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Winheims Tagebuch
01/26/2022

Olympia-Gastarbeiter aus Österreich, der in China fast durchgedreht wäre

Seit Dezember weilt Egon Theiner bei den Winterspielen. Obwohl der 53-Jährige ein Veteran ist, erlebt er in Peking Außergewöhnliches.

von Wolfgang Winheim

Er schaffte bei einem Ultra-Marathon in Bad Blumau – kein Tippfehler – 160,64 Kilometer. Ohne tägliche Laufeinheit hält es der olympische Gastarbeiter Egon Theiner normalerweise nicht aus. Normalerweise.

Wenn Theiner, der schon bei etlichen sportlichen Großveranstaltungen tätig war, jetzt im offiziellen Olympia-Outfit eines Media-Officers vor die Bürotür tritt, kommt der Ausdauersportler im chinesischen Genting keine 100 Meter weit. „Denn zu Fuß gehen ist in den Regeln nicht vorgesehen.“

In Genting, bei Olympia in 1.700 Meter Höhe Schauplatz der Snowboard- und Freestyle-Bewerbe, wurde im Auftrag von Staatschef Xi Jinping sofort nach dem Olympia-Zuschlag 2015 ein Alpin-Zentrum aus dem kargen Boden gestampft.

Aktuell ruht dort der alpine Skibetrieb. Doch vor Corona seien – was man bei der österreichischen Skiindustrie gerne lesen wird – die Zuwachsraten chinesischer Brettlrutscher jährlich zweistellig gewesen. Behauptet Theiner, bei dem im Moment die positiven Eindrücke („Die Chinesin, die unser Medienzentrum leitet, ist schwer auf Zack“) überwiegen. Das war anfänglich nicht so.

Obwohl drei Mal geimpft, hatte der 53-Jährige unmittelbar nach der Landung im Dezember – wie andere ausländische Olympia-Mitarbeiter auch – drei Wochen in Quarantäne müssen.

Mit drei Mahlzeiten am Tag, die man ihm vor die Zimmertür stellte, plus 35 chinesischen und fünf japanischen TV-Sendern als Abwechslung. Meist streikte das Internet. Weil 400 Quarantäne-Genossen das gleiche versuchten wir er: mit der Außenwelt zu kommunizieren.

In den Tagen vor dem Heiligen Abend, gesteht Theiner, sei er am Durchdrehen gewesen. Kniebeugen plus sieben Schritt vor und zurück bei nicht zu öffnendem Fenster reichten nicht mehr zu seelischer Balance.

Der Ex-Journalist und hauptberufliche Verleger hatte viele Bücher, unter anderem über Dominic Thiem herausgeben. In der Quarantäne begann Theiner erstmals aus Verzweiflung mit dem Schreiben, das Buch soll bereits zu Olympia-Ende in Wien auf den Markt kommen. Titel: Durchhalten.

Politisch umstritten

Ein Motto, das mehr noch für die Teilnehmer an den politisch so umstrittenen ersten chinesischen Winterspielen gilt. Es wäre keine Überraschung, wenn’s zu Überraschungssiegen kommen wird. Errungen von den Nervenstärkeren, die immun sind gegen Covid-Schikanen.

Und bei denen nach der Landung die Fiebermessung maximal 37,3 Grad Celsius ergibt. Andernfalls landen Athleten nicht an ihrer Wettkampfstätte, sondern dort, wo der Olympia-Officer aus Österreich drei Wochen lang gelitten hat: in der Corona-Quarantäne.

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