Thema | 1914
09.01.2014

Die Bilder des Krieges

Der erste Medienkrieg: Praktisch alle Kampfbilder sind gestellt, hat Fotohistoriker Holzer festgestellt

Mitten im Pulverdampf, irgendwo an der Westfront in Flandern, im Oktober 1917. Australische Truppen kämpfen erbittert gegen die Deutschen. Soldaten erklimmen den Rand des Schützengrabens – der australische Fotograf Frank Hurley drückt ab. Begeistert, motiviert. Die Ausarbeitung seiner Glasplatten-Negative ernüchtert den berühmten Dokumentarfilmer. „Alles, was ich auf den Bildern finde, sind die Spuren einiger Figuren und lauter Dunst im Hintergrund.“ Immer wieder habe er versucht, die Schlachten „auf einem einzigen Negativ“ festzuhalten, sagte er nach dem Krieg. Er schaffte es nicht.

Berühmt machten ihn seine Bilder dennoch. Er ist einer jener Fotografen, die bis heute für die Bilder verantwortlich sind, die wir vom Ersten Weltkrieges im Kopf haben. Dabei hat Hurley sie aber aus Einzelbildern komponiert. „Es wird permanent mit Bildern operiert, die gestellt sind“, sagt der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer und erklärt im KURIER-Gespräch, wie Fotografen und ihre Bilder den großen Krieg beeinflussten.

KURIER: 1914 waren Fotografie und Film noch sehr jung. Wie gelang ein moderner Medien- und Propagandakrieg?

Anton Holzer: Im Ersten Weltkrieg fand eine große mediale Umwälzung statt. Neu ist, dass Fotos eine unglaubliche Verbreitung erlangten, weil ihre Vervielfältigung in Zeitungen möglich wurde. So wurden sie einer großen Öffentlichkeit zugänglich. Neu war auch, Fotografie als Propagandamedium zu nutzen. Die Militärs waren anfangs skeptisch. Im Lauf des Krieges kamen sie drauf, dass Fotografien viel unmittelbarer berichten können als Texte.

Wie schauten die ersten Fotos vom Krieg aus?

Es waren gar keine Fotos, sondern Zeichnungen. Das kommt noch aus dem 19. Jahrhundert, die Zeichnung galt als unmittelbarer. Es gab mehr als 100 Kriegsmaler und nur ein Dutzend Kriegsfotografen. 1918 gab es durchwegs einen fotografierten Krieg und keinen gezeichneten mehr. Die Fotografen bestimmten das Bild des Krieges. Sie waren privilegiert, im Umfeld von Offizieren. Selbst wurden sie gar nicht erst bis an die Front vorgelassen. Man hat auch nicht erwartet, dass sie ihre Kamera über den Schützengraben hinaushalten.

Das erinnert an das Konzept der „embedded journalists“ aus den Irak-Kriegen.

In meinen Augen wurde das Konzept der militärisch gelenkten Propaganda erstmals im Ersten Weltkrieg durchgeführt. Die Journalisten waren wirklich „eingebettet“. Eine wichtige Maßnahme war, dass alle Journalisten akkreditiert sein mussten und nicht auf eigene Faust arbeiten durften. So wurden sie auch kontrolliert.

Wie authentisch sind Bilder aus dem Ersten Weltkrieg?

Ich bin durch meine Forschungen zu dem Schluss gekommen, dass praktisch alle Kampfbilder aus dem Ersten Weltkrieg gestellt sind. Das war bis vor Kurzem nicht in dieser Dimension bekannt. Es wird permanent mit Bildern operiert, die gestellt sind, die hinter der Front bei Übungen entstanden sind.

Bewusste Irreführung?

Nicht unbedingt, das haben alle gewusst. Vieles, was heute als Kampfbilder zirkuliert, entstand in den 1920er-Jahren bei Filmaufnahmen, vor allem in den angelsächsischen Ländern. Im Londoner Imperial War Museum gibt es viele solcher Fotos, die vorgeblich aus dem Ersten Weltkrieg stammen, aber bei Spielfilmen entstanden.

Wie soll man heute mit diesen Bildern umgehen?

Fotos sind keine unschuldigen Dokumente, solche aus dem Krieg muss man kritisch lesen. Ich sage nicht, dass man diese Bilder nicht zeigen soll. Aber man sollte dazusagen, dass sie gestellt sind. Die Bedingungen, unter denen die Fotografen arbeiteten, sollten offengelegt werden. Insofern ist unser heutiges Bild vom Ersten Weltkrieg sogar missverständlich, weil hier mit Bildern operiert wird, die durchwegs nicht an der Front entstanden sind.

Wie die komponierten Bilder Frank Hurleys?

Er ist in gewisser Weise eine herausragende Figur. Er war vor dem Krieg recht bekannt als Fotograf einer Antarktis-Expedition, wurde 1916 als Teil der australischen Truppen an die Westfront verlegt. Im Grunde hat er nichts anderes als Fotomontagen gemacht. Das waren keine Pressebilder, die in Zeitungen veröffentlicht, sondern in Ausstellungen gezeigt wurden.

Wie erkennt man gestellte Bilder?

Daran, dass die Fotografen eine Position einnahmen, bei der sie in der Realität niemals überlebt hätten. Zum Beispiel, wenn der Fotograf erhöht steht. Etwa: Alle sind verschanzt, aber der Fotograf steht hoch oben. Da, wo er sofort erschossen worden wäre.

Kaiser Karl ist, im Gegensatz zu Kaiser Franz Joseph I., sehr häufig auf Fotos zu sehen.

Er war ein Medien-Kaiser. Er hat sich 1916 gleich einen Medientross mit Leibfotografen zugelegt und ließ sich als Held des Krieges darstellen. In den Bildern sehe ich übrigens einen martialischen Herrscher und nicht den Frieden suchenden Kaiser, wie es oft vermittelt wird.