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Journalismus
11/14/2013

Erfundene Interviews, falsche Geschichten: Was darf der Boulevard?

Der Protest des ÖFB-Teams über die Berichterstattung der Gratiszeitung Österreich erinnert an ähnliche Fälle aus der Vergangenheit. Wenn Journalisten Stories erfinden. KURIER-Aufruf: Gibt es weitere Opfer von unseriösem Journalismus und erfundenen Geschichten?

Österreichs Teamkicker haben in einem offenen Brief gegen unseriöse Berichterstattung protestiert. Der Adressat: Die Gratiszeitung Österreich. Dort wies man die Vorwürfe zwar von sich, in der Redaktion des Boulevardblattes haben erfundene Fakten und Interviews, die eigentlich keine sind, offenbar System, wie ein Blick in die Archive zeigt:

Pannen und Interviews, die nie stattfanden

Vergleichsweise harmlos ist die Panne, die der Zeitung bei der "Wetten, dass..?"-Folge im Dezember 2010 unterlief. Damals verunglückte der Wettkandidat Samuel Koch vor laufenden Kameras so schwer, dass die Sendung abgebrochen wurde. Österreich titelte eine vorgeschriebene Story zu dem Vorfall damals mit "Gottschalk: Robbie holte Show aus dem Koma". Tragischerweise lag der unglückliche Wettkandidat tatsächlich im Koma. In einigen vorgedruckten Ausgaben wurde der Text so an die Leser geliefert.

Lauda: Kein Interview über "schwules Tanzen"

Grenzwertig war im Jahr 2011 das von Österreich als "Interview" betitelte Gespräch mit Niki Lauda, in dem er sich in Kitzbühel abfällig gegenüber einem gleichgeschlechtlichen Paar in der ORF-Show äußerte. Seine grantige Bemerkung über "schwules Tanzen" schaffte es bis in deutsche Medien - Lauda musste sich logischerweise entschuldigen. Allein: Der Airliner betonte damals, er habe diese Äußerung keineswegs in einem "Interview" getätigt, sondern in einem Gespräch zwischen Fellner, ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und ihm. Fellner habe nie Interviewfragen gestellt, betonte er. Der Shitstorm war allerdings da schon perfekt.

Fall Strasser: Kein Interview gegeben

Ähnliches wusste im gleichen Jahr auch der gestrauchelte ÖVP-Politiker Ernst Strasser zu berichten, der von britischen Boulevardreportern dabei gefilmt worden war, wie er als EU-Abgeordneter seine Lobbying-Dienste anbot. Fellner und Strasser telefonierten demnach mehrmals miteinander. Allerdings laut Darstellung Strassers nie, um ein Interview zu geben. Gedruckt wurden Zitate trotzdem.

Portisch: "Ich war zu höflich, um sofort das Telefon aufzulegen."

2012 war einer der berühmtesten Journalisten Österreichs an der Reihe. Hugo Portisch hatte gerade ein neues Buch herausgebracht und wurde dazu von Österreich kontaktiert. "Ich war zu höflich, um sofort das Telefon aufzulegen. Aber klar ist: Es gab nie ein Interview", sagte er später. Was die Zeitung nicht daran hinderte, auf Seite eins darüber zu berichten. Österreich-Chef Wolfgang Fellner erklärte dies damals so: Ein Schlussredakteur habe sich über die Abmachung hinweggesetzt, das telefonische Gespräch nicht als "Interview" zu bezeichnen. Die Zeitung musste sich entschuldigen.

Fall Panholzer: "Wie weit die Geilheit der Medien heute offenbar wirklich geht"

Dass nicht nur Personen öffentlichen Lebens Opfer solcher Methoden werden, beweist der tragische Fall Florian Panholzer: Der Jugendliche war im März in einer Jauchegrube ertrunken und wurde erst im Mai gefunden. Der dazugehörige Österreich-Bericht war gespickt mit Falschinformationen und erfundenen Zitaten von Angehörigen, behauptet Benjamin Panholzer, der Bruder des Verunglückten. Er machte seinem Ärger via Facebook Luft und postete einen Artikel, auf dem er markierte, welche Informationen falsch waren. Besonders ärgerte ihn ein angebliches Interview mit Florians Mutter, Martina Panholzer. "Wie weit die Geilheit der Medien heute offenbar wirklich geht, sieht man daran, dass es nie ein Interview gegeben hat, sondern der von Ihnen ausgesandte Parasit an der Gartentür von ihr abgehalten und an die Pressestelle der Polizei verwiesen wurde", wetterte der empörte Bruder.

Patricia Kaiser: "Äußerst pietätlos!"

Auch die Ex-Miss Austria Patricia Kaiser hat Erfahrungen mit unseriösen Journalisten gemacht. Sie beklagte im Jahr 2011 einen Bericht des Gratisblattes Heute. "Die Sekunde, die unser Leben rettete", hatte die Zeitung eine Geschichte über "Menschen und ihr persönliches Wunder" betitelt. Kaiser, deren Lebensgefährte, der Fußballer Gustav Kral, bei einem Unfall ums Leben kam, wurde darin folgendermaßen zitiert: "Ich hatte einen Schutzengel. Aber Gustl war sofort tot. Ich wollte Hilfe holen - bin auf der Straße gestanden -, aber erst das sechste Auto hielt an." Daneben wurde ein Foto platziert, das sie lachend zeigte. Auch Kaiser empörte sich via Facebook: "Ich verbitte mir Artikel dieser Art", schrieb sie. "Weder hat die Zeitung Heute je ein Interview mit mir gemacht, noch würde ich je eins geben! Ich würde Gusti nie Gustl nennen, und ein Foto, auf dem ich lache, ist wohl äußerst pietätlos!"

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