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Höhen und Tiefen einer Talkshow-Ikone: Was wurde aus Andreas Türck?

Dank seiner gleichnamigen Talkshow war Andreas Türck Ende der 1990er-Jahre eines der prägendsten Gesichter der deutschen TV-Landschaft.
Andreas Türck im Porträt

Wochentags, ProSieben, 15 Uhr: Wir luden ihn in unser Wohnzimmer ein, um mit ihm gemeinsam zu lachen, zu staunen, uns fremdzuschämen und natürlich zu schwärmen – wahrscheinlich nicht mit ihm, sondern über ihn: Andreas Türck war dank seiner erfolgreichen Talkshow, die seinen Namen trug, Ende der 1990er-Jahre der Mann der Stunde.

Doch 2004 folgte der große Absturz: Türck wurde, lange vor #metoo, der Vergewaltigung beschuldigt. ProSieben beurlaubte ihn vorerst, kündigte ihn dann gänzlich. Was ist seitdem aus "Mr. Charming" geworden?

Talkshows: Der alltägliche Wahnsinn

Ob Hans Meisner, Bärbel Schäfer, Sonja Zietlow, Arabella Kiesbauer oder Vera Int-Veen: Die 90er-Jahre waren das Jahrzehnt des Schmuddel-TVs. Während spätabends Erotik-Formate fürs besonderes Prickeln bei den Zusehern sorgten, wurden der Mittag und der Nachmittag von Talkshows dominiert, die dank zotiger Themen ("Ich liebe meine Schwester! Warum dürfen wir nicht heiraten?"), gnadenlosem Seelenstriptease der Gäste, gegenseitigen Beschimpfungen und grenzenlosem Fremdschämen schnell Kultfaktor erreichten. Die Familienschlammschlacht galt nur dann etwas, wenn sie vor der Kamera und vor schockiertem Saalpublikum stattfand.

Talkformate waren also die Vorstufe der Reality-Shows. Dass sich Menschen tatsächlich vor die Kamera wagten, um ihr Leben auszubreiten, tief in die Abgründe ihrer Seele blicken zu lassen und sich dabei nicht selten lächerlich machten, war neu und übte eine Faszination aus, die nicht nur eine gesamte Generation, sondern auch das Fernsehen für immer verändern sollte. Talkshows zeigten auf überspitzte Art den alltäglichen Wahnsinn und atmeten dabei, nicht selten hektisch und nahe dem Erstickungstod röchelnd, authentische Menschlichkeit. 

Als Zuseher konnte man sich beim Blick in das Schlafzimmer der Nachbarn herrlich moralisch überlegen fühlen und es sich dabei entspannt im Universum dieser fremden, aber doch so wiedererkennbaren Schicksale gemütlich machen. In ihren besten Stunden war das Leben in Talkshows größer als das reale Leben selbst.

Andreas "Mr. Charming" Türck

Mittendrin in all dem lauten Gequatsche, Gezetere und vor allem den großen Emotionen: Andreas Türck, der ab 1998 den Talk-Nachmittag auf ProSieben nach "Arabella" (mit Arabella Kiesbauer) weiterführte und auf die nächste Talkshow "Nicole" (mit Nicole Noevers) vorbereitete. 

Türck war einer der wenigen männlichen Talkshowmoderatoren. Bewusst sollte er ein Bindeglied zwischen der lauten Arabella und der süßen Nicole darstellen. Charmant, witzig, selbstironisch und manchmal auch ein bisschen tollpatschig führte er durch die Sendung und eroberte bald die Herzen des vor allem weiblichen Publikums. "Andreas Türck" sah man nicht wegen der Gäste, sondern wegen Andreas Türck und seinem verschmitzten Grinsen, das oftmals die empfundene Fremdscham des Publikums widerspiegelte. So nahbar wie Türck war keiner seiner Kollegen (und Kolleginnen).

Die Zeitschrift Bunte gab ihm den Spitznamen "Mr. Charming" und schrieb: "Seine Fans (90 Prozent weiblich) würden ihn am liebsten heiraten." Die Amica ging sogar noch weiter und nannte ihn den "erotischsten TV-Mann Deutschlands". Für die Männer war er der beste Kumpel, für die Frauen Mr. Right zum Heiraten. Bildbände und Kalender wurden mit dem damals 30-jährigen feschen Strahlemann veröffentlicht. Auch weitere Shows durfte er moderieren, unter anderem "Love Stories" und die "McChartShow".

Deutschland und Österreich waren im Türck-Fieber, nicht zuletzt, weil er über seine eigenen Witze lachte und so harmlos war, wenn er sich wieder mal vor laufender Kamera mit dem Unterarm die Nase abputzte (wie damals auch Der Spiegel nicht unkritisch bemerkte).

Vorwurf der Vergewaltigung beendet Türcks Karriere

Doch im März 2004 bekam dieses harmlose Lausbuben-Image erhebliche Risse, als Türck von einer Frau beschuldigt wurde, sie vergewaltigt zu haben. ProSieben zog die Reißleine und trennte sich von seinem Aushängeschild. Das Verfahren endete 2005, Türck wurde freigesprochen –  "wegen erheblicher Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers", wie es hieß.

Juristisch war Türck rehabilitiert, doch die Karriere und vor allem das öffentliche Image waren erstmal zerstört, konnten nicht mehr repariert werden. Türck blieb nichts anderes übrig, als sich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen. Der einstige Frauenschwarm und eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Fernsehens war viele Jahre lang wie vom Erdboden verschluckt. 

Comeback als Moderator

Türck nahm nach einer (erzwungenen) Auszeit die Dinge selbst in die Hand und gründete 2007 ein eigenes Entertainment-Unternehmen, das Web-TV-Formate entwickelt und produziert. Er war zudem Gründer eines Unternehmens, das sich auf Influencer-Marketing spezialisierte.

Ende 2012 kehrte Türck überraschend zur ProSiebenSat.1 Media AG zurück und moderierte auf kabel eins das Wissenschaftsmagazin "Abenteuer Leben". Zwei Jahre später übernahm er die Co-Moderation des Musik-Casting-Formats "Yourfone Songcontest".

Seit 2024 arbeitet er als Moderator für den Sport-TV-Sender Dyn, wo er primär für Spiele und Formate rund um die Handball-Bundesliga zuständig ist. Beruflich bäckt er nun also kleinere Brötchen. Der Wechsel ins Sport-Ressort verwundert aber nicht: Als Türck 18 Jahre alt war, spielte er in der 2. Handball-Bundesliga bei TuS Eintracht Wiesbaden. So kehrte der mittlerweile 57-Jährige also gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück.

Musiker und Umweltschützer

Abseits seiner Moderationstätigkeit ist Türck auch als Musiker tätig, wenn auch abseits des Mainstreams. 2024 veröffentlichte er sein Album "Wishful Thinking", das bereits 2001 entstand. Als sein Idol nennt er John Lennon.

Zudem ist Türck ein engagierter Umweltschützer: Er ist einer der Gründungsmitglieder der gemeinnützigen Organisation "Orange Ocean", dessen Ziel der Schutz der Ozeane ist.

Privat lebt Andreas Türck mit seiner Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn in Hamburg.

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