Enge Freundschaft: Vier Mal im Jahr treffen sich Wladimir Putin und Ski-Legende Karl Schranz.

© Reuters/Michael Leckel

Karl Schranz zieht Bilanz
02/23/2014

Schranz: "Ich turne mit Putin im Kreml"

Die Ski-Legende über Österreichs Medaillen & seinen Freund Wladimir Putin.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Schranz, nach dem goldenen Finale könnte man sagen: Ende gut, alles gut. Sehen Sie das auch so?

Karl Schranz: Das war ein goldenes Wochenende für uns. Die Leistung von Mario Matt als ältester Goldmedaillengewinner ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Er zählte zu meinen Favoriten. Mario ist unglaublich nervenstark. Keiner musste die Technik so oft umstellen wie er. Ich gönne keinem mehr die Goldmedaille als ihm. Das Finale im Slalom war so spannend, dass ich gar nicht zuschauen konnte. Ein echtes Herzschlagfinale.

Für Marcel Hirscher war Sotschi eine Zitterpartie. Man hatte das Gefühl, dass er sich auf den Pisten von Sotschi nicht wohlfühlt.

Bei Olympia kann man sich die Bedingungen nicht aussuchen. Marcel hat sich nach Blech im Riesentorlauf einen zu großen Druck auferlegt. Ich dachte nach dem ersten Durchgang nicht mehr, dass er eine Medaille schafft. Aber am Abends haben die Temperaturen wieder angezogen, dann konnte er seinen Fahrstil wieder besser umsetzen.

Wer hat Sie am meisten überrascht?

Natürlich Matthias Mayer. Ich hatte ihn und Max Franz schon in Kitzbühel am Radar. Da dachte ich mir schon, diese beiden jungen Fahrer werden uns sicher noch Freude machen. Aber dass es schon bei Olympia klappt, hätte ich mir nicht gedacht. Mayer ist ein technisch exzellenter Skifahrer und ein großer Kämpfer.

In welchen Bewerben hat Österreich versagt?

In der Kombination haben wir ausgelassen. Früher waren wir die Meister der Kombination. Im Moment herrscht hier eine Lücke, hier müssten die Österreicher wieder mehr andrücken.

Wie schaut Ihre Bilanz insgesamt aus?

Nach dem Traumfinale gibt es nichts zu kritisieren. Wir hatten sogar Pech, weil wir viele Goldmedaillen, wie etwa die Anna Fenninger, nur um wenige Hundertstel versäumt haben.

Sotschi waren mit einem Investitionsvolumen von 30 Milliarden Euro die teuersten Spiele aller Zeiten. Hat sich Putins Größenwahn ausgezahlt?

Ich kenne viele der negativen Berichte im Vorfeld. Und wie lief es tatsächlich? Die Olympischen Spiele waren sensationell und die besten aller Zeiten. Detto waren die Sportler begeistert. Alles hat wie am Schnürchen geklappt. Die Unterkünfte für die Sportler waren feudal im Vergleich zu den anderen Olympischen Dörfern. Bei keinen Spielen waren die Wege zu den Wettbewerben kürzer. Und bitte, was ist für ein Land wie Russland ein Investitionsvolumen von 30 Milliarden Euro? Diese Investition ist wenigstens nachhaltig. Das kleine Österreich muss für eine marode Hypo-Bank 17 Milliarden Euro verpulvern. Davon sehen wir nichts mehr.

Es gab auch heftige Kritik an den rigorosen Entscheidungen des IOC. Verstehen Sie, warum die Athleten der Ukraine nicht mit Trauerflor starten dürfen?

Das verstehe ich – das IOC braucht strenge Richtlinien. Wenn es die nicht gibt, dann startet der eine mit Trauerflor am Hals, der andere am Helm und der nächste am Arm. Es wäre das perfekte Chaos. Wem diese Regeln nicht passen, der muss ja nicht bei Olympia starten. Und gerade mir hat das IOC sehr geschadet. Auch 1972 gab es Regeln und mich hat es eben erwischt, selbst wenn die Entscheidung unfair war, weil ich nicht der einzige war, der damals mit Werbung Geld verdient hat.

