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Wirtschaft
11/08/2019

100 Jahre Kalaschnikow: Vom fragwürdigen Ruhm einer Waffe

Der Geburtstag von Firmengründer Michail Kalaschnikow jährt sich zum 100. Mal. In Russland wird das als patriotischer Akt gefeiert.

von Hermann Sileitsch-Parzer, Johannes Arends

Sie gilt als die am weitesten verbreitete Schusswaffe der Welt: Bis zu 100 Millionen Stück Kalaschnikow in den verschiedenen Varianten sollen laut Schätzungen weltweit im Umlauf sein. 

Somit wurden wohl mit keiner Waffe mehr Menschen getötet als mit der AK47 und AK74, wobei AK für "Awtomat Kalaschnikowa" steht. Das Sturmgewehr, das 1947 in die Serienproduktion ging, ist nach seinem Erfinder Michail  Kalaschnikow (1919-2013) benannt.

Russland feiert die berühmteste Waffe der Welt und ihren Erfinder Michail Kalaschnikow mit viel Pomp und Trara. Der 2013 verstorbene Konstrukteur wäre am 10. November 100 Jahre alt geworden.

Zu seinen Ehren gibt es viele Veranstaltungen und seit einigen Jahren auch ein großes Denkmal in der Hauptstadt Moskau. Vor allem aber nutzt Russland das Jubiläum, um seine Erfolge im Waffenexport auf einem umkämpften Rüstungsmarkt zu feiern - trotz Sanktionen des Westens.

Russland feiert das Sturmgewehr als „Wunderwaffe“. In aktuellem Unterrichtsmaterial für Lehrer heißt es, „dass mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow mehr Menschen getötet wurden - als durch Artilleriefeuer, Luftbombardierungen und Raketenbeschuss“. Jedes Jahr würden durch die AK-Geschoße eine Viertelmillion Menschen ums Leben kommen.

Auf dem Weg in die USA

Vor gut fünf Jahren hatte der Kalaschnikow-Konzern schon den riesigen Waffenmarkt USA im Visier. Dann kam der Ukraine-Konflikt. Russland annektierte die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim und unterstützte Separatisten im Osten der Ukraine.

Die Folge waren Sanktionen der USA und der EU - und das vorläufige Ende der rosigen Verkaufsaussichten. Seither bemüht sich der größte russische Waffenbauer, auf den 95 Prozent der einheimischen Produktion entfallen, um andere Kunden im Ausland.

Die Marke Kalaschnikow solle weiter expandieren - und das „Image Russlands international festigen“, sagte Generaldirektor Dmitri Tarassow Ende Oktober vor Diplomaten in Moskau.

Mögliche Märkte seien Brasilien, Südafrika, Nigeria, Indonesien, die Philippinen und Thailand. Schon jetzt liefert die Unternehmensgruppe in 27 Staaten.

Der Liebling der Verbrecher und Terroristen

Verbrecherkartelle, Terroristen und Armeen weltweit schwören auf die „Awtomat Kalaschnikowa“. Durch das Sturmgewehr sterben jährlich Hunderttausende Menschen - allein in Frankreich kamen bei Terroranschlägen 2015 dutzende Zivilisten ums Leben.

Nicht zuletzt wegen der Widerstandsfähigkeit, des günstigen Preises und der leichten Zugänglichkeit haben terroristische Organisationen, Verbrecherkartelle und Massenmörder eine Vorliebe für die „Kalascha“. Nach Europa kommt die Waffe meist über den Balkan.

Dort, insbesondere in Albanien, ist das Gewehr billig zu erwerben. Schwarzmarktpreise liegen nach Angaben von Experten bei wenigen Hundert Euro. Ein Grund: Der Krieg in Ex-Jugoslawien ging zu Ende, die Waffen blieben.

Ihren Erfinder Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, der am 11. November 100 Jahre geworden wäre, quälten kurz vor seinem Tod Gewissensbisse.

„Mein seelischer Schmerz ist unerträglich“, schrieb Kalaschnikow 2012 in einem Brief an den Patriarchen Kirill angesichts der vielen Menschen, die seiner Erfindung zum Opfer fielen. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche antwortete tröstend: „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Verantwortung dafür nicht beim Erfinder liegt, sondern bei den Übeltätern.“

Trotzdem ließ sich Kalaschnikow regelmäßig bei runden Geburtstagen seiner Erfindung feiern und nahm etliche Ehrungen durch russische Politiker entgegen.

Auszug der Schreckens-Chronologie

Die Kalaschnikow kam beispielsweise 1972 zum Einsatz, als palästinensische Terroristen Mitglieder von Israels Olympiamannschaft in München als Geiseln nahmen und zwei Athleten erschossen. Bei der fehlgeschlagenen Geiselbefreiung kamen weitere neun Israelis und ein Polizist ums Leben.

Auch in Russland 2004 war die Waffe verantwortlich, dass bei einer Geiselnahme durch militante Islamisten in einer Schule in Beslan in der Teilrepublik Nordossetien 334 Menschen starben, darunter 186 Kinder.

Und 2015 kamen in Paris 17 Menschen durch das Attentat militanter Islamisten auf das bekannte Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt ums Leben.

Im November desselben Jahres überfielen islamistische Terrorkommandos u.a. den Pariser Konzertsaal Bataclan, dabei starben insgesamt 130 Menschen.

In Tunesien wurden 2015 bei islamistischen Angriffen auf zwei beliebte Touristenziele insgesamt 60 Menschen getötet.

Auch bei Razzien gegen Extremisten in den vergangenen Jahren fanden Ermittler immer wieder mehrere AKs.

In afrikanischen Wappen

Zugleich gilt die Waffe als "Symbol, das der Ausgebeutete gegen den Kapitalisten, der Unterdrückte gegen den Kolonialherrn, im weiteren Sinne der Schwache gegen den Starken drohend in die Höhe reckt, sie war das weltweite Banner der immanenten Gerechtigkeit und der Befreiung“, wie der französische Schriftsteller Oliver Rohe in einer Dokumentation erwähnte.

Die Kalaschnikow ist auf den Fahnen von Mosambik und Osttimor sowie auf dem Wappen von Simbabwe zu sehen.

Viele Militärs weltweit schwören ebenfalls auf das Sturmgewehr. Zwischen 80 und 100 Millionen Gewehre vom Typ AK wurden nach Schätzungen von Experten bisher produziert - die wenigstens davon in Russland. Hergestellt werden sie schließlich in mehr als 100 Ländern, darunter Staaten der ehemaligen Sowjetunion und des Warschauer Pakts sowie China, Nordkorea und Ägypten. Selbst Finnland und Israel, keine Verbündeten Russlands, fertigen nach Informationen von „The National Interest“ AK-Versionen.

Marode Firmen fusioniert

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte noch zu Lebzeiten des Konstrukteurs den Kalaschnikow-Konzern gründen lassen, der aus den damals maroden Unternehmen Ischmasch und Ischmech hervorging. Nach dem Tod Kalaschnikows 2013 im Alter von 94 Jahren legte Putin zudem per Dekret fest, das Andenken an den Namensgeber besonders zu pflegen.

Das große Geld verdient Russland allerdings längst nicht mit der Kalaschnikow, sondern mit anderen Rüstungsgütern - zum Beispiel mit Kampfflugzeugen vom Typ Suchoi oder dem Luftabwehrsystem S-400. Als erstes NATO-Land kaufte unlängst die Türkei das System - zum Ärger der USA.

Dabei schätzen die Abnehmer, dass die Waffen im Vergleich zu US-Modellen oft günstiger sind. Allein in diesem Jahr haben nach Angaben des staatlichen Rüstungsexporteurs Rosoboronexport Kunden in rund 43 Staaten russische Rüstungsgüter für elf Milliarden US-Dollar (9,9 Mrd. Euro) bestellt. Stark vertreten seien afrikanische Staaten.

Die Auftragsbücher seien auf Jahre gut gefüllt mit einem Gesamtumfang von 50 Milliarden US-Dollar (rund 45 Mrd. Euro), teilte der auch Generaldirektor Alexander Michejew vergangene Woche mit. Kampfjets vom Typ Su-57 und Militärhubschrauber der Typen Mi-28NE und Mi-171Sch seien darunter. Aber eben auch Kalaschnikows der 200er Serie - die es auch für NATO-Patronen gebe. Passend zum 100. Geburtstag des Erfinders teilte Michejew mit, dass es trotz der Sanktionen gelungen sei, nun in Indien die erste gemeinsame Produktionsstätte der AK-200er-Linie in Betrieb zu nehmen.

Zur Person Kalaschnikow

Der im Zweiten Weltkrieg verwundete Panzersoldat Michail Timofejewitsch Kalaschnikow begann als Autodidakt, das erste sowjetische Sturmgewehr zu basteln. Dabei ließ er sich vor allem durch das deutsche Stg44 inspirieren, sowohl vom Konzept des Sturmgewehrs mit einer schwächeren "Mittelpatrone", als auch was den technischen Aspekt seiner Konstruktion betrifft.

1944 schickte Kalaschnikow seinen Entwurf an das Institut für Kriegstechnik in Moskau, ohne ihn je ausprobiert zu haben. Das Gerät setzte sich wider Erwarten in zahlreichen Tests gegen die Entwürfe der etablierten russischen Waffentechniker durch. Kalaschnikow wurde zum führenden und hochdekorierten Waffenkonstrukteur der Sowjetunion.

Reich wurde er mit seiner Erfindung zwar nie, dafür sein Gewehr weltberühmt und berüchtigt. Ihre legendäre Zuverlässigkeit sowie die kostengünstige Herstellung machten aus der Kalaschnikow die erfolgreichste Schusswaffe der Welt.

Zum Gewehr AK47

Bei der AK47 handelt sich um einen Gasdrucklader, der Patronen vom Kaliber 7,62x39 verschießt. Mit dem üblichen Stangenmagazin, das 30 Patronen fasst, wiegt das 879 mm lange Sturmgewehr geladen 4,8 Kilogramm. Die Einsatzschussweite beträgt etwa 400 Meter. Es kann Einzel- oder Dauerfeuer mit einer Kadenz von 600 Schuss pro Minute gegeben werden.

1974 wurde mit dem Wechsel auf die neue Standardpatrone des Warschauer Pakts, die 5,45x39, auch ein neues Modell eingeführt, die AK74. Geladen mit dem ebenfalls 30 Schuss fassenden Standardmagazin, wiegt die mit 940 mm etwas längere Waffe nur 4,0 kg. Feuergeschwindigkeit und Einsatzschussweite blieben gleich.

Darüber hinaus gibt es unzählige Varianten, die etwa mit Klappschäften ausgestattet sind oder über einen gekürzten Lauf verfügen, um die Waffe für spezielle Truppen kompakter zu machen. Darüber hinaus wurden und werden Kalaschnikows in zahlreichen Ländern produziert, sogar in den USA. Die Gewehre werden auch in vielen anderen Kalibern angeboten.

Durch die enorme Verbreitung und den Einsatz in zahlreichen Kriegen von Vietnam bis Syrien gelangte das Gewehr auch in die Hände von Kriminellen und nicht zuletzt Terroristen. So wurden bei einigen der blutigsten IS-Anschlägen in Westeuropa Kalaschnikows eingesetzt.