Weniger Kontrolle bedeutet mehr Zufriedenheit.

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Warum Kontrollfreaks so unglücklich sind
10/24/2016

Warum Kontrollfreaks so unglücklich sind

Manche Menschen haben gerne alles im Griff. Glücklich sind sie deswegen noch lange nicht.

Lange galten Kontrollfreaks als die produktiveren Menschen. Doch diese Erkenntnis ist lange überholt. Heute weiß man, dass glücklichere Menschen nicht nur effektiver arbeiten - und, dass weniger Kontrolle mehr Zufriedenheit bedeutet.

Per Definition handelt es sich bei einem Kontrollfreak um einen Menschen, der alles und jeden in seiner Umgebung kontrollieren und diktieren möchte. Psychologen haben mittlerweile herausgefunden, dass es wichtig und sinnvoll für Menschen ist, gewisse Bereiche ihres Lebens zu kontrollieren und nach ihren Wünschen zu gestalten. So zeigte sich in einer Studie in einem Seniorenheim, dass jene Probanden, die alltägliche Dinge wie beispielsweise ihr Wochenendprogramm oder ihre Zimmerpflanzen selbst wählen dürfen, wesentlich länger lebten. Forscher sehen die Ursache für diesen Effekt in der natürlichen Prädisposition des Menschen zur Selbstbestimmtheit. Der Wunsch nach Kontrolle ist also quasi genetisch in uns verankert.

Gute und schlechte Kontrolle

Während Kontrollverhalten im Alltag also durchaus günstige Effekte haben kann, machen andere Formen erwiesenermaßen unglücklich. Das erklärt Raj Raghunathan, Professor an der Universität von Texas, Autor ("If You're So Smart, Why Aren't You Happy") und selbsternannter Glücksforscher, in einem Artikel für Psychology Today.

Forscher hätten herausgefunden, dass übermäßige Kontrolle Frustration und Kummer bedingt. Zufriedenheit, Glücksgefühle und Erfolg rücken unterdessen in weite Ferne. Der Grund dafür ist meist externer Natur. Diktiert man die Menschen in seiner Umgebung im Übermaß, so werden sie sich wehren. Gescheiterte Versuche der Verhaltenskontrolle, Kontrollverlust und enttäuschte Erwartungen führen beim Kontrollfreak wiederum zu Stress, Frust, Wut und Ärger. Allesamt negative Emotionen, die sich wiederum auf andere Lebensbereiche auswirken.

Ständige Kontrolle im beruflichen Kontext macht auch nicht erfolgreicher. Wer als Chef nichts delegiert, der kann nicht von der Vielfalt seiner Mitarbeiten und deren Entscheidungen profitieren. Zudem umgeben sich Kontrollfreaks tendenziell lieber mit Ja-Sagern - auch das mindert die Qualität der Ergebnisse. Übermäßig kontrollierende Charaktere sind auch vermessener. Ein Nachteil wenn es darum geht pragmatische, gute Entscheidungen zu treffen.

Eine US-weite Studie des Magazins Real Simple ergab, dass die Mehrheit der Frauen Aufgaben im Haushalt nicht an Männer oder andere Familienmitglieder delegieren will. Und das obwohl sie teilweise extrem negative Emotionen mit diesen To-dos verbinden. So zeigte sich beispielsweise, dass Putzen zwar bei den meisten Testpersonen auf Platz eins der verhasstesten Aufgaben ist, über 50 Prozent diese Tätigkeit jedoch niemals an eine Haushaltshilfe abgeben würden - obwohl sie es sich leisten könnten. Im Kontrast dazu waren 55 Prozent der Frauen, die eine Aufgabenteilung im Haushalt für sich nutzten, zufriedener. Bei besonders kontrollierenden Hausfrauen lag die Zufriedenheitsquote nur bei 43 Prozent.

Die Kontrolle kontrollieren

Wer gerne kontrolliert, der muss in erster Linie lernen, die Gier nach Kontrolle zu bändigen. Je besser man die eigenen Gefühle und Gedanken beherrscht, desto weniger wird man andere beherrschen wollen - und umgekehrt. Achtsamkeit im Alltag kann ein Weg aus der Kontrollsucht sein. Doch das ist meist nicht genug. Wesentlich ist auch, dass man Situationen, die das Gefühl des Kontrollverlusts provozieren, bewusst meidet. Seine Emotionen klar zu benennen (Emotional Labeling) kann ebenfalls helfen. Findet man sich in einer frustrierenden Situation wieder, die typsicherweise das eigene Kontrollverhalten triggert, macht man sich die auftretenden Gefühle bewusst und verbalisiert diese. Das hilft wiederum dabei die Reaktion zu kontrollieren. Studien haben gezeigt, dass die Transformation von Gefühlen und Worte sogar bei Menschen mit Spinnenphobie zu einer veränderten mentalen und physiologischen Reaktion führen kann.