Sotschi sind die Festspiele von Wladimir Putin. Sie kennen ihn seit der Ski-WM in St. Anton. Wie kann man sich eine Freundschaft zu einem der mächtigsten Männer der Welt vorstellen?

Damals in St. Anton hat er viele Menschen kennengelernt und einer ist übrig geblieben – das war ich.

Warum ausgerechnet Sie?

Ich kann mit ihm über alles diskutieren – auch politisch. Das mache ich auch. Wahrscheinlich bin ich einer der ganz wenigen, die ihm etwas sagen können. Aber natürlich mache ich das mit dem nötigen Respekt. Wir treffen uns so vier Mal im Jahr.

Wie laufen diese Treffen ab?

In Moskau gibt es einen Freund von Putin, den ich anrufe. Der wiederum informiert den Präsidenten. Dann werde ich in den Kreml eingeladen, den ich durch einen Hintereingang betrete. Putin klagt öfters über Kreuzschmerzen. In seinem Arbeitszimmer im Kreml sind wir zwei schon am Teppich gelegen und haben Rückenübungen gemacht. Aber im Ernst: Putin wollte meinen Rat, wie man die Olympischen Spiele nach Russland holt. Jetzt habe ich Putin empfohlen, ob er nicht die Special Olympics veranstalten will.

Und wenn Sie von Putin ein­geladen werden, wartet dann der Privatjet auf Sie?

Im Vorjahr hat mich Putin nach Sotschi eingeladen. Da schickte er mir einen Privatjet nach Innsbruck und bei der Ankunft wartete schon eine Eskorte auf mich.

Was ist das Machtgeheimnis von Putin?

Nach dem Niedergang des Kommunismus hat Boris Jelzin sein Präsidentenamt verludert. Es ging mit dem Land bergab. In dieser Zeit haben die Oligarchen einen unglaublichen Reichtum ansammeln und ins Ausland schaffen können. Wo gibt es das, dass 35-jährige Männer innerhalb kürzester Zeit Milliardäre werden? Putin hat aufgeräumt. Er gibt den Russen Selbstvertrauen und Stolz. Die Russen sind froh, dass es Putin gibt.

Nicht alle, denn Putin ist nicht als großer Demokrat bekannt. . .

Ich würde das anders sehen. Wie lange hat Österreich nach dem Ersten Weltkrieg gebraucht, bis es zu einer stabilen Demokratie wurde? Vor 76 Jahren waren bei uns noch die Nazis an der Macht. Russland ist ein Land mit vielen Nationalitäten, vielen Glaubensrichtungen und unfassbar groß. Wenn man nach Wladiwostok will, fliegt man zehn Stunden nur über russisches Gebiet. Das Land ist schwer regierbar. Da die Demokratie einzuführen geht nicht von einem Tag auf den anderen.

Wie denken Sie über die Homosexuellen-Gesetze von Putin?

Putin hat kein Problem mit Homosexuellen. Nur will er nicht, dass sie ihre Homosexualität vor Kindern zeigen und auch nicht in der Öffentlichkeit ausleben. Das kann ich nur unterstützen.

Dann sind zwei Jahre Straflager für Pussy Riot aus Ihrer Sicht auch okay?

Die Russen dürfen wieder ihrem Glauben nachgehen. Die Religion hat einen großen Stellenwert, die Kirchen wurden mit Milliardeninvestitionen wieder aufgebaut. Und dann kommt die Punkband Pussy Riot und betreibt in einer Kirche Blasphemie. Stellen Sie sich vor, sie würden das in Istanbul in einer Moschee machen oder im Wiener Stephansdom. Wären da die Sympathien auch noch groß?

Karl Schranz

Den 75-Jährigen verbindet eine besondere Geschichte mit Olympia. 1972 wird Schranz nach einem Verstoß gegen das damalige Amateurgesetz ausgeschlossen. Bei seiner Heimkehr wird er am Ballhausplatz wie ein Held gefeiert. Gold holte Schranz bei Ski-WM 1962 in Chamonix in der Abfahrt und in der Kombi, bei der WM 1970 gewann er im Riesenslalom seinen dritten Titel. Den Weltcup dominierte er 1969 und 1970.

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