Thema | 1914
29.12.2013

Fragen, Fakten, Folgenschweres über den großen Krieg

Was wissen Menschen heute noch über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts? Hier einige Fakten, die Sie vielleicht noch nicht kannten.

Was wissen Menschen heute noch über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts? Dass der Erste Weltkrieg 1914 begann und 1918 endete? Dass am Anfang das Attentat auf den österreichischen Thronfolger stand? Und dass Österreich schrumpfte? Hier einige Fakten, die Sie vielleicht noch nicht kannten:

– War der Erste Weltkrieg tatsächlich ein Weltkrieg?

In Großbritannien und Frankreich spricht man bis heute von „The Great War“ oder „La Grande Guerre“, weil die Auseinandersetzung alles überstieg, was die Menschheit bis dahin erlebt hatte. Es handelte sich um den ersten industrialisierten Krieg, der ein Gemetzel nach sich zog. Aber auch die geografische Dimension übertraf alles. So gesehen war es wohl ein Weltkrieg, spätestens seit Großbritannien mit seinen Kolonien, sowie Japan, das Osmanische Reich und die USA in den Krieg drängten.

– Wie viele Staaten waren beteiligt?

40, darunter Brasilien, China, Hedschas (Saudi-Arabien), Siam (Thailand) und Nepal.

– Wann wurde der Begriff „ Erster Weltkrieg“ geprägt?

1920 verwendete Charles à Court Repington die Zahl „Erster“ und zwar nicht im Sinne einer Abfolge. Der britische Journalist wollte damit den ersten Krieg der Neuzeit bezeichnen, in dem nicht bezahlte Söldnerheere aufeinander losgingen, sondern ganze Völker. So war etwa ein deutsches Armeekorps 30 Kilometer lang, wenn es in Bewegung war.

- Wer war mit wem verbündet?

Österreich-Ungarn mit Deutschland (samt dessen Kolonien), dem Osmanischen Reich und Bulgarien (Mittelmächte) gegen die Entente (u.a. Frankreich, Großbritannien, Russland und ihre Verbündeten).

– Wer war schuld am Krieg?

Darüber streiten die Historiker. Kaiser Franz Joseph trägt nach Einschätzung vieler Historiker keineswegs die Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg. Schon seit etwa 1890 hatte sich in Europa eine Kriegsstimmung aufgebaut. Und da bedurfte es dann nur noch eines Funkens. Der flog am 28. Juni 1914 und brachte das Pulverfass Kriegshetze zum Explodieren. Als nämlich der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand in Sarajewo ermordet wurde.

– Wie reagierte Kaiser Franz Joseph auf die Ermordung seines Neffen?

„Gewiss, er war bestürzt. Aber wie erwartet, war er nicht persönlich betroffen“, schrieb seine Tochter Valerie am 28. Juni 1914 in ihr Tagebuch.

– Glaubte man an ein rasches Ende?

Ja, im Herbst 1914 standen bei Londoner Maklern die Quoten auf 1:4, für den Fall, dass der Krieg am 15. September 1915 noch dauern würde.

– Stimmt es, dass kein anderes Attentat die Welt mehr verändert hat?

Ja, der Weltkrieg, der auf die beiden Schüsse des 18-jährigen Gymnasiasten Gavrilo Princip folgte, forderte Millionen Menschenleben. In den folgenden 52 Monaten zerbrachen vier Kaiserreiche (das österreich-ungarische, das deutsche, das russische und das osmanische), sowie eine ganze Weltordnung.

– Wer waren die ersten Kriegsopfer?

Zwei Zivilisten auf einem Dampfer der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft. Der hatte die Aufgabe, die Grenze zu Serbien entlang der Save zu bewachen. Dabei kam es am 28. Juli 1914 zu ersten Kämpfen. Schiffskapitän Karl Ebeling und Steuermann Michael Gemsberger kamen dabei ums Leben.

– Stimmt es, dass die verfeindeten Monarchen Cousins waren?

Ja, bis zum Kriegsausbruch begannen die Depeschen des russischen Zaren und des deutschen Kaisers mit „Lieber Niki“ oder „Lieber Willy“. Weiters war Nikolaus’ Gattin Alexandra eine Cousine des britischen Königs.

– Welcher Staat trat als letzter in den Krieg ein?

Honduras.

Der Erste Weltkrieg: Eine europäische Katastrophe

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– Wie alt waren die jüngsten Soldaten?

Das Mindestalter für einen Einsatz war 18 Jahre. Doch Tausende Minderjährige meldeten sich freiwillig und die Armeeleitung kontrollierte ihr Alter bewusst nur oberflächlich. So zogen bei den Österreichern, Briten und Deutschen auch 15-Jährige in den Krieg und wurden von den Zeitungen als Helden gefeiert.

– Kämpften Frauen?

Nicht als reguläre Frontsoldatinnen. Sie waren aber als Funkerinnen oder Telegraphistinnen im Einsatz.

– In welchen Sprachen wurden in der k.u.k. Armee Befehle erteilt?

Im Vielvölkerstaat der k.u.k. Monarchie wurde Deutsch als gemeinsame Kommandosprache festgelegt. Die etwa 100 einschlägigen Befehle, die zur Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs notwendig waren, musste jeder Soldat auf Deutsch beherrschen.

– Wie weit war Homosexualität in der k.u.k. Armee verbreitet?

Das Thema war komplett tabu, auch in Tagebüchern finden sich keine Hinweise. Notizen über seine Erfahrungen mit Onanie finden sich in den Tagebüchern von Wittgenstein, einem Kriegseuphoriker.

– Und Prostitution?

Sie war sehr verbreitet. Je nach Rang in der Armee gab es eigene Feldbordelle. Für die untersten Ränge wurden diese auch auf Heuböden eingerichtet.

