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Erster Weltkrieg
12/29/2013

Als vier Monarchien Europas untergingen

Ein schneller Feldzug zum Sieg sollte es werden. Es wurde die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwei Reiche zerfielen, zwei taumelten in die Revolution.

Der Ministerrat musste an diesem 7. Juli ohne den Kaiser auskommen, der hatte es vorgezogen, in seiner Sommerresidenz in Bad Ischl zu bleiben. Dass das Gremium – es war das mächtigste der k.u.k. Monarchie – an diesem Tag die endgültige Entscheidung über Krieg und Frieden fällte, schien den greisen Monarchen nicht mehr zu kümmern. Seine eigene Entscheidung hatte er ja schon längst getroffen.

Franz Joseph wollte den Krieg. Nicht aus dem Wahn, Serbien endgültig in die Knie zu zwingen, wie sein Generalstabschef Conrad von Hötzendorf kalkulierte; nicht aus dem Wunsch, die Monarchie aus ihrer Lähmung zu befreien, wie fortschrittliche Kräfte in der Gesellschaft hofften. Der 84-jährige Herrscher, der inzwischen 66 Jahre auf dem Thron saß, hielt den Krieg einfach für unvermeidlich, für ein unabwendbares Schicksal, dem sein Reich entgegenging. „Dann ist eben Krieg“, kommentierte er seltsam gelassen die eskalierende Krise. Ähnlich gelassen hatte er schon ein paar Wochen zuvor die Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo zur Kenntnis genommen. Von einer höheren Macht hatte er gesprochen, die habe „jene Ordnung wiederhergestellt, die ich nicht aufrechterhalten konnte“.

Franz Joseph, der sich sein Leben lang an den höheren Auftrag, an das Gottesgnadentum für seine Herrschaft geklammert hatte, war die morganatische, also nicht standesgemäße, Ehe seines Neffen ohnehin immer ein Dorn im Auge gewesen.

Dem Schicksal ergeben

So wie das Schicksal die von ihm nicht gewünschte Thronfolge vereitelt hatte, so brachte das Schicksal jetzt den Krieg – und er ließ ihm seinen Lauf. Einen Lauf, den die Kriegstreiber wie der Generalstabschef in diesen Juli-Tagen gnadenlos beschleunigten. Den Freibrief für den Angriff aus Berlin, wo man ebenfalls auf die Eskalation drängte, bekam man schnell. Nun inszenierte man noch in hanebüchener Weise einen angeblichen Überfall der Serben auf das Gebiet der Monarchie, nur um einen weiteren Kriegsgrund an der Hand zu haben. Franz Joseph dachte gar nicht daran, an diesem Lügengebäude auch nur im Geringsten zu zweifeln, er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seinen Beamten zu vertrauen, ihnen das Handeln zu überlassen.

Er ließ sie nur täglich einzeln vor sich treten, hörte sich meist schweigend und mit dem Kopf nickend ihre Berichte an, und setzte seine Unterschrift unter die Dokumente – bis zuletzt die Kriegserklärung vor ihm lag. Bis hierher war alles seinen seltsam steifen, protokollarischen Weg gegangen, und der setzte sich jetzt im Weltkrieg und im Untergang der Monarchie fort. Franz Josef aber unterschrieb und seufzte leise in seinen Bart: „Ich hab das alles nicht gewollt.“

Ein Getriebener wird zum Kriegstreiber

„Lieber Nicky“: So beginnen seine fieberhaften, fast verzweifelten Briefe an Russlands Zaren in diesen Juli-Tagen 1914. Mit ihnen versuchte Wilhelm II. im letzten Moment den Krieg zu verhindern, den er doch selbst maßgeblich heraufbeschworen hatte. Hatte er nicht persönlich gerade seinem Reichskanzler Bethmann-Hollweg den Auftrag erteilt, die Abgesandten des Kaisers in Wien mit einem Freibrief für den Krieg auszustatten?

War Wilhelm II. der Kriegstreiber, der die neue Industrie-Supermacht Deutschland in eine aggressive Außenpolitik und damit letztlich in den Weltkrieg hetzte, oder war er vielmehr ein junger moderner Herrscher, der sein Land friedlich an die Spitze Europas führen wollte und in den Krieg nur unglücklich hineinstolperte? Bis heute, 100 Jahre danach, sind sich die Historiker, was den deutschen Kaiser betrifft, gänzlich uneinig.

Sprunghaft, verletzlich

Sicher aber scheint, der Hohenzollern-Herrscher, der 1888 mit gerade einmal 29 Jahren auf den Thron kam, war ein Getriebener – seiner eigenen, rasch wechselnden Stimmungen und Gefühle und einer Vielzahl wirtschaftlicher, politischer und militärischer Drahtzieher in seinem Reich.

Der Bub, der durch eine problematische Geburt nicht nur an einer verkrüppelten Hand, sondern vermutlich auch einem leichten Hirnschaden litt, galt als aufbrausend, verletzlich und vor allem als äußerst sprunghaft. Der brillante Redner konnte nicht nur seine Landsleute rasch begeistern, ebenso rasch konnte er sich in eine neue Idee, in eine neue Überzeugung verlieben. Er trat für die Rechte streikender Industriearbeiter ein, „für die ich zu sorgen habe“, nur um diese wenig später als „Reichs- und Vaterlandsfeinde“ zu bezeichnen. Er ließ 1914 den Kriegstreibern in seinem Militär – etwa den Generälen Hindenburg und Ludendorff – freie Hand. Ein Jahr später, als Deutschlands Offensive an der Westfront festgefahren war, erklärte er: „Mein Gewissen ist rein, ich habe den Krieg nicht gewollt.“

Dass es tatsächlich zum Krieg kam, verstörte Wilhelm zutiefst, vor allem, dass er auf einmal das von ihm so verehrte Großbritannien – samt den Verwandten auf dem Thron – zum Feind hatte. Doch als sich der Krieg vom geplanten schnellen Sieg an allen Fronten in ein aussichtsloses Gemetzel verwandelte, hatte er die tatsächliche Macht im Reich ohnehin längst eingebüßt. Seine Heeresleitung traf die militärischen und bald auch die politischen Entscheidungen – auch so fatale wie den Kriegseintritt der USA zu provozieren. Er selbst kommentierte seine Rolle zuletzt nur noch fatalistisch: „Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich den Krieg führe, dann irrt man sich. Ich trinke Tee, säge Holz und gehe spazieren.“

Revolution als blutiges Ende einer Illusion

Der Krieg holte Nikolaus II. zurück aus der abgeschiedenen Welt, in die er sich mit seiner geliebten Alexandra zurückgezogen hatte. Im romantischen Schlösschen Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg hatte das Zaren-Ehepaar den Großteil der letzten Jahre verbracht, zusammen mit ihrem todkranken Sohn, dem Zarewitsch Alexej.

Die Bluterkrankheit des inzwischen Zehnjährigen hatte das Leben der ohnehin schwermütigen Zarin und zuletzt auch das des Herrschers bestimmt. Der Wunderheiler Rasputin hatte Alexandra zuletzt völlig unter Kontrolle gehabt und zunehmend geriet auch der psychisch ebenfalls labile Zar unter seinen Einfluss.

In der prunkvollen Abgeschiedenheit hatte sich der Zustand des Riesenreiches, das Nikolaus in Wahrheit nicht regieren konnte, ausblenden lassen. Mit dem Ausbruch des Krieges trat er umso schneller und umso erschreckender zutage. Die russische Armee war einem modernen technisierten Heer wie dem deutschen nicht gewachsen. Auch wenn die Generalität ihre schlecht ausgerüsteten und ebenso schlecht ausgebildeten Soldaten zum Angriff prügelte, ließ das die Stimmung in der Truppe nur noch weiter sinken. Sehr rasch kam es zu Desertionen und Befehlsverweigerungen.

Ganz ähnlich die Situation in der Industrie. Zwar hatte die teils brutal vorangetriebene Modernisierung Russlands zumindest eine große Schwerindustrie entstehen lassen, doch die Arbeits- und Lebensumstände der Arbeiter waren noch immer so, als ob die Leibeigenschaft – man hatte sie erst vor wenigen Jahren aufgehoben – weiterhin herrschen würde.

Er ließ einfach schießen

Hungeraufstände und Revolten von Arbeitern hatte Russland unter Nikolaus schon mehrfach erlebt. Doch der Zar hatte darauf nie eine andere Antwort gefunden als brutale Gewalt. Als wollte sich der Fantast Nikolaus seine Illusion von einem modernen Russland nicht durch ein paar hungernde Arbeiter stören lassen, ließ er diese einfach niederschießen.

Reine Illusion war auch sein Bild von seiner Armee. War sie doch rein zahlenmäßig die größte der Welt. Die Flotte, sein großer Stolz, war schon 1905 von den Japanern vernichtend geschlagen worden. Jetzt, im Herbst 1914, zerschellte der Angriff in Ostpreußen an den Deutschen.

Nikolaus machte seine Generäle verantwortlich, übernahm selbst den Oberbefehl und erschien schließlich persönlich an der Front. Die Katastrophe wurde so nur noch beschleunigt. Die Märzrevolution 1917 kostete ihn schließlich den Thron. Die Oktoberrevolution aber und der Sieg der Bolschewiken sollte in schließlich sogar den Kopf kosten. Lenin ließ ihn mit seiner ganzen Familie ermorden.

Langsamer Untergang, dramatischer Zerfall

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war nicht nur das Osmanische Reich längst mehr tot als lebendig, sein Sultan war ein gebrochener, alter Mann und ein politischer Gefangener. Mehmed V. war eigentlich nur auf den Thron gesetzt worden, weil er jenen, die meinten, das Reich, vor allem aber die Vorherrschaft der Türken im Orient retten zu können, nicht im Weg stand. Die Bewegung der Jungtürken hatte die Schwäche des Reiches nach den Balkan-Kriegen in den Jahren zuvor genützt, um sich an die Macht zu putschen. Ihre Führer Enver Talat und Cemal Bey träumten davon, den osmanischen Staat in die Moderne und nach Europa zu führen. Das große Vorbild dieser autoritären Nationalisten: Deutschland.

Das führte das Osmanische Reich in ein vorerst geheimes Bündnis mit Deutschland und damit schließlich an dessen Seite in den Krieg. Schon seit Längerem war das wilhelminische Deutschland in Konstantinopel als finanzstarker Partner und Verbündeter aufgetreten. Mit deutschem Geld wurde die technische Modernisierung des Landes vorangetrieben, deutsche Ingenieure bauten die legendäre Eisenbahn nach Bagdad.

Das Kaiserreich versuchte, das wirtschaftlich rückständige und finanziell kollabierende Riesenreich als Partner gegen Russland, aber auch die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien aufzubauen. Einen Besuch beim Sultan vor Kriegsausbruch nützte Wilhelm für eine Grußbotschaft an „300 Millionen Mohammedaner, denen wir versichern, das der deutsche Kaiser immer ihr Freund sein wird.“ Eine offene Provokation Großbritanniens, in dessen Kolonien Hunderte Millionen Moslems lebten.

Aufstand der Araber

London nahm die Herausforderung an: Der Orient von der Ägäis-Küste bis nach Jerusalem und Bagdad wurde Kriegsschauplatz und trieb das zerfallende Reich endgültig in den Untergang.

Anfangs erzielte die türkische Armee noch große Erfolge. Die britische Invasion bei Gallipoli wurde zurückgeschlagen, man drang bis zum Suezkanal vor. Schließlich aber gelang es den Briten, einen Aufstand der Araber, angeführt vom Großscherif von Mekka, anzuzetteln. Das leitete die Niederlage und damit Untergang und Zerfall des Reiches ein. Schon 1916 teilten Briten und Franzosen in einem Geheimpakt das Reich des Sultans unter sich auf. Es sollten jene Grenzen sein, die bis heute das Krisengebiet Nahost bestimmen. Der Sultan erlebte das Ende nicht mehr. Er starb wenige Monate vor Kriegsende.

Kurz vor seinem Tod hatte ihn Kaiser Karl I. zum Feldmarschall der k.u.k Monarchie gemacht. Der höchste militärische Rang jenes Reiches, vor dessen Hauptstadt, Wien, einst der Vormarsch der Osmanen gestoppt worden war.