Wirbel oder Gelenke selbst einzurenken, ist keine gute Idee.

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Die Folgen des Nackenknacksens
09/07/2016

Die Folgen des Nackenknacksens

Viele verschaffen sich bei Verspannungen durch das gezielte Knacksen des Nackens oder Rückens Erleichterung. Über die gesundheitlichen Folgen herrscht Unwissen.

von Marlene Patsalidis

Manchen läuft beim Ertönen des Knacks-Geräusches ein Schauer über den Rücken, andere sind regelrecht süchtig nach dem verspannungslindernden Knacksen - und das obwohl dem selbstständigen Einrenken schlimme Folgeerscheinungen wie Athritis, Gelenksschmerzen oder sogar Lähmungen nachgesagt werden. Doch was ist dran an diesen Horrorgeschichten – und: Wie ungesund ist das Knacken im Nacken wirklich?

Chiropraktik ist kein Kinderspiel

Christian Domittner, Präsident der Austrian Chiropractic Association (ACA) und praktizierender Chiropraktor, sieht im "Knacksen" als Form der Eigenbehandlung keine unmittelbare Gefahr. "Generell gesprochen ist das selbstständige Knacksen ungefährlich." Das Knacksen entstehe, wenn der Unterdruck am Gelenk aufgehoben und Stickstoff entlassen werde. "Man kann das mit dem Öffnen einer Bierdose vergleichen, wo Kohlensäure entweicht und es deswegen zischt", so Domittner. Gefährlich werde die Praktik, "wenn manuell der elastische Punkt überschritten wird". "Das passiert, wenn man mit den Händen unfachmännisch nachhilft und den Kopf oder das Gelenk verdreht", so der Fachmann. Dies sei jedoch nur durch Krafteinwirkung einer zweiten Person möglich.

Die Folge einer derartigen Überdehnung sei eine mögliche Einschränkung der Beweglichkeit der Wirbelkörper. Im schlimmsten Fall könne sogar eine Blockade eintreten. Dies störe Domittner zufolge die Bewegungsharmonie der gesamten Wirbelsäule und die Funktion des Nervensystems – "die entstandene Spannung überträgt sich wiederum auf die Hirnhäute". Für den Menschen äußert sich das in Schmerzzuständen. Der Körper versucht diese Fehlstellung über die Verschiebung weiterer Wirbel oder über die Muskulatur zu kompensieren. Dies führt wiederum zu Problemen in der gesamten Körperstatik. Chiropraktoren sprechen dann von einer "vertebralen Subluxation".

"Katalysator zur Selbstheilung"

Die Aufgabe des Chiropraktors besteht darin, die Biomechanik der Wirbelsäule und die Funktion des Nervensystems durch sanften, kontrollierten und gezielten Druck an verschiedenen Bereichen der Wirbelsäule wiederherzustellen. Damit werden Probleme berichtigt, die sich mit dem Fluss von Information zu und vom Gehirn ergeben können. Eine Unterbrechung dieses kritischen Kommunikationssystems kann Symptome von Schmerz bis Krankheit produzieren.

"Je nachdem wie chronisch das Problem ist, muss der Chiropraktor ein oder eine Serie von 'Adjustments' anwenden, um die richtige schmerzfreie Bewegung wiederherzustellen", so Domittner. Durch Aufdecken und Berichtigen von neuromuskulären Funktionsstörungen der Wirbelsäule in seinem Frühstadium, kann ein Chiropraktor gezielt bei offensichtlichen skelett- oder muskulär bedingten Problemen helfen. "Er kann so dem Klienten in der Herstellung einer heilsamen körpereigenen Antwort beistehen, während der möglicherweise vorhandene Gewebeschaden noch minimal und umkehrbar ist. Der Chiropraktor ist also ein Art Katalysator zur Selbstheilung." Einen Arztbesuch ersetze die chiropraktische Behandlung jedoch in keinem Fall.

Wirksamkeit umstritten

Gegründet wurde die Chiropraktik 1895 von D.D. Palmer im US-Bundesstaat Iowa. Seither hat sich die Chiropraktik zur größten Sparte der Naturheilkunde entwickelt. Über die Wirksamkeit und Wissenschaftlichkeit der Chiropraktik gibt es nach wie vor geteilte Meinungen. So kam beispielsweise Edzard Ernst, Leiter der Abteilung für Naturheilkunde an der englischen Universität von Exeter, 2008 nach eingängiger Analyse wissenschaftlicher Artikel zu dem Schluss, dass die Chiropraktik auf "mystischen Konzepten" basiere.

In Österreich ist die Chiropraktik als Berufssparte gesetzlich nicht anerkannt und daher auch nicht geregelt und wird mit Kurpfuscherei bedroht. Deshalb gibt es laut Domittner auch nur eine Handvoll wirklicher Chiropraktoren (Doctor of Chiropractic) in Österreich. Domittner sieht den Grund für diese Problematik in einem begrifflichen Missverständnis. "Das Problem in Österreich ist, dass unter Chiropraktik jeder etwas Anderes versteht", so Domittner. Es gebe in Österreich einerseits die Manual Therapie, auch manuelle Medizin genannt, die auch gesetzlich geregelt sei und von Ärzten und Physiotherapeuten erlernt und angewandt werden dürfe. Dabei handle es sich um eine Zusatzausbildung. "Leider nennen sich Manual Therapeuten auch Chiropraktiker und nennen Manual Therapie Chiropraktik, was beides nicht zutreffend ist, da die Ausbildungskriterien ganz anders sind. Dadurch entsteht Verwirrung beim Konsumenten." Wie Domittner betont, handelt es sich bei einem Chiropraktor um einen Absolventen eines chiropraktischen Hochschulstudiums an einer Universität im Ausland mit einem Doktoratsabschluss.

Die Chiropraktik stellt laut Domittner heute eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin dar, die sich mit manuellen Behandlungsmethoden und der Wiederherstellung sowie der Prävention von reversiblen Funktionsstörungen und des Nervensystems befasst. "Die Chiropraktik ist eine ganzheitliche Methode, die auf den Selbstheilungskräften des Körpers aufbaut und die Ursachen der Störungen behebt, statt sich ausschließlich mit den Symptomen zu befassen", betont Domittner. Die Funktion des Nervensystems werde normalisiert und gestärkt – ohne Medikamente oder chirurgische Eingriffe.

Christian Domittner ist Chiropraktor in Wien. Weitere Informationen finden Sie hier.