Style
25.11.2017

Warum Ihr Kaschmir-Pulli eine Fälschung sein könnte

Die kuschelweiche Wolle wird immer beliebter – ein Trend, der nicht ohne Folgen bleibt.

Schön soll er sein. Warm natürlich auch. Und auf keinen Fall darf der perfekte Winterpullover kratzen. Das besonders weiche Kaschmir erfreut sich seit ein paar Jahren immer größerer Beliebtheit. Früher war das teure Garn jenen vorbehalten, die es sich leisten konnten. Doch die Zeiten haben sich geändert – das einstige Luxusprodukt ist zur Massenware geworden.

Heute bieten auch günstige Modeketten wie Zara und Mango Strickware aus der edlen Wolle an. Eine Mütze gibt es bereits um 39 Euro, Pullover ab 80 Euro. Doch die rasant steigende Popularität des Naturprodukts bleibt nicht ohne Folgen.

Zu große Herden

Denn während andere Materialien wie Seide und Baumwolle vergleichsweise einfach produziert werden können, ist Kaschmir nur in einer begrenzten Region verfügbar. In den abgelegenen Hochebenen der Mongolei, Chinas, Afghanistans und des Irans leben die Kaschmirziegen, deren kostbares Unterhaar einmal pro Jahr während des natürlichen Haarwechsels herausgekämmt wird. Bis zu vier Tiere braucht es, um einen Pullover herstellen zu können.

Um der enormen Nachfrage gerecht zu werden, haben viele Bauern ihre Herden in den vergangenen Jahren stark vergrößert. Wuchs das Gras vor drei Jahrzehnten noch meterhoch, sind viele Weideflächen heute durch Übernutzung versteppt. Denn im Gegensatz zu Schafen reißen Kaschmirziegen das Gras samt der Wurzel aus. Dementsprechend länger dauert es, bis dieses wieder neu gewachsen ist.

Mogelpackung

Das österreichische Unternehmen Grüne Erde hat Konsequenzen aus der ökologischen Problematik gezogen – und verzichtet seit Kurzem gänzlich auf Kaschmir. "Dieser Prozess hat drei Jahre lang gedauert", sagt der Eigentümer der Marke im Gespräch mit dem KURIER. Auch zunehmender Betrug habe bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt. "Wir mussten leider feststellen, dass massiv gefälscht wird." Heißt: Nicht überall, wo Kaschmir draufsteht, ist auch Kaschmir drin. Seiner Einschätzung nach sind zwei Drittel der Ware mit anderen Stoffen durchmischt. Hierbei wird unter anderem mit Nylonfasern und Weichmachern gearbeitet.

Auf der Suche nach passenden Alternativen stieß Kepplinger auf Alpakawolle und Yakhaar. "Es gibt in Österreich eine sehr gute Alpakazucht", erklärt der Experte. Die Wolle der domestizierten Kamelform wird nicht umsonst als "Vlies der Götter" bezeichnet. "Man bemerkt keinen Unterschied zu Kaschmir. Es hat die gleiche Garnstärke und Weichheit." Yakwolle komme zwar aus der Mongolei, sei laut Kepplinger jedoch ökologisch verträglicher, da das Rind die Wurzel des Grases verschone.

Auf Kaschmir verzichten will Andreas Knezovic nicht. Jedoch hat sich der Gründer der Modemarke FTC Cashmere dem Fair-Trade-Gedanken verschrieben. Seine Produktionsstätten befinden sich in der Inneren Mongolei (im Norden Chinas) und der chinesischen Provinz Shaanxi. "Dort gibt es kein freies Farming mehr", erklärt Knezovic. "Die Bauern werden streng kontrolliert und dürfen nur eine gewisse Anzahl an Tieren auf ihrer Fläche halten." Während die chinesische Regierung auf diese Weise die Zerstörung der Landflächen aufgehalten hat, gibt es in der Mongolei keine Beschränkungen.

Der mangelnden Transparenz kann der Kunde laut Andreas Knezovic mittels Recherche begegnen: "Wie kommt der Preis zustande, wie wird das Produkt gemacht? Sie können davon ausgehen, dass ein günstiger Kaschmir-Pullover in der Regel eine schlechte Qualität haben wird. Mit Sicherheit ist dieser ethisch extrem zweifelhaft." Denn bei derart günstiger Produktion bleibe der Bauer auf der Strecke und nicht selten würden Transportwege in Drittländer umgeleitet. Bis zu 1000 Euro kosten die Kreationen von FTC Cashmere. Dass sich diesen Luxus nicht jeder leisten kann, ist Andreas Knezovic bewusst: "Kaschmir ist wie ein Ferrari – nicht jeder muss einen fahren."