Faszination und Furcht: ÖSV-Ass Hayböck und die Magie des Skifliegens
Es gibt beim Skifliegen diesen einen Moment, bei dem Michael Hayböck innerlich Luftsprünge macht. Vor lauter Begeisterung und Vorfreude, was in den nächsten Sekunden noch alles kommen mag. Viele Außenstehende werden davon gar nichts merken, weil es vergleichsweise unspektakulär aussieht und zu einem Zeitpunkt geschieht, zu dem vom Fliegen noch keine Rede sein kann, aber für Michael Hayböck ist es ein magischer Augenblick, den er am liebsten einfrieren möchte.
"Wenn du zwei Sekunden nach dem Absprung über den Vorbau drüberkommst und du plötzlich das Gefühl hast, als würde dich jemand an der Ferse in die Höhe ziehen", erzählt der 31-Jährige. Ab diesem Moment fühlt sich ein Skispringer wie auf Wolke sieben und schwebt in anderen emotionalen Sphären.
"Dann steigst du vom Hang weg, wirst dabei immer schneller und spürst, dass du über der Welle bist und es sehr weit gehen wird", sagt der Oberösterreicher. "Dieses Gefühl ist einzigartig. Man kann das nicht beschreiben, das muss man selbst erlebt haben."
245,5 Meter
Michael Hayböck hat dieses Glücksgefühl schon häufig auskosten dürfen. Dem Oberösterreicher werden hervorragende Flugeigenschaften attestiert, mit einer Weite von 245,5 Metern ist er hinter Weltrekordhalter Stefan Kraft (253,5) Österreichs Nummer zwei. Einst galten der 200er, später dann die 225 Meter als magische Marke, dank der umgebauten Flugschanzen in Vikersund und Planica kann heute jeder Ottonormalskiflieger schon so eine Weite vorweisen. "Wenn du heute 200 Meter weit springst, hast du das Gefühl, du bist den halben Aufsprunghang hinuntergefahren", sagt Michael Hayböck. "240 sind inzwischen die Barriere. Wenn du einmal über 240 Meter geflogen bist, dann bist du wer."
Hoher Puls
240 Meter werden wohl nicht reichen, wenn ab heute in Vikersund der Weltmeister im Skifliegen gesucht wird. Natürlich stehen bei einer WM die Medaillen im Mittelpunkt, doch den meisten Sportlern geht’s in erster Linie um die einzigartigen Emotionen und diese ewigen Sekunden der Unbeschwertheit in der Luft.
Es ist eine Mischung aus Faszination und Furcht, aus Magie und Muffensausen, die alle Springer vor einem Skifliegen umweht. "Ich bin seit Tagen extrem kribbelig", gesteht Hayböck. "Wenn du das erste Mal wieder auf der Flugschanze oben sitzt, dann ist der Puls um 40, 50 Schläge höher als normal."
Und das ist jetzt keineswegs nur so dahergeredet, wissenschaftliche Studien belegen, was in einem Skispringer beim Skifliegen alles vorgeht. ÖSV-Arzt Peter Baumgartl führte zahlreiche Untersuchungen durch und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: Er stellte bei den Skifliegern einen Adrenalinwert fest, der jenem von Menschen in Todesangst gleicht.
Fatale Folgen
Denn jeder Springer ist sich darüber im Klaren, dass bei aller Leichtigkeit des Seins jeder kleinste Fehler auf den Riesenschanzen die fatalsten Folgen haben kann. Der Kärntner Lukas Müller, mit dem Hayböck 2009 und 2010 Team-Gold bei der Junioren-WM gewann, erlitt bei einem Sturz beim Skifliegen einen inkompletten Querschnitt, der Norweger Daniel-André Tande lag nach einem heftigen Crash im März 2021 in Planica tagelang im Koma.
Der Respekt ist ein stetiger Flugbegleiter von Michael Hayböck. "Vor einem Skifliegen kontrolliere ich die Bindung noch öfter und schaue, ob alle Schrauben gescheit halten", sagt er. "Man will sich ja sicher fühlen."
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