Zyklus-Apps boomen.

© Getty Images/Onfokus/iStockphoto

Zyklus-Tagebuch: Verhütung via App
02/20/2017

Zyklus-Tagebuch: Verhütung via App

Immer mehr Frauen nutzen Menstruations-Apps für die Verhütung – oder die Kinderplanung.

von Laila Daneshmandi

Sie soll genauso sicher sein wie die Pille – nur ohne die oftmals nachgesagten Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Lustlosigkeit. Die Smartphone-App Natural Cycles bestimmt die fruchtbaren Tage von Frauen über die Körpertemperatur und wurde nun sogar vom "TÜV Süd" als zuverlässige Verhütungsmethode zertifiziert. Denn nach dem Eisprung steigt die Körpertemperatur leicht an – über die tägliche Messung erkennt die App, wann ungeschützter Sex möglich ist und wann nicht. Für 5,40 Euro pro Monat inklusive speziellem Basalthermometer kündigt Natural Cycles 99,5-prozentige Sicherheit in Sachen Verhütung an – so viel wie die Pille.

Die Reproduktionsmedizinerin Univ.-Prof. Bettina Toth von der MedUni Innsbruck würde aber trotzdem nicht empfehlen, sich darauf zu verlassen: "Man kann so eine App nicht mit der Pille gleichsetzen. Außerdem nehmen Faktoren wie Stress, Zeitzonenwechsel oder Verdauungsprobleme Einfluss auf den Zyklus und die Sicherheit der angewandten Methoden."

Sicherheitsfrage

Wer die App verwendet, müsse sich fragen: "Will ich hundertprozentige Sicherheit? Wäre es schlimm, wenn ich schwanger werde?" Wer beide Fragen mit "Ja" beantwortet, sollte lieber zu einer anderen Verhütungsmethode greifen. "Es fehlen derzeit einfach noch Langzeitstudien für Frauen, die definitiv nicht schwanger werden wollen", sagt Toth.

Die Pille und die Hormonspirale sind nach wie vor die beliebteste Wahl bei den Österreicherinnen – fast jede zweite Frau setzt auf hormonelle Verhütung. Doch gleichzeitig steigt die Nachfrage nach hormonfreien Alternativen. Viele Frauen haben das Bedürfnis, die Abläufe im eigenen Körper besser kennenzulernen und bewusster wahrzunehmen, was da passiert. Frauen, die früh mit der Pille begonnen haben, wissen oft gar nicht, wie ihr natürlicher Zyklus funktioniert.

Da fallen die unzähligen neuen Menstruations-Apps auf fruchtbaren Boden: Frauen können nicht nur eingeben, wann und wie stark sie ihre Periode haben, um ihre fruchtbare Tage berechnen zu lassen. Auch Symptome wie unreine Haut, Stimmungsschwankungen oder Kopfschmerzen können eingetragen und zyklusabhängig beobachtet werden. Neben der Temperatur regen manche Apps dazu an, sich mit den Veränderungen des Zervixschleims von Woche zu Woche auseinanderzusetzen. "Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn Frauen ihren Zyklus und sich selbst besser kennenlernen. Häufig finden sie erst bei Kinderwunsch heraus, wie der eigene Zyklus eigentlich tickt", sagt die Reproduktionsmedizinerin Toth.

Der Ansatz, die weibliche Fruchtbarkeit mithilfe von Technik zu berechnen, ist nicht neu. Große Aufmerksamkeit erlangte etwa der vor rund 18 Jahren vorgestellte Persona-Computer, der die fruchtbaren Tage mithilfe von Urintests berechnet. Nach einigen ungewollten Schwangerschaften wird die Methode inzwischen mit 94-prozentiger Sicherheit für Paare angepriesen.

Natürliche Familienplanung

Noch mehr wissenschaftlichen Hintergrund bietet die vor mehr als 30 Jahren entwickelte Sensiplan-Methode. "Das ist aber keine App, sondern funktioniert mit Einschulung und man lernt, mit Temperatur, Zervixschleim und Zyklusdaten umzugehen."

Letztendlich eignen sich diese Methoden auch gut für die Familienplanung – denn wer seine fruchtbaren Tage kennt, kann sich nicht nur bewusst schützen, sondern sie auch bewusst nützen. "Wenn Frauen eine Schwangerschaft mithilfe von Apps oder technischen Berechnungsmethoden wahrscheinlicher machen wollen, kann ich nur dazu raten", sagt Toth. Als unterstützende Maßnahme zur Familienplanung hält die Reproduktionsmedizinerin solche Hilfsmittel für sinnvoll.

Allerdings dürfe man sich nicht darauf verlassen. "Wenn es nach sechs bis zwölf Monaten mit der Schwangerschaft nicht klappt, ist es nicht übertrieben, zum Reproduktionsmediziner zu gehen – wer über 35 ist, sogar schon früher, wer Mitte 20 ist, kann noch etwas abwarten und weiterprobieren." Auch bei der Familienplanung können so technische Hilfsmittel wie Apps jedenfalls nur eine Unterstützung sein – ohne Garantie.