Alarmstimmung in der Wirtschaft: Jeder sechste Betrieb erwägt Abwanderung

Vor allem fehlen konkrete Pläne zur Kostensenkung und Entbürokratisierung.
Ricardo-Jose Vybiral, Chef des KSV1870.

Die österreichische Wirtschaft steckt weiter in einer angespannten Lage: Hohe Kosten, schwache Nachfrage und ein anhaltender Fachkräftemangel belasten die Unternehmen – und immer mehr denken über eine Abwanderung ins Ausland nach. Laut dem aktuellen Austrian Business Check des Gläubigerschutzverbandes KSV1870 beurteilen nur 48 Prozent der Betriebe ihre derzeitige Geschäftslage als „gut“ oder „sehr gut“. Zwar ist das ein leichter Anstieg gegenüber dem Frühjahr 2025, doch der Wert liegt deutlich unter dem Vorkrisenniveau von mindestens 60 Prozent.

Besorgniserregend: 17 Prozent der Unternehmen – also jeder sechste Betrieb – erwägen, innerhalb der nächsten drei Jahre zumindest einzelne Geschäftsbereiche ins Ausland zu verlagern. Besonders stark betroffen sind Industrie, Warenproduktion, Immobilienwirtschaft sowie Telekommunikation und IT. KSV1870-Chef Ricardo-José Vybiral warnt: „Fehlt eine spürbare Entlastung, droht eine Abwanderungswelle mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze.“

Gastronomie als Problem-Hotspot

Die Branchenlage zeigt deutliche Unterschiede: Während 85 Prozent der Finanz- und Versicherungsdienstleister ihre Situation positiv bewerten, sind es im Gastgewerbe nur 35 Prozent. Hohe Betriebskosten, strukturelle Probleme, sinkender Konsum und zunehmende Konkurrenz machen hier die Lage besonders schwierig – mit steigenden Insolvenzzahlen als Folge.

Umsatzplus ohne Gewinn

44 Prozent der Betriebe konnten ihre Umsätze im Vorjahr steigern, vor allem Finanzdienstleister und das Gesundheitswesen. Doch der Kostendruck ließ viele Gewinne schrumpfen – ein Wachstum „auf dem schmalen Grat“, wie Vybiral formuliert. Für 2026 erwarten nur 27 Prozent ein Umsatzwachstum.

Auftragslage: Licht und Schatten

Im Jahr 2025 meldeten 36 Prozent der Unternehmen steigende Aufträge, 31 Prozent ein gleichbleibendes Niveau und 33 Prozent Rückgänge. Positiv sticht die Warenproduktion hervor, während der Handel unter der Konsumflaute leidet. Regional zeigt sich Oberösterreich mit einer überdurchschnittlich guten Auftragslage (54 % Zufriedenheit), Kärnten hingegen als Schlusslicht.

Industriestrategie fällt durch

Die Anfang 2026 vorgestellte „Industriestrategie Österreich 2035“ überzeugt die Unternehmen kaum: Nur sechs Prozent sind zufrieden, fast die Hälfte bewertet sie als „mittelmäßig“, ebenso viele als „unzufrieden“. Vor allem fehlen konkrete Pläne zur Kostensenkung und Entbürokratisierung. Demgegenüber sehen 36 Prozent der Industrie im Abschluss neuer Freihandelsabkommen – etwa EU-Mercosur oder EU-Indien – einen positiven Effekt auf die künftige Wirtschaftsentwicklung.

Fazit: Die Ergebnisse des Austrian Business Checks zeichnen ein Bild einer Wirtschaft, die zwischen Hoffnung und Ernüchterung schwankt. Ohne entschlossene politische Maßnahmen droht Österreichs Standortqualität weiter zu erodieren – und mit ihr die Bindung vieler Unternehmen an das Land.

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