Lavendel hilft bei Stress und Anspannung.

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Aromatherapie: "Es muss nicht immer bittere Medizin sein"
11/23/2016

Aromatherapie: "Es muss nicht immer bittere Medizin sein"

Im Sinne einer ganzheitlichen Medizin kommt der Aromatherapie immer größere Bedeutung zu. Achtsam gilt es bei Qualität und Dosierung zu sein.

von Marlene Patsalidis

Im Winter sehnt sich der Mensch nach wohltuenden Düften. Duftlampen und Aromabäder haben also Hochsaison. Ist man erkältet, kommt in vielen Haushalten die gute alte Duftinhalation zum Einsatz. Was viele im Alltag ganz selbstverständlich anwenden, wird in der Fachwelt als Aromatherapie bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein spezielles Teilgebiet der Pflanzenheilkunde. Im Zentrum stehen ätherische Öle und deren Wirkungen.

Aromen aus der Natur

Ätherische Öle gibt es am Markt wie Sand am Meer. Die aromatischen Öle werden aus verschiedensten Blüten, Nadelhölzern oder anderen Pflanzen durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Bei Zitrusfrüchten bedient man sich der Kaltpressung der Schalen. Die so gewonnenen Öle haben zwischen 30 und 300 Inhaltsstoffe, wie Dr. Wolfgang Steflitsch, Lungenfacharzt im Otto Wagner Spital und Vize-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege (ÖGwA), erklärt. "Es gibt in der Natur hunderte Pflanzen, aus denen man ätherische Öle herstellen kann. Jede Pflanzengattung hat quasi ihre eigenen Vertreter", so Steflitsch. Dazu zählen unter anderem Nadelhölzer, Myrtengewächse und Zitrusfrüchte.

Reich an Inhaltsstoffen, haben ätherische Öle zwei zentrale Wirkungsmechanismen. Der erste läuft über den Duft. Dort, wo die Öle durch die Nase auf die Riechschleimhaut kommen, nehmen sie binnen Sekundenbruchteilen auf das menschliche Gehirn Einfluss. Der zweite ergibt sich aus der biochemischen Wirkung der Inhaltsstoffe. "Diese Wirkung setzt vor allem dort ein, wo das Öl auf den Körper trifft. Die Inhaltsstoffe werden innerhalb von 20 bis 30 Minuten aufgenommen und mit dem Blutsystem weitertransportiert. In weiterer Folge werden sie über die Nieren ausgeschieden", beschreibt der Mediziner.

Bei der medizinischen Aromatherapie werden bestimmte Beschwerden gezielt gelindert. Als Alltagsduft oder Hausmittel angewandt werden Lavendel-, Zitronen- und Eukalyptusöl und Co. gerne in Duftlampen, im Vollbad, durch Wickel oder Inhalation aufgenommen. Die Bandbreite möglicher Anwendungen ist tatsächlich sehr groß, wie Steflitsch bestätigt. Je nach Beschwerden oder Krankheit könne man die ideale Methode für sich finden. Neben der Raumbeduftung, der Inhalationen, Einreibungen, Massagen, Wickeln, Kompressen sowie Teil- und Vollbädern kann man auch auf Zäpfchen zurückgreifen oder die Aromatherapie oral anwenden. "Die orale Anwendung sollte aber nur auf Empfehlung von erfahrenen Ärzten durchgeführt werden", mahnt der Experte.

Je nach Anwendungsmethode wird eine mehr oder weniger große oder kleine Dosis der Inhaltsstoffe aufgenommen. In der Regel verwendet man die Öle in verdünnter Form. Bei der Inhalation werden sie beispielsweise traditionell mit Wasser und Meersalz und einem Handtuch über dem Kopf eingeatmet. "Da passiert die Aufnahme recht schnell, weil die Schleimhäute viel durchlässiger sind als die Haut", so Steflitsch.

Was wie wirkt

Wissenschaftliche Wirkungsnachweise für die Aromatherapie gibt es vor allem in drei großen Bereichen: der Schmerztherapie, der Bekämpfung von Bakterien, Viren und Pilzen sowie bei Schlafstörungen. Hier kann laut Steflitsch die Schulmedizin hervorragend unterstützt werden.

Bei Stress, Angstzuständen, Burnout und Panikattacken bieten sich Neroli, Römische Kamille und Lavendel an. Das gilt auch für Depressionen. Bei Bluthochdruck kann man mit Narde, Ylang Ylang oder ebenfalls mit Lavendel behandeln. Bei Erkältungen macht man sich die Inhaltsstoffe von Eukalyptus, Thymian und Latschenkiefer zunutze. Mit den kalten Temperaturen steigt im Winter allgemein der Wunsch nach Wärme und Geborgenheit. Um beispielsweise eine Winterdepression und Erkältungskeime zu vertreiben, bieten sich ätherische Öle an. Dafür verwendet man am besten eine Duftlampe und eines gutes Öl. Dabei tut man was für die Stimmung und gleichzeitig etwas gegen Krankheitserreger in der Luft.

Achtsam gilt es bei der Dosierung zu sein. "Es ist wichtig, dass man die Dosierungsempfehlung einhält. Man kann natürlich auch Überdosieren. Da kann es dann auch zu Nebenwirkungen kommen. Auf der Haut können Hautreizungen auftreten. Wenn man es überdosiert einatmet, kann man Kopfschmerzen bekommen." Auch der Blutdruck kann sinken oder steigen.

Auch die Qualität ist hier entscheidend. Allgemein ist die Apotheke oder der gute Fachhandel für Konsumenten zu empfehlen. Es gibt auch seriöse Firmen im Netz. Hier werden Konsumenten dazu angehalten sich zu informieren und das Etikett zu prüfen.

Erfolge bei Krebs

Besonders spannend sind wissenschaftliche Hinweise, dass Aromatherapie auch bei Krebs wirksam helfen kann. Bei Tierversuchen konnten Tumore durch die Behandlung mit ätherischen Ölen geschrumpft werden. "Es gibt einige Tierversuche an unterschiedlichen Tumorarten, wo vorzugsweise Limonen und sein Stoffwechselprodukt Perillylalkohol verwendet wurden. Hier konnte nachgewiesen werden, dass die Inhaltsstoffe den frühzeitigen Zelltod von Tumorzellen unterstützen", erklärt Steflitsch. Mann müsse diese Studienergebnisse aber insofern relativieren, als dass bei den Tierversuchen hohe Dosen verwendet wurden, die man beim Menschen nicht einfach anwenden kann. Es sei aber ein guter Ansatz, um etwas daraus zu entwickeln.

Was bei der Therapie von Krebspatienten viel wichtiger ist, ist die Linderung der Nebenwirkungen durch Aromastoffe. Diese können beispielsweise bei durch Strahlentherapie geschädigtem Gewebe helfen. Im Sinne einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung und Behandlung mit einer Kombination aus konventioneller Medizin und Komplementärmedizin kommt der Aromatherapie allgemein große Bedeutung zu.

Verfolgt man einen ganzheitlichen Ansatz, so muss man auch die Psyche des Menschen berücksichtigen. Mit wohlriechenden Ölen kann man viel Gutes bewirken. "Es muss ja nicht immer nur die bittere Medizin sein."