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17.11.2018

Skisprung-Coach Felder: "Hoppla, wir müssen radikal was ändern"

Andreas Felder soll Österreichs Skispringern wieder Flügel verleihen. Der Coach im Interview.

Am Samstag heben die Skispringer in Wisla (POL) mit einem Teambewerb (16 Uhr, live in ORFeins, Eurosport) in die neue Saison ab. Die Österreicher haben einen enttäuschenden Winter ohne Weltcupsieg und Medaille hinter sich – und einen Wechsel auf der Kommandobrücke. Andreas Felder folgte auf Heinz Kuttin und soll den ÖSV-Adlern zu alter Stärke verhelfen.

Befinden sich die österreichischen Skispringer wieder im Aufwind?
Ich  bin immer  eher vorsichtig mit Prognosen. Denn man kann schnell einmal scheitern, wenn man sich die Latte selbst zu hoch setzt. Gerade beim ersten Wettkampf schießt schon gerne einmal einer übers Ziel hinaus. Aber das geht im Grunde allen so. Der Saisonstart ist spannend und aufregend, weil keiner weiß, wo er wirklich steht.

Hätten Sie gedacht, dass Sie noch einmal beim Herren-Nationalteam landen würden? Sie waren ja von 1995 bis 1997 schon einmal in diesem Amt.
Ich gebe es zu, dass ich die letzten Jahre beim österreichischen Damenteam genossen habe. Da konnte ich in Ruhe die Arbeit machen und das  hat mir eigentlich ganz gut ins Leben gepasst.  Jetzt kommt schon einiges mehr auf einen Trainer zu, weil das ÖSV-Herrenteam in der Öffentlichkeit einfach ganz anders  wahrgenommen wird.  Für mich war’s sowieso eine Überraschung, dass mich der ÖSV überhaupt gefragt hat.

Warum das?
Mit 56  bist du normal kein Kandidat mehr für den Chefposten.

Aber ist Erfahrung kein Kriterium im Skispringen?
Ich persönlich finde, dass  Erfahrung für einen Trainer extrem wichtig ist. Und zwar in jedem Sport. Das  normale Trainerbild ist halt so, dass sie Mitte 30 sind, maximal Anfang 40, wenn sie den Job übernehmen.  Da fall’ ich ziemlich aus der Reihe.

War es ein guter Zeitpunkt, das Amt des ÖSV-Skisprungtrainers zu übernehmen? Immerhin ist die Erwartungshaltung nach dem vergangenen Winter vergleichsweise niedrig.
Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Wenn du zum Beispiel ein Team  übernimmst, das gerade auf ihrem Höhepunkt ist, dann hast du Athleten voller Selbstvertrauen und Sicherheit. Hier hat man schon deutlich gemerkt, dass das eine angeschlagene Mannschaft ist.
 
Wie haben Sie diese kollektive Verunsicherung bekämpft?
Wir haben als Allererstes einmal  schauen müssen, wo grundsätzlich die Hauptfehler liegen und wo uns der Schuh drückt. Aber das hat man  bei den Basisübungen gleich erkennen können, woran es liegt.

Was war das Problem?
Ich muss da ein bisschen weiter ausholen. Bis vor einigen Jahren ist man mit deutlich längeren Skiern und viel weiteren Anzügen gesprungen. Die Technik war eine andere als heute.  Früher hatten die Athleten viel mehr Spielraum, aber das Material ist von der FIS inzwischen so reduziert worden, dass sämtliche Tricks durchschaut sind. Das heißt: Heute geht es in erster Linie um eine extrem saubere und solide Sprungtechnik.

Und das beherrschen andere besser als die Österreicher?
Uns ist jedenfalls bei den ersten Sommer-Grandprix-Springen  deutlich aufgezeigt worden, dass wir in der Hinsicht den Faden verloren haben.  Oder dass eben andere Nationen diesen Faden früher gefunden haben.  Nehmen wir die Norweger, die Polen, die Deutschen – die  arbeiten alle schon seit längerer Zeit an einer soliden und sauberen Basistechnik. Wir hatten in diesem Bereich unsere Probleme.

Woran liegt das?
Wenn du jahrelang mit einer gewissen Technik gut gefahren bist  und erfolgreich warst, dann  tust du dich automatisch schwer, dich davon zu lösen. Das dauert, bis du erkennst, dass es anders nicht geht.  Am Anfang wehrst du dich mit Händen und Füßen, etwas Neues auszuprobieren. Ist ja klar, wenn  du früher oft  gewonnen hast .

Sprechen Sie da womöglich von Gregor Schlierenzauer?
Bei ihm ist es sicherlich  am ausgeprägtesten gewesen. Er ist einfach sehr an seinem Sprungstil gehangen, mit dem er einmal der Beste der Welt war. Du musst als Skispringer aber jedes Jahr alles adaptieren und optimieren.  Die Leute, die das früh genug checken, die bereit sind alles über Bord zu werfen und sich auf etwas  Neues einzulassen, die werden es schaffen.  Die werden erfolgreich sein. Das war zu meiner Zeit nicht anders.

Sie haben mit 30 Jahren noch den V-Stil erlernt?
Ja, weil es keine Alternative gab.  Ich habe lange Zeit gesagt: ,Geh, das ist meine letzte Saison, die bringe ich so auch noch herum.’ Das wäre mir beinahe auf den Kopf gefallen. Wenn ich nicht rechtzeitig begriffen hätte, dass ich auf den V-Stil umstellen muss, dann wäre ich 1992 nicht mehr zu Olympia gefahren und hätte während der Saison die Karriere beendet.

Die Technik-Umstellung in diesem Sommer war für Sie demnach alternativlos.
Diese Erkenntnis haben wir gleich im ersten Bewerb in Wisla bekommen. Es war einfach so: Wenn der Anlauf am Limit ist und Rückenwind herrscht, dann ist auf einmal gar nichts mehr gegangen. In Wisla waren zwei Leute von uns in den Top 30, da hast du gesehen: ,Hoppla, wir müssen radikal etwas verändern.’

Was kann, was darf man nach so einem radikalen Kurswechsel von den Athleten erwarten?
Es ist klar, dass das nicht von heute auf morgen geht, bis sich die neue Technik stabilisiert hat. Andere Nationen sind da einfach schon länger dran.  Wir müssen einfach schauen, dass wir so schnell wie möglich den Anschluss wieder finden. Ich rede jetzt nicht vom Überholen. Da bin ich Realist. Andererseits.  

... andererseits?
Ich traue es unseren Leuten schon zu, dass sie ab und zu aufs Stockerl kommen und auch Springen gewinnen. Dafür haben sie definitiv die Klasse, aber dann  müssen sie auch das Richtige machen.   Wenn Stefan Kraft so gierig unterwegs ist, wie im letzten Jahr, dann wird es nicht gelingen. Da war er mir zu oft mit der Brechstange unterwegs. Das Skispringen hat aber keiner von unseren Leuten verlernt.

Werden wir Gregor Schlierenzauer noch einmal ganz oben auf dem Treppchen sehen? Sein letzter Sieg ist immerhin schon vier Jahre her.
Einen Mann mit seinen  Qualitäten muss man immer auf der Rechnung haben. Er braucht nur auf den richtigen Kniff draufkommen, bei ihm muss es nur einmal klick machen.  Ein Sieger verlernt das Siegen nicht.

Aber er tut sich offensichtlich schwer.
Gregors Manko ist, dass  es ihm meistens nicht schnell genug geht. Er erwartet sich  immer sofort Ergebnisse und bleibt dann manchmal nicht konsequent bei einer Sache sondern stellt Dinge um. Es wird im Alter natürlich auch nicht leichter, weil du mehr nachdenkst und nicht mehr alles aus dem Bauch heraus machst.

Zur Person

Andreas Felder (geboren am 6.März 1962) zählt zu den erfolgreichsten Skispringern aus Österreich. Mit 25 Weltcupsiegen ist der Tiroler noch immer die Nummer acht in der ewigen Bestenliste und zweitbester ÖSV-Athlet nach Rekordmann Gregor Schlierenzauer (53 Siege). Felder wurde 1987 in Oberstdorf Weltmeister und holte 1991 in Val di Fiemme Teamgold. Bei der Heim-WM 1985 in Seefeld gewann er auf der Kleinschanze die Silbermedaille. Dazu wurde der Absamer 1986 am Kulm mit der Weltrekordweite von 191 Metern (siehe Video) Skiflugweltmeister.

1992 beendete Felder seine Karriere, nachdem er zum Abschluss noch bei den Olympischen Spielen in Albertville Silber mit dem Team geholt hatte. Er ist einer der wenigen Springer, denen es gelungen ist sowohl im alten Parallel-Stil als auch mit dem V-Stil ein Weltcupspringen zu gewinnen.