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Interview
04/19/2016

Statussymbol Mode: Was wäre der Arzt ohne Kittel?

Die altbekannte Dienstbekleidung hat ausgedient - manch einer fürchtet deshalb um seine soziale Position.

von Maria Zelenko

Was für den Richter die Robe und für den Polizisten die Uniform ist, ist beim Arzt der Kittel. Wenn es nach dem deutschen Klinikkonzern Asklepios geht, sollte letztere Dienstbekleidung gar nicht mehr zum Einsatz kommen - zumindest nicht in seiner ursprünglichen Form. Mit Anfang April 2016 hat man begonnen die langärmeligen Kittel in den deutschlandweit 100 Einrichtungen auszumustern. Der Grund: Die Ansteckung durch multiresistente Keime über die Kleidung soll minimiert werden.

Kurze Ärmel und Knopfleisten - das ist ab sofort der Dresscode in den Spitälern des Konzerns. Während diese auf Intensivstationen und in Operationssälen längst Standard sind, war der klassische Arztkittel mit langen Ärmeln auf den Stationen bisher ein Statussymbol. Konzerngeschäftsführer Kai Hankeln gibt zu, dass es intern Überzeugungsarbeit gebraucht habe. Vor allem bei älteren Chefärzten sei es eine gewisse Hürde, die sie überspringen müssen.

Warum spielt die Berufsbekleidung eine so wichtige Rolle? Und wird der Arzt ohne seinen langärmeligen Kittel wirklich weniger ernst genommen? Der KURIER hat mit Thomas Ertl, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, über Mode als Statussymbol gesprochen.

KURIER: Warum wird der Arztkittel von vielen als wichtiges Statussymbol gesehen?

Thomas Ertl: Kleidung ist seit dem Mittelalter ein zentrales Mittel zur Distinktion. Auch im Job spielte sie bereits damals ein wichtige Rolle. Das Privileg einer gut erkennbarer Berufskleidung wurde von den Amtsinhabern stets vehement verteidigt. In der Regel kombiniert Berufskleidung Funktionalität und sozialen Anspruch eines Berufsstandes. Während bei sitzenden Berufen der Anspruch und die Würde des Amtes stärker hervortreten können, wie beispielsweise bei den Talaren der Richter, spielt die Funktionalität bei Berufen mit manueller Tätigkeit eine größere Rolle. Die aktuelle Debatte hat sich an der Funktionalität der ärztlichen Berufskleidung entzündet.

Werden Ärzte weniger ernst genommen, nur weil sie kurzärmelige Dienstbekleidung tragen?

Häufig wird mit der Veränderung von Äußerlichkeiten auch eine Veränderung der sozialen Position befürchtet. In der Regel ist die soziale Position eines Berufsstandes jedoch nur bedingt an die Kleidung gebunden. Ärzte mit kurzen Ärmeln werden daher in den ersten Monaten nach ihrem Auftreten Erstaunen und vielleicht auch Kritik hervorrufen. Jedoch werden sich sowohl Ärzte als auch Patienten bald an die neue Dienstbekleidung gewöhnt haben.

Auch in anderen Berufen werden kurze Ärmel als unpassend empfunden. Warum?

Weil kurze Ärmel nackte Haut zeigen. Die Zurschaustellung des menschlichen Körpers geschieht jedoch vor allem aus drei Gründen: Um die Schönheit des Körpers zu betonen, um eine schweißtreibende Tätigkeit auszuüben und aus Bequemlichkeit. Auf den ersten Blick widersprechen alle drei Gründe der Professionalität eines gehobenen Berufsstandes. Zu dieser Professionalität gehört unter anderem die Wahrung eines gewissen Distanz, die sich auch in einer den ganzen Körper bedeckenden Kleidung zeigt.

Sollte nicht eigentlich das Können im Vordergrund stehen?

Kompetenz und Erscheinungsbild lassen sich nie völlig voneinander trennen. Gesellschaftliche Rollenbilder sind sehr stabil und lassen sich nur langsam ändern. Dennoch wird sich jeder Patient lieber von einem kompetenten Arzt in kurzen Ärmeln als von einem weniger kompetenten in voller Amtstracht behandeln lassen. Die Vernunft wird am Ende dafür sorgen, dass die Veränderung der ärztlichen Bekleidung auch akzeptiert wird.

Auch bei Poliszisten und Richtern spielt die Bekleidung eine wesentliche Rolle. Sind diese Berufe ohne Uniform denkbar?

Die Dienstbekleidung von Richtern hat etwas von ihrer Bedeutung verloren. Das ist nachvollziebar, da der amtführende Richter von allen Parteien ohne Probleme erkannt und gewürdigt wird. Bei der Polizei hat die Uniform eine gänzlich andere Funktion: Erst durch das Tragen der Uniform wird ein Polizist im Alltag erkennbar. Das macht ihn als Vertreter des Staats sichtbar – sowohl in abschreckender als auch in hilfesuchender Funktion. Nicht zufällig umgibt den Polizisten in Zivil eine ganz andere Aura der Geheimhaltung und Intransparenz.

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