Das Lächeln hat Lukas Müller nicht verlernt.

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Lukas Müller
12/25/2016

"Mit dem Rollstuhl gibt es keine Grenzen"

Knapp ein Jahr nach seinem schweren Sturz kämpft sich Lukas Müller weiter zurück in den Alltag.

von Christoph Geiler

Seit einem Sturz beim Skifliegen am Kulm sitzt Lukas Müller im Rollstuhl. Die Diagnose lautet inkomplette Querschnittslähmung. Zum Termin mit dem KURIER trägt der Kärntner eine Jacke mit der Aufschrift "Lahti 2017", dem Ort der Nordischen WM. "Ich sehe mich immer noch als Skispringer", sagt Müller.

KURIER: Herr Müller, wie geht’s Ihnen jetzt knapp ein Jahr nach Ihrem Unfall?

Lukas Müller: Ich muss sagen: Es ist genial, was in diesem Jahr passiert ist. Wenn man, wie wir sagen, einen Inko hat und wie einbetoniert im Bett liegt, dann kann man nicht erwarten, dass es sich so entwickelt. Mir war klar, dass ich als früherer Hochleistungssportler große Vorteile habe. Dass sich das aber so positiv auswirkt, hat auch meine Erwartungen voll übertroffen. Im Endeffekt war alles, was ich in diesem Jahr gemacht habe, nichts anderes als Training. Und das Trainieren war ich ja immer schon gewohnt. Wenn sich dann auch noch Erfolge einstellen, fällt das noch viel leichter.

Welche Erfolge meinen Sie da konkret?

Jeden noch so kleinen Erfolg empfindest du in dem Moment als das Allergrößte. Ein Beispiel: Wenn ich jetzt einen Reiz willentlich zu den Zehen runterschicke, und der kommt dann wirklich an, dann ist das eine Megasache. Obwohl es im Grunde nichts weiter ist, als dass ich einmal kurz den Zeh bewegt habe. Da hat mir der Sport extrem geholfen. Ich weiß, was ich tun muss, um zu erreichen, was ich mir vornehme. Und ich weiß, dass ich geduldig sein muss. Ein Querschnitt hört nicht damit auf, wenn ich wieder auf den Füßen bin. Er wird mich das ganze Leben lang begleiten.

Sie haben bereits erste Schritte gemacht. Was können Sie körperlich alles schon wieder?

Ich bin im Februar ins Therapiezentrum nach Bad Häring gekommen und hatte das Ziel, es selbst auf eigenen Beinen zu verlassen. Das habe ich geschafft, und ich erinnere mich jetzt noch gerne daran. Andererseits. . .

...andererseits?

Andererseits war mir damals klar: Wenn ich durch diese Türe rausgehe, wird’s das einmal mit den großen Sprüngen gewesen sein. Ich habe ein gewisses Niveau erreicht, jetzt ist wichtig, dass ich auf diesem Niveau bleibe.

Das heißt, Sie müssen täglich Trainieren und Üben?

Wenn ich nichts mache, dann verlerne ich sofort alles wieder. Es gibt Sachen, die ich heute nicht mehr so gut kann, wie im Frühjahr in Bad Häring. Weil ich nicht mehr den Acht-Stunden-Therapietag habe. Fakt ist: Das ganze weitere Leben wird Teil meiner Regeneration und Rehabilitation sein. Selbst wenn es mir vergleichsweise gut geht, heißt es nicht, dass der Weg beendet ist. Ganz im Gegenteil: Es fängt jetzt erst richtig an. Wir reden vom Alltag.

Was empfinden Sie, wenn Sie an den 13.Jänner denken?

Man kann berechtigterweise sagen, dass der 13. Jänner mein zweiter Geburtstag ist. Einfach aus dem Grund, weil da eine Sache passiert ist, die mich auch ins Grab bringen hätte können. Und ich wollte nicht der dritte oder vierte tote Skispringer in 160 Jahren sein. Das wäre schlecht für die Quote.

Wie präsent ist dieser Tag in Ihrer Erinnerung?

Extrem präsent, weil ich täglich damit konfrontiert bin. Es ist aber nicht so, dass da bei mir jetzt große Emotionen hervorkommen. Gottseidank kann ich sehr wertfrei auf diesen Sturz schauen, ich habe ihn sogar für mich analysiert, weil ich mich an jede Einzelheit erinnern kann.

An jede Einzelheit?

Ich war ja die ganze Zeit komplett da und weiß noch genau, was ich gesagt und gedacht habe. Vielleicht ist das auch eine Stärke, wenn man aus einer Sportart kommt, die so mentallastig ist wie das Skispringen. Im Grunde verarbeite ich die Geschichte als Misserfolg. Ich bin gestürzt, und es ist schlecht ausgegangen. Aber das Wichtigste: Ich kann es nicht mehr ändern.

Ein sehr pragmatischer Zugang.

Mag sein. Aber mir ist sehr schnell bewusst geworden: Ich kann mich grämen, ich kann mich fragen, warum ich, und warum nicht jemand anderes, und warum schlage ich so saudeppert auf? Oder aber ich fange gleich mit der Rehabilitation an und sehe es als Chance. Ich wollte nicht Monate verschwenden, weil ich mich selbst bemitleide. Meine Mama hat mir da mit einer Nebenbemerkung geholfen, sie hat gesagt: ,So wie die Skispringertüre zugeht, so öffnen sich zehn andere.’ Und genauso ist es. Außerdem ist alles sehr relativ.

Wie ist das zu verstehen?

Ich freue mich, wenn ich mit Leuten rede und die dann den Raum mit einem Lächeln verlassen. Das ist die beste seelische Therapie. Dass ich den Menschen vermittle: Selbst wenn es ein so hartes Schicksal wie eine Querschnittslähmung ist, man kann noch viel draus machen. Außerdem lernen die Leute das, was sie haben, mehr zu schätzen.

Sie wirken so abgeklärt. Gab es nie Phasen, in denen Sie gehadert haben?

Die gibt es noch immer. Ich habe mir die Frage nach dem Warum schon gestellt, nur komme ich auf keine zufriedenstellende Antwort. Außerdem ändert es ja nichts an der Sache. Natürlich zipft’s mich an. Wenn ich zum Beispiel in der Früh zum Lichtschalter greife und meine Finger schaffen es nicht sofort. Oder wenn ich Probleme beim Anziehen habe. Das sind so Kleinigkeiten, die einem im Alltag wirklich auf den Sack gehen. Wissen Sie aber, was viel schlimmer ist?

Was denn?

Die unsichtbaren Probleme, die ein Querschnitt mit sich bringt.

Von welchen unsichtbaren Problemen sprechen Sie?

Ich rede eigentlich ungern darüber, aber ich möchte die Öffentlichkeit darüber aufklären, weil ich es für wichtig erachte. Viele Leute im Rollstuhl verwenden einen Katheder, das hat den Vorteil, dass du nicht spürst, wenn die Blase voll ist, dafür aber deine fixen Zeiten hast. Ich spüre die Blase, aber manchmal kann ich es nicht halten, vor allem wenn ich gerade einen Harnwegsinfekt habe. Das ist das Allerschlimmste, was dir passieren kann, weil es einem persönlich so unangenehm ist. In dem Moment schämst du dich, du verfluchst den Querschnitt und ärgerst dich darüber, dass du das mit Mitte 20 nicht steuern kannst. Das sollen die Menschen wissen, falls sie das zufälligerweise einmal bei einem Querschnittsgelähmten mitbekommen. Und sie sollen sich nichts Schlechtes denken.

Haben Sie noch mit anderen Alltagsproblemen zu kämpfen?

Jemand der einen Querschnitt hat, kann ja nicht nur nicht mehr gehen. Durch die Lähmung sind auch noch andere Sachen betroffen. Der Stoffwechsel zum Beispiel. Der Verdauungsprozess dauert viel länger, und alle Verletzungen, die ich von der Brust abwärts habe, brauchen fünf bis sechs Mal länger, um zu verheilen. Solche Sachen weiß ja niemand, bevor er nicht selbst damit konfrontiert ist. Oder noch ein Problem: Mir frieren ständig die Haxen ab. Wenn ich’s übersehe, dann haben meine Füße keine zehn Grad mehr, da greifst du runter und denkst dir, du hast eine Eisenstange in der Hand.

Wie wichtig ist Selbstständigkeit für einen Querschnittgelähmten?

Das ist sehr viel wert. Dieser Wunsch nach Selbstständigkeit hat sich schon in der Intensivstation in Graz entwickelt. Ich habe gesehen, was das Personal dort alles für mich machen musste: Mich drehen, mich aufrichten, ich wollte das selbst machen. Irgendwann ist es mir gelungen, mich mit Hilfe des Nachtkastls umzudrehen – für mich als Bauchschläfer war das ein Riesenerfolg. Ich versuche, so viel wie möglich selbstständig zu machen.Ich wohne hier in Rif allein, mit meinem umgebauten Auto bin ich seit Oktober schon 7500 Kilometer gefahren. Aber die Selbstständigkeit birgt auch Gefahren.

Zum Beispiel?

Es ist schon passiert, dass ich am Abend beim Zähneputzen umgekippt bin, weil ich müde war und mein Rumpf nach dem anstrengenden Tag nachgegeben hat. Wenn’s blöd zugeht, falle ich auf eine Kante und bin bewusstlos. Das sind solche Horrorszenarien, die man immer im Kopf hat. Ich habe gelernt, alle Situationen viel bewusster wahrzunehmen. Man muss einfach bewusster auf sich aufpassen, weil man sich nicht mehr auf den gesamten Organismus verlassen kann. Dafür ist zu viel kaputt gegangen.

War Ihnen je bewusst, wie gefährlich Skispringen sein kann?

Ist Skispringen wirklich eine Hochrisikosportart? Drei Tote, drei oder vier Querschnittsfälle in 160 Jahren – das ist für mich nicht riskant, sondern ein vernachlässigbarer Prozentsatz. Ich habe halt leider den Jackpot im negativen Sinne erwischt. Trotzdem geht’s mir verglichen mit anderen gut, nach meiner Operation in Graz war ich wirklich erleichtert.

Was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?

Der erste Gedanke war: ,Passt, ich habe überlebt.’ Der zweite: ,Gut, der Kopf funktioniert.’ Und der dritte Gedanke war: ,Hey, die Hände funktionieren auch noch.’ Im Auslauf hatte ich noch ganz andere Gedanken, da habe ich gedacht, dass ich so schnell wie möglich wieder auf eine Schanze muss, damit sich keine Angst bildet.

Sie reden sehr offen über Ihr Schicksal, ist drüber zu reden eine Form von Therapie?

Ich habe schon in der Intensivstation damit angefangen, mit den Leuten zu reden. Es war mir wichtig zu sehen, wie die Menschen reagieren. Und die Leute sollen sehen, dass man sich um mich keine Sorgen machen muss. Ich wollte von Anfang an nicht, dass man mit mir Mitleid hat. Mitleid ist das Beschissenste, was es gibt, Mitleid bringt keinem was.

Ist es nicht zynisch, dass Sie erst durch diesen Sturz so richtig berühmt geworden sind?

Es stimmt schon, so viele Interviews wie in den letzten Monaten habe ich noch nie gegeben. Es ist auf jeden Fall komisch: Im Grunde habe ich ja nichts anderes getan, als zu versuchen, wieder gesund zu werden. Das ist nichts Weltbewegendes. Ich sehe darin aber auch eine Chance: Ich habe die Chance, die Menschen ein bisschen zum Nachdenken zu bringen. Andere haben leider nicht die Aufmerksamkeit wie ich, ich kann vielleicht ein bisschen was bewegen. Ich sehe es als Verpflichtung, dass ich versuche, anderen Querschnittsgelähmten unter die Arme zu greifen. Und das ist auch etwas, wo ich mich besser fühle, das trägt zur seelischen Rehabilitation bei.

Halten Sie auch deshalb Motivationsvorträge?

Mir ist es ein Anliegen, dass die Leute ein bisschen umdenken. Dass sie begreifen, dass nicht alles so negativ ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Über welche Kleinigkeiten sich die Menschen so alles aufregen: Mit einem Querschnitt wird alles relativ. Das wird einem bewusst, wenn man einmal in einem Rehazentrum liegt. Das, was ich habe, ist ja nichts, verglichen mit manchen Fällen, die man dort sieht. Da sind Männer in meinem Alter, die nur mehr die Augen bewegen, Zuhören und Denken können.

Welche Ziele haben Sie?

Persönlich möchte ich so gesund werden, wie möglich. Das ist ein ständiger Prozess, der nie aufhören wird. Auch will ich zeigen, dass der Rollstuhl keine Einschränkung ist, sondern eine Mobilitätshilfe. Ich will beweisen, dass ich mit anderen Schritt halten kann. Dass es mit dem Rollstuhl keine Grenzen gibt. Ich spiele Rollstuhlrugby und ich war sogar auf einem Gipfelkreuz. Ein unbezahlbares Erlebnis: Da habe ich mich fast wie früher oben auf dem Balken einer Schanze gefühlt. Ich will aber generell für Querschnittsgelähmte etwas erreichen.

Welche Vision haben Sie?

Es geht darum, Bewusstsein zu schärfen. In der Öffentlichkeit, aber vor allem auch bei den Versicherungsgesellschaften. Für viele ist es extrem unsicher, wie es nach einem Querschnitt weiter geht. Einige fallen in ein Loch, weil sie nach der Reha nicht wissen, wie’s mit ihnen weiter geht. Ein Querschnitt dauert ja ein ganzes Leben lang, da ist es einerseits wichtig, dass in der ersten Zeit Geld fließt. Aber in meinen Augen sind 400.000 Euro zu wenig für 100 Prozent Invalidität.

Welche Kosten kommen auf einen Querschnittsgelähmten zu?

Das hängt klarerweise auch vom Grad der Verletzung ab. Reha, Therapie, Eltern, die vielleicht ihren Job aufgeben müssen, ein Haus, das umgebaut werden muss, Tabletten, Heilbehelfe, und, und, und. Braucht es wirklich erst einen Querschnittsfall in der Vorstandsebene eines Versicherungsunternehmens, damit dort umgedacht wird? Ich hoffe nicht. Sie sollten sich dort vielleicht Gedanken darüber machen, ob die maximale Versicherungssumme nicht zumindest siebenstellig wird. Weil eines ist auch klar: Mit einem Querschnitt ist noch keiner reich geworden.

Abschließend: Wie wichtig ist eigentlich Humor, um mit allem klarzukommen?

Der gehört unbedingt dazu und ist ein Teil der Schicksalsbewältigung. Irgendwann kann man darüber lachen und sich der Sache mit schwarzem Humor nähern. Und zwar mit äußerst schwarzem Humor. ,Wenn du nicht spurst, dann fahre ich dir über die Zehen und du kannst auch nicht mehr gehen’ – das ist noch eines der harmloseren Dinge, die ich sage. Mit Humor bricht die Barriere auf und die Leute haben keine Berührungsängste mehr. Viele haben ja am Anfang nicht gewusst, wie sie mit mir jetzt umgehen sollen. Diese Barriere habe ich auch mit Humor brechen können. Sie haben gesehen: Ich bin vielleicht aufs Genick gefallen, aber nicht auf den Kopf.

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