektroinstallationen – überall gibt es empfindliche Preissteigerungen. "Allein bei den Lüftungsrohren ist das Rohmaterial, verzinkte Bleche, um 90 Prozent teurer geworden", sagt er. Anders als viele Wirtschaftsforscher glaubt er übrigens nicht, dass sich das Preisniveau im Herbst wieder einpendelt. "Wir sind erst am Beginn einer Spirale." Denn die Nachfrage ist hoch, die Sparquote ebenso – und die Menschen würden in Sachwerte investieren. Gleichzeitig sieht er eine steigende Insolvenzgefahr bei Firmen, die gestiegene Baumaterialkosten – etwa wegen bereits abgeschlossener Verträge bei langfristigen Bauprojekten etwa im großvolumigen Wohnbau – nicht adäquat weitergeben können.

Doch zurück zum Endkonsumenten. Dass die Nachfrage ungebremst hoch ist und sich die gestiegenen Baukosten nicht auf die Baulaune in Österreich auswirken, bestätigt auch Bauinnungsmeister Jägersberger: Einen Auftragsrückgang verzeichnet man nicht. Er erwartet auch keinen Einbruch.

Maximal Stagnation

Die gute Nachricht, zumindest für den Moment: Aktuell stagnieren die Preise. Die sprunghaften Anstiege waren vor allem von Jänner bis April dieses Jahres zu beobachten. Die schlechte: Eine Prognose, was die Preisentwicklung angeht, wagt niemand zu geben. "Solange die Nachfrage da ist und die Grundprodukte fehlen, ist das schwierig", sagt der Baumeister.

Dass sich die Preise aber wieder annähernd auf das Niveau des Vorjahres reduzieren können, das glauben die wenigsten. "Ich erwarte eine Stagnation der Preise, vielleicht einen leichten Rückgang", sagt Jägersberger.

  • Bauholz
    Die weltweite Nachfrage ist auch dank der Pandemie gestiegen – die Menschen investieren in Bauprojekte. Wegen eines Käferproblems in Kanada und hohen Bauholzpreisen kaufen die USA in Europa Holz.
  • Glas
    Auch Glas für den Einsatz am Bau wird knapp. Viele Produzenten haben sich in Europa gleichzeitig entschieden, die Maschinen in Revision zu schicken, deswegen trifft weniger Produktion auf erhöhte Nachfrage.
  • Dämmstoffe
    Materialien wie Styropor und Styrodur für Dämmstoffe sind besonders knapp, oft muss sogar aus dem Ausland zugekauft werden. Hier ist der Mangel nicht so leicht zu erklären, doch die Preise haben sich fast verdoppelt.
  • Stahl
    Die chinesische Industrie hat sich von der Corona-Pandemie bereits erholt – und das lässt die Stahlpreise steigen. Denn der Stahlverbrauch Chinas ist stark gestiegen – und China kauft den Markt leer.
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