– Wer teilte seine Panzer in männliche und weibliche Fahrzeuge ein?

Die Briten. Männliche hatten Kanonen, weibliche Maschinengewehre.

– Gibt es noch Augenzeugen des Ersten Weltkrieges?

Nein, der letzte Veteran starb im Mai 2011 in einem Altersheim im australischen Perth. Claude Choules war 1915 in die britische Marine eingetreten – mit 14.

– Was war mit dem Decknamen „Tank“ gemeint?

Gepanzerte Fahrzeuge, deren Serienproduktion Briten und Franzosen ab 1916 entscheidende Vorteile brachte. Zu Hunderten überrollten sie deutsche und österreichische Stellungen.

– Gab es schon Bombenangriffe?

Ja. Die deutsche Armee griff London und Städte in Südengland an, die k.u.k. Armee Venedig. Mit Flugzeugen und Zeppelinen.

– Wer war der Rote Baron?

Der berühmteste Pilot, der Deutsche Manfred von Richthofen. Er flog eine knallrote Fokker und soll 80 alliierte Flugzeuge abgeschossen haben, ehe er 1918 selbst bei einem Absturz starb.

– Was war die gefährlichste Waffe?

Chlorgas, das die deutsche Armee erstmals 1915 einsetzte. Es tötete bei einem Angriff an der Westfront mindestens 5000 Menschen.

– Warum legten Soldaten Hunderte Kilometer Schützengräben an?

Schlagkräftige Langstreckenwaffen der Artillerie und Schnellfeuer-Maschinengewehre machten offene Kämpfe für die Soldaten zu gefährlich. Der einzige Weg, sich vor diesen Waffen zu schützen, war das Ausheben von Verteidigungsgräben.

– Wo schlief man im Schützengraben?

Erstens schlief man nicht sehr viel, weil die Nacht die einzige Zeit war, um an den Stellungen Arbeiten durchzuführen und Nachschub zu transportieren. Schlafgelegenheiten gab es in Unterständen und betonierten Bunkern, die meist direkt an die Schützengräben angeschlossen waren und tiefer lagen. Der Einsatz in den Gräben direkt an der Front dauerte immer nur wenige Tage.

– Gab es Kriegspropaganda?

Der Erste Weltkrieg gilt als Geburtsstunde der Kriegspropaganda. Die Regierungen nützten die kontrollierten Massenmedien, um Stimmung für den Krieg zu machen. 4000 Zensoren waren in Großbritannien damit beschäftigt, Presse und Post zu überwachen. Dort wurde sogar ein Zeitungsherausgeber Informationsminister. Erstmals wurde auch die Fotografie in den Massenmedien als Propagandainstrument eingesetzt.

– Die schlimmste Schlacht im Krieg?

Die Schlacht an der Somme von Juli bis November 1916 gilt mit mehr als einer Million Toter, Vermisster und Verwundeter als die verlustreichste Schlacht des Krieges.

– Sind Menschen im Krieg verhungert?

Der Winter 1917/’18 war ein Hungerwinter und wurde in Deutschland und Österreich auch Steckrüben-Winter genannt. Bis zu 800.000 Menschen sollen verhungert sein. Am schlimmsten war es in Städten wie Wien oder Frankfurt.

– Wann und warum traten die USA in den Krieg ein?

Am 6. April 1917, nachdem deutsche U-Boote amerikanische Schiffe versenkt hatten. Der Eintritt der USA mit insgesamt zwei Millionen Soldaten auf Seiten der Entente trug maßgeblich zur Wende an der Westfront und damit zum Ausgang des Krieges bei.

– Warum war Russland nicht bis zum Schluss im Krieg?

Weil Lenin 1917 an die Macht kam und er gegen den Krieg war. Er befahl sofort einen Waffenstillstand.

– Gab es Seuchen?

Die schlimmste Seuche während des Weltkriegs war die Spanische Grippe. Sie brach im Frühjahr 1918 aus und kostete nach Schätzungen weltweit mehr als 25 Millionen Menschen das Leben.

– Wie viel kostete dieser Krieg?

956 Milliarden Goldmark (das entspricht umgerechnet etwa 4 Billionen Euro). Österreich-Ungarn verpulverte 99 Milliarden Goldmark (etwa 400 Milliarden Euro). Das Geld wurde überall großteils durch Kriegsanleihen aufgebracht.

– Wann endete der Krieg?

Als die Alliierten die deutschen Linien 1918 durchbrachen sowie die Verteidigung Österreich-Ungarns und der Türkei zusammenbrach. 1919 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet, durch den Österreich auf etwa 12 % seiner ursprünglichen Fläche schrumpfte.

– Wurde Deutschland militärisch geschlagen?

Die nach dem Krieg weitverbreitete Ansicht, dass die deutsche Armee nur durch die politischen Umwälzungen zu Hause zur Kapitulation gezwungen wurde (sogenannte Dolchstoßlegende), ist historisch nicht zu halten. Die deutsche Front brach im Herbst 1918 nach dem Scheitern einer letzten Offensive erstmals ein, die Versorgung brach zusammen und das Eingreifen der Amerikaner sowie die technische Überlegenheit der Alliierten, etwa bei Panzern, wurde erdrückend.

– Welche Länder behielten nach dem Krieg ihre alten Grenzen?

Portugal und die sechs neutralen Staaten Schweiz, Spanien, Niederlande, Dänemark, Norwegen, Schweden.

Entstanden neue Staaten?

Ja, u.a. Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Finnland, Estland, Lettland, Litauen.

– Was wurde eigentlich aus dem Attentäter Gavrilo Princip?

Er starb 1918 an einer unbehandelten Knochentuberkulose, die er sich in den feuchten Kellern der böhmischen Festung Theresienstadt geholt hatte.

Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg