Krebshilfe-Chefin warnt vor E-Zigaretten und Pouches: "Da entsteht eine neue Generation Süchtiger"
Die Krebshilfe ist Anlaufstelle für Erkrankte. Löwe kämpft für den Vorsorgegedanken.
KURIER: Wie sind Sie eigentlich zu diesem Beruf gekommen, der auch ein wenig nach Berufung klingt?
Martina Löwe: Ich komme aus der Kommunikation, habe für große PR-Agenturen gearbeitet und danach eine Arbeit mit Sinn gesucht.
Die Krebshilfe gibt es seit 1910. Was war der Gründungsgedanke?
Weil die Not der Krebspatienten damals so groß war, wurde eine Gesellschaft unter dem Protektorat des Kaisers gegründet. Pauline von Metternich war die erste Charity-Dame. Sie sammelte Geld, damit man Uran für Strahlentherapie kaufen und die Forschung weiterentwickeln konnte. Mittlerweile gibt es neun Landesvereine und uns, den Dachverband. Die Hauptaufgabe ist Beratung und Begleitung von Krebskranken sowie ihrer Angehörigen, außerdem große Aktionen für Prävention und Krebsfrüherkennung.
Sie kämpfen aktuell gegen die Zigaretten-Alternativen. Sind diese nicht dennoch weniger gesundheitsschädlich und daher ein Fortschritt gegenüber der Zigarette?
Ja und nein: Es ist vielleicht ein Fortschritt für sehr starke Raucher. Aber harmlos sind sie nicht. Zielgruppe sind vor allem Junge. Früher warb man mit dem Marlboro-Mann, jetzt sind es coole junge Menschen mit Vapes (E-Zigaretten) in der Hand oder Pouches, die man ja nicht mehr sieht, weil sie unter die Lippe geschoben werden. Da ist natürlich Nikotin drinnen, das enorm pusht und noch schneller süchtig macht. Ein Mediziner erzählte mir, dass in den Notfallaufnahmen oft Jugendliche mit Nikotin-Überdosis landen. Da geht es um Schweißausbrüche und Bluthochdruck bis hin zu Herzproblemen. Also nicht ohne!
Sind die Pouches noch gefährlicher als die Verdampfer?
Beides ist nicht ungefährlich. Da entsteht gerade eine neue Generation Süchtiger. Vapes enthalten chemische Stoffe, die elektronisch auf bis zu 350 Grad erhitzt werden. Das sagt einem doch schon der Hausverstand, dass ein Einatmen besonders für junge Bronchien nicht gut sein kann. Und die Langzeitwirkung ist noch gar nicht abschätzbar.
Ist Österreich ein Raucherland?
Im internationalen Vergleich schon. Wir sind jetzt bei 21 bis 24 Prozent Rauchern in der Bevölkerung, und durch diese neuen Produkte steigt der Nikotinverbrauch gerade wieder. Vermehrt rauchen die Frauen, daher gibt es auch mehr Lungenkrebspatientinnen. Wir brauchen für starke Raucherinnen und Raucher über 55 Jahren ein Lungenkrebs-Screening.
Zum ausführlichen "Salon Salomon"-Gespräch
Wie deprimierend, aber auch vielleicht hoffnungsvoll ist Ihr Job?
Er ist nicht deprimierend, weil ich eine unerschütterliche Optimistin bin. Auch wenn ein gewisser Prozentsatz bei Krebs unbeeinflussbar ist, hat der Mensch sehr viel selbst in der Hand, um vorbeugen zu können: gesunde Ernährung, bewegen, nicht rauchen.
Gibt es Geschichten, die Sie im Job besonders berührt haben?
Ich bin selbst keine Beraterin und habe daher nicht täglich Patientinnen-Kontakt. Aber unsere Psychoonkologinnen in den Beratungsstellen erleben viele Schicksale. Im Vorjahr habe ich ein Mutmacherbuch mit zwölf Lungenkrebspatienten produziert. Ich war sehr betroffen, als ein junger Mann, mit dem ich sehr lange telefoniert hatte, schon vor der Arbeit am Buch verstarb – und ein anderer kurz vor der Buchpräsentation. Seine Eltern haben im Gedenken an ihn das Buch übernommen. Beide waren voll Hoffnung und im Kämpfermodus, um es zu schaffen.
Hilft es, kämpferisch zu sein?
Nicht jeder kann und will kämpfen, weil die Therapien manchmal so anstrengend sind. Unsere wichtigste Information ist: Man muss nicht alles allein auf sich nehmen und kann sich unterstützen lassen.
Kümmern sich Männer zu wenig um ihre eigene Gesundheit?
Die Generation 50 plus ist noch damit aufgewachsen: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ und „Nur die Harten kommen in den Garten“. Aber man muss nicht nur das Auto, sondern auch den eigenen Körper zum Service bringen. Bei den Jungen ist das schon besser. Insgesamt machen sich Männer eine Krebsdiagnose eher mit sich selbst aus, als zur Beratung zu kommen. Es gibt jede Menge Brustkrebsforen, aber bei Prostatakrebs so gut wie gar nichts. Das möchte ich verändern.
Man muss Frauen und Männer unterschiedlich ansprechen?
Ja genau. Wir waren zum Beispiel auf Motorradmessen und haben eine begehbare Prostata aufgestellt. Das fanden die Männer auch lustig und sind ganz unbeschwert reingegangen, um sich anzuschauen, wo man da einen Krebs bekommen könnte. Die Vorsorgeaktion „Loose Tie“ – also: „Lockere die Krawatte“ – habe ich vor zwölf Jahren mit meinem lieben Freund, dem Kabarettisten Gerald Fleischhacker entwickelt. Das war die Entsprechung zum „Pink Ribbon“, seither hat sich viel Positives getan.
Die selbst erkrankte Ex-Ministerin Andrea Kdolsky erzählte, wie wenig die Leute mit Krebs umgehen können. Ihr ist es wichtig, nicht in Watte gepackt zu werden.
„Behandelt mich einfach ganz normal“, sagen viele Krebspatienten, aber da gibt es kein richtig oder falsch. Manche wollen tatsächlich in Watte gepackt werden. Was allen hilft: Dass man sich nicht scheut, über die Krankheit zu sprechen.
Die Pharmaindustrie warnt immer wieder davor, dass Österreich von innovativen Medikamenten und Therapien abgekoppelt werden könnte. Fürchten Sie das auch?
Momentan nicht. Unser System ist noch ein sehr gutes. Man kann sich sicher sein, eine evidenzbasierte, solide Behandlung zu erhalten.
Gibt es genügend psychologische Unterstützung?
Da ist noch viel Luft nach oben. Wir füllen eine Lücke, die die Patienten nichts kostet. Es geht ja auch um die Angehörigen, die Diagnose Krebs betrifft das ganze System. Wir haben in Österreich jährlich knapp 46.000 Neuerkrankungen.
Was könnte man besser machen?
Die Lenkung der Patientenpfade. Vieles wird mehrfach gemacht, etliche Wege müssen außerhalb der Klinik erledigt werden. Das ist schon anstrengend für die Betroffenen.
Wird Krebs je heilbar sein?
Krebs wird – auch dank neuer zielgerichteter Therapien – eine chronische Erkrankung. Nicht nur die Lebensdauer, auch die Lebensqualität verbessert sich, das ist entscheidend.
Was sind die aggressivsten Krebsarten?
Die spät erkannten, die schon gestreut haben. Tumore in Lunge, Gehirn oder Bauchspeicheldrüse sind schon noch Schreckensdiagnosen.
Gibt es denn da noch Hoffnung?
Natürlich. Und unser Appell ist: „Bitte nehmt Vorsorgeuntersuchungen wahr!“
Sind Krebskranke anfällig für Wunderheiler-Versprechen?
Das ist Gott sei Dank weniger geworden, was auch an den Spezialzentren liegt, in denen ein ganzes Board mit vielen Professionisten gemeinsam mit den Patienten entscheidet, welche Therapie die beste ist. Wir in der Krebshilfe sind für Komplementärmedizin, aber auf keinen Fall für Alternativen zur Schulmedizin.
Ist man professioneller „aufgestellt“, wenn Krebs in der eigenen Familie ausbricht?
Es haut einen genauso um. Ich habe meinen Schwiegerpapa ein halbes Jahr durch seine Gehirntumor-Erkrankung bis zur Palliativ-Phase begleitet. Natürlich habe auch ich gefragt: „Warum er?“ Umso mehr weiß ich, dass mein Job der Richtige ist.
Zur Person:
Die Kommunikationsexpertin Martina Löwe ist seit 2015 neben Doris Kiefhaber Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. Sie zeichnet verantwortlich für Aktionen wie „Loose Tie“, „Don't smoke“ und „Sonne ohne Reue“.
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