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Sport Wintersport Ski-WM 2019
02/18/2019

Marcel Hirscher spielt den Mister Mysteriös

Die Konkurrenz wundert sich, wie er Privatleben und Ski-Karriere vereinbart. Sein Erfolgshunger ist ungestillt.

von Christoph Geiler

Marcel Hirscher weiß schon jetzt, was demnächst wieder auf ihn zukommen wird. Dann, wenn dieser Weltcupwinter Schnee von gestern und er selbst voraussichtlich stolzer Besitzer einer weiteren Kristallkugel im Großformat sein wird. In diesen Momenten machen sich beim Superstar des Skisports dann gerne die Nachwirkungen eines Winters so richtig bemerkbar. „Ich bin nach jeder Saison so im Eimer“, gesteht der 29-jährige Salzburger, „nach der Saison kommt immer die Leere. Das ist eine logische Konsequenz der Fülle davor.“

Beim Österreichischen Skiverband fürchten sie sich seit einiger Zeit immer mehr vor dem Kehraus des Winters. Dabei umtreibt die Verantwortlichen die Sorge, dass die obligate Frühjahrsmüdigkeit des Seriensiegers möglicherweise über den Sommer nicht mehr verfliegen könnte. Nach dem letzten Winter, in dem Hirscher mit Olympiagold die letzte Trophäe gewinnen konnte, die ihm in seiner Sammlung noch gefehlt hatte, waren einige Funktionäre und Trainer sogar felsenfest davon überzeugt, dass der Salzburger die Karriere beenden würde.

Nachdenkpause

Das ist jetzt knapp ein Jahr später nicht viel anders, zumal Marcel Hirscher das Thema Rücktritt nach dem WM-Slalom in Åre auch befeuerte. „Wahrscheinlich werden das meine letzten Weltmeisterschaften gewesen sein“, deponierte der alte und neue Slalom-Champion und kündigte schon einmal für das Frühjahr eine persönliche Nachdenkpause an. „Dann werden die Dinge klarer sein als jetzt.“

Wobei die rein sportliche Sachlage ja ohnehin klar ist: Mit 29 fährt Marcel Hirscher gerade die erfolgreichste Saison seiner Karriere, zehn Siege und 484 Punkte Vorsprung im Gesamtweltcup sprechen für sich – und auch dafür, wie gut es dem Salzburger gelingt, seine neue Rolle als Jungvater mit seiner altbewährten Funktion als Skiheld der Nation zu vereinbaren.

Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass Marcel Hirscher am Sonntag nach dem WM-Slalom im Privatjet aus Åre in Richtung Heimat abhebt, um nach 36 Stunden im Kreise seiner Familie wieder nach Stockholm zu düsen, weil dort am Dienstag der Weltcup mit einem Cityevent fortgesetzt wird.

Im Grunde müsste er ja gar nicht in der schwedischen Hauptstadt auftauchen. Niemand würde es ihm verübeln, wenn er den ungeliebten Parallelbewerb sausen lassen würde, jeder hätte dafür Verständnis, wenn er sich nach dem turbulenten Kurztrip nach Åre(fünf Tage, zwei Medaillen, eine Grippe) eine Pause gegönnt hätte.

Antrieb

Aber dafür ist einer wie Hirscher nicht zu haben. Und daran lässt sich schon erkennen, mit welchem Ehrgeiz der erfolgsverwöhnte Annaberger immer noch unterwegs ist, und wie sehr in ihm das Feuer brennt. Auf all die Nebengeräusche, die der Weltcup mit sich bringt, könnte er liebend gerne verzichten, das Herumreisen von Rennen zu Rennen, das Herumreden bei den Interviews. Aber die Emotionen, die er auf der Piste erlebt, mochte er bislang nicht missen. „Im Endeffekt treibt mich die Freude an, Rennen zu fahren und Wettkämpfe zu bestreiten“, sagte Hirscher letzten Sommer auf die Frage, warum er die Karriere fortsetzt. „Das Siegeserlebnis ist ein römischer Einser.“

Marcel Hirschers Karriere:

Marcel Hirscher wurde am 2. März 1989 in Hallein geboren, als erstes Kind von Ferdinand und Sylvia Hirscher.

Von Kindesbeinen an wird Marcel von seinem Vater Ferdinand (re.), einem staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrer, betreut. Im Trainer-Team seines Sohnes gilt er als eine Art "Supervisor", der auch bei Video-Analysen dabei ist. Der um sieben Jahre jüngere Bruder Leon (Mi.) wollte in die Fußstapfen seines Bruders treten, eine schwere Hüftkrankheit bremste ihn aus. 

Stets an seiner Seite: Mit Laura Moisl war Marcel zehn Jahre liiert, bis sich das Paar im vergangenen Sommer endlich dazu entschloss, eine Ehe zu schließen.

Im Oktober bekamen sie einen Sohn. Seitdem habe der Ski-Star andere Prioritäten, sagte er kurz nach der Geburt.

Bereits in der Jugend ließ der 173 cm große Fahrer sein Talent aufblitzen. Als 14-Jähriger wurde er dreifacher österreichischer Schülermeister, als 15-Jähriger kam er nach Erreichen des Alterslimits bei FIS-Rennen zum Einsatz.

Bei der Junioren-WM 2007 gewann er die Goldmedaille im Riesenslalom und die Silbermedaille im Slalom.

Sein Weltcup-Debüt feierte der in Annaberg/Salzburg lebende Ausnahmeathlet am 17. März 2007.

In Lenzerheide kam er damals - zum Start war er als Juniorenweltmeister berechtigt - als Drittletzter auf Rang 24 mit einem Rückstand von 3,17 Sekunden auf Sieger Aksel Lund Svindal.

Seinen Durchbruch im Weltcup erlebte Marcel Hirscher im olympischen Winter 2009/2010. In Val d'Isère carvte er in seiner Paradedisziplin Riesenslalom zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Am 12. Dezember 2010 feierte Hirscher, wieder in Val-d’Isère, seinen ersten Slalom-Sieg im Weltcup.

Im Jänner 2012 gelang ihm beim Schladminger Nachtslalom der erste Sieg auf österreichischem Boden. 

Und der Höhenflug hielt an. 

Es folgten 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19), die letzte große Kugel...

... erhielt er beim Saison-Finale am 17. März in Soldeu (Andorra). 

Hirscher ist zudem sechsmaliger Riesentorlauf-Weltcupsieger (2011/'12, 2014/'15, 2015/'16, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) und hat ebenso...

... viele Slalom-Weltcupsiege (2012/'13, 2013/'14, 2014/'15, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) bislang verbuchen können.

Der Salzburger triumphierte im vergangenen Dezember in Alta Badia erstmals auch im Parallel-Riesentorlauf und egalisierte mit dem 62. Weltcupsieg die ÖSV-Bestmarke der österreichischen Jahrhundert-Sportlerin Annemarie Moser-Pröll. Inzwischen hält er bei 67.

Nach dem Sieg in Saalbach ist er die alleinige Nummer eins. 

Auch bei den Weltmeisterschaften hagelt es Medaillen für Hirscher. 2013 gewann er in Schladming bei seinem ersten Antreten, dem Mannschaftsbewerb, die Goldmedaille mit dem österreichischen Team. Im Riesenslalom gewann er seine erste WM-Einzelmedaille, eine silberne.

Nach der WM in Åre hält er bei 13 Medaillen. Dank Gold im Slalom am letzten WM-Tag übertraf der 29-Jährige mit nun sieben Gold- und vier Silbermedaillen Landsmann Toni Sailer (7/1/0) in der Allzeit-WM-Bestenliste der Herren.

Bei Olympia sammelte er drei Medaillen: Gold im Riesenslalom und Kombination (Pyeongchang) sowie Silber im Slalom von Sotschi. 

Österreichs Sportler des Jahres wurde er fünf Mal - 2012, 2015, 2016, 2017 und 2018. 

Im vergangenen Oktober wurde Hirscher zum vierten Mal von den Mitgliedern der Internationalen Ski-Journalisten-Vereinigung (AIJS) zum Alpinskisportler des Jahres gewählt. Damit schloss er zum bis dato allein führenden Schweizer Pirmin Zurbriggen auf.

Im vergangenen Jahr wurde der Salzburger von der Zeitung L’Equipe zum "Champion der Champions 2018" bzw. zum Weltsportler des Jahres gekürt. Hirscher ist der erste Skifahrer überhaupt, der die prestigeträchtige Trophäe in Empfang nehmen durfte. Diese Ehre wurde vor ihm keinem Österreicher zuteil. 

Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt Hirscher 2016. Den Orden überreichte ihm der damalige Bundeskanzler Werner Faymann. 

Mittelweg

Mag sein, dass seit Sonntag, seit seiner Galavorstellung im WM-Slalom in Åre, einige Rivalen mehr denn je darauf hoffen, dass Marcel Hirscher bald schon einen endgültigen Einkehrschwung einlegt. Andererseits kriegt er dank der Unterstützung seines Teams und des ÖSV sein Privatleben und die Skikarriere gerade besser unter einen Hut, als er ursprünglich gedacht hatte. „Mehr Lebensqualität und trotzdem den Sport nicht aufgeