Ex-Skispringer Lukas Müller: "Es gibt auch Vollidioten im Rollstuhl"

SKI FLYING - FIS WC Bad Mitterndorf
Lukas Müller war 23, als er sich zwei Halswirbel brach. 10 Jahre später erzählt er vom Unfall, mit welchen Gefühlen er Skispringen verfolgt und was ihn nervt.

"Eine Sekunde", sagt Lukas Müller, "eine Sekunde kann dein Leben verändern". 

Bei ihm war es am 13. Jänner 2016, als er als Juniorenweltmeister von 2009 bei der Skiflug-WM am Kulm als Vorspringer schwer gestürzt ist. Seine linke Ferse hatte sich aus dem Schuh gelöst, er verlor die Kontrolle über seine Ski und stürzte. Müller brach sich den 6. und 7. Halswirbel und ist seither inkomplett von der Brust abwärts querschnittsgelähmt

Seit zehn Jahren ist der heute 33-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen. Er arbeitet als Unternehmer und setzt sich für das Verständnis der Diagnose Querschnittslähmung ein – und als Botschafter des „Wings For Life World Run“ für die Heilung.

Vier Jahre lang hat Lukas Müller vor Gericht darum gekämpft, dass der Sturz als Vorspringer als Arbeitsunfall gewertet wird. Mit Erfolg. Weil der Prozess bis in die oberste Instanz ging, gilt das jetzt für alle Vorspringer in Österreich: "Ein riesiger Unterschied, was die Versicherungsleistung der AUVA betrifft", erklärt der ehemalige Skispringer im Gespräch mit dem KURIER, in dem er sich kein Blatt vor den Mund nimmt. 

Ihr Unfall ist genau 10 Jahre her. Ist der 13. Jänner immer ein spezieller Tag?

Ja, ich bezeichne ihn als zweiten Geburtstag. Ich habe vor diesem Unfall immer den Gedanken gehabt, wenn du dir das Genick brichst, bist du tot. Ich bin sehr froh, dass ich falsch gelegen bin.

Wann, würden Sie sagen, haben Sie die Situation angenommen, dass Sie Ihr Leben mit dieser Querschnittslähmung verbringen werden?

Was glauben Sie?

Das ist schwer. Wenn man Ihnen damals zugehört hat, ziemlich bald. Aber vielleicht während der Monate in der Reha in Bad Häring?

30 Sekunden ... Wobei ... ich habe das natürlich nicht voll verarbeitet, aber ich habe nach 30 Sekunden gewusst – noch bevor die Sanitäter im Auslauf zu mir gekommen sind –, entweder ich habe einen Schock oder ich stehe vor einer ganz langen Reise. Annehmen ist ein Prozess.

Haben Sie sofort gespürt, dass Sie nichts mehr spüren?

Es ist, wie wenn du einen Lichtschalter umlegst oder einen Stecker ziehst. Mit dem Moment des Aufschlags – ich war ja nie bewusstlos – war das weg. Wenn du eine Querschnittslähmung erlebst, dann weißt du, dass du sie hast. Das war mir beim Aufschlag schon klar. Als ich unten zum Liegen gekommen bin, habe ich versucht, mich auf den Bauch zu drehen und wieder aufzustehen. Aber das war nicht möglich. Ich konnte nur warten, deshalb dachten alle, ich wäre bewusstlos.

Wer war der Erste, der Ihnen gesagt hat, was los ist?

Das war im Krankenhaus, nach der Operation, wo sie mir die Halswirbelsäule stabilisiert haben. Aber das Wort Querschnittslähmung hat nie jemand in den Mund genommen. Der Arzt hat lang und breit erklärt, was sie operiert haben. Dann habe ich ihn unterbrochen und gesagt: „He, Moment einmal, das ist aber schon eine Querschnittslähmung, oder?“ Er hat es dann bestätigt. Ich habe tatsächlich nasse Augen gekriegt – und er hat etwas gemacht, was unfassbar schlau war. Er hat weitergeredet und gesagt: „Du musst dir eines vor Augen halten. Du hast einen funktionierenden Kopf und halbwegs funktionierende Hände. Allein mit diesen zwei Komponenten kannst du ziemlich normal leben.“ Und ich glaube, das ist bis heute der wichtigste Satz, den ich gehört habe.

Warum?

Er hat unbewusst das gemacht, was ich die darauffolgende Zeit immer gemacht habe, und zwar so ganz kleine Sachen zu schätzen.

Ist das Typsache, ob man das kann? Oder hat es auch damit zu tun, dass Sie das als Spitzensportler gelernt haben?

Das war ein riesen Startvorteil. Aber das kann jeder haben. Es geht darum, seinen eigenen Körper zu kennen. Und die beste Schule, seinen eigenen Körper kennenzulernen, ist eben der Sport.

Haben Sie ihn damals schon gut gekannt oder kennen Sie ihn jetzt noch besser?

Ich habe ihn nochmal anders kennengelernt. Man darf nicht vergessen, das ist ein Reset vom Körper.

Und sind Sie jetzt eine andere Person?

Das glaube ich nicht. Ich habe mich nur als Person weiterentwickelt. Ich glaube, dass der Sportler Skispringer schon sehr weit ist. Generell Sportler, aber unsere ist halt eine sehr mentallastige Sportart. Aber diese Situation hat mich sicher noch zwei Level weitergebracht. Weil ich gezwungen war, viel zu lernen.

Was haben Sie alles gelernt?

Nicht nur, wie man mit dem Rollstuhl lebt, sondern auch, was man nach außen sagt. Das wird oft vergessen. Ich habe mich tunlichst bemüht, mein Umfeld zu beruhigen. Ich habe gesagt: „Einfach ist es nicht, aber das kriegen wir schon hin.“ Das hat viel bewirkt. Wenn ich weiß, dass die sich zu Tode sorgen, bin ich nicht frei im Kopf für die ganzen Therapien.

Wen haben Sie auf diese Weise zu beruhigen versucht?

Den Papa, die Mama, auch die Skispringer. Und witzigerweise hat es bei denen am besten funktioniert.

Wie haben Sie das gemerkt?

Der Unfall ist am Mittwoch passiert und am Freitag, Samstag, Sonntag war WM. Am Samstag, wo der Krafti Bronze gewonnen hat, habe ich ihm aus der Intensivstation ein Selfie geschickt und geschrieben: „Hey du geiler Hund, gratuliere zur Bronzenen.“ Und am Sonntag hat das Team noch Bronze geholt. Das habe ich live auf dem Fernseher angeschaut, den sie mir extra in die Intensivstation gestellt haben. Und dann hat der Krafti mir durch die Kamera gute Besserung gewünscht.

SKI JUMPING - FIS WC Bischofshofen, Four Hills Tournament

Immer noch Freunde: Lukas Müller (re.) schickte Stefan Kraft ein Selfie aus der Intensivstation

Sie hatten also von Anfang an kein Problem damit, Skispringen zu verfolgen? Gab es mal einen Moment, wo Sie wegschalten mussten?

Eigentlich nicht. Das einzige Mal, wo ich nicht mehr hinschauen wollte, war ein paar Wochen danach die Abfahrt 2016 auf der Streif, wo drei Läufer innerhalb einer halben Stunde schwer gestürzt sind.

Svindal, Reichelt und Streitberger.

Genau. Das Wetter war schlecht, die Piste auch. Und sie wollten das Rennen einfach durchbringen. Beim Skispringen habe nie weggeschaut. 

Niemand ist an einen Rollstuhl gefesselt

von Lukas Müller

über fragwürdige Aussagen

Hatten Sie jemals den Gedanken: "Wäre ich doch nicht..." oder "Hätte ich doch an dem Tag nicht...", oder so ähnlich? 

Nein, ich habe mir aber – das war schon  in der Intensivstation – überlegt, was ich hätte tun können, um es zu verhindern. Ich bin ja aus meinem Schuh herausgeschlüpft. Das führt dazu, dass der Springer selber keine Handhabe mehr hat, wie weit der Ski zum Körper kommt. Dadurch habe ich eine Rolle gemacht, das hat mich dann aufs Kreuz gedreht, im letzten Moment, sodass ich in die Richtung hingeschaut habe, wo ich hergekommen bin, also zum Anlauf. Ich dachte mir also, hätte ich den Ski nehmen sollen und selber wegdrücken? Und das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, weil ich nicht weiß, was die Luft dann mit mir gemacht hätte... Und irgendwann habe ich mir gedacht, dass das, was ich gemacht habe, das Gescheitste war.

Wenn man Ihnen so zuhört – Sie sprechen wirklich alles an, da gibt’s scheinbar nichts, über das Sie nicht sprechen wollen...?

Nachdem ich mich nie aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe, bin ich ein bisschen in diesen Auftrag hineingerutscht. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit versteht, was Querschnittslähmung - vor allem abseits des Rollstuhls - ist.  Ich versuche, ein bisschen die Distanz zu verringern. Dass Leute eben nicht mehr so große Vorsicht haben, wenn sie jemanden von uns sehen. Wir beißen nicht! Aber ja, es gibt auch Vollidioten im Rollstuhl! 

Welche Aussagen von Menschen ohne Querschnittslähmung gehen gar nicht?

Was einfach nicht passieren darf, sind so Sachen wie der Thomas Gottschalk, der sagt, dass man "an den Rollstuhl gefesselt" sei. Keine einzige Person weltweit wird mit einem Rollstuhl schlafen gehen. Niemand ist an einem Rollstuhl gefesselt, es ist einfach falsch. Und noch etwas: Ich leide nicht an einer Querschnittslähmung, sondern ich habe sie. Fertig. Oder wenn Leute „behindert“ als Schimpfwort verwenden.

Und welches Verhalten von Menschen ohne Behinderung nervt Sie am meisten?

Das Parken auf Behindertenparkplätzen. Erstens, es kostet über 400 Euro, wenn du abgeschleppt wirst. Und das Zweite ist, es soll einfach jeder froh sein, dass er das nicht braucht.

Was bedeutet es für Sie, wenn Sie mit Ihrem Auto nicht am Behindertenparkplatz parken können? Können Sie dann überhaupt aussteigen?

Ich schon, aber ich weiß, wie viele Kollegen einen breiteren Parkplatz brauchen. Weil sie zum Beispiel gar nicht bei der Vordertür aussteigen, sondern hinten – mit Schiebetür und Hebebühne. Und diese Hebebühne, die braucht auf der Seite mindestens einen Meter Platz, damit da der Rollstuhl rausfahren kann. Ich sehe das nicht ein und ich melde das mittlerweile auch der Polizei.

Die Leute sollen nicht so große Vorsicht haben, wenn sie jemanden im Rollstuhl sehen. Wir beißen nicht!

von Lukas Müller

über falsche Distanz zu Rollstuhlfahrern

Zurück zu ihrem ehemaligen Team. Mit den Leuten aus der Skisprung-Szene haben Sie immer noch zu tun.

Nach wie vor.

Werden Sie sich die Skiflug-WM anschauen?

Natürlich. Ich werde nicht in Oberstdorf sein, aber ich werde es sicher anschauen.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie sich das an?

Gerade was Oberstdorf angeht, nervt es mich ein bisschen. Die Schanze fehlt mir, ich wäre gerne mal dort geflogen. Aber werde es mit großer Vorfreude verfolgen, weil de facto unser gesamtes Team für Medaillen gut ist.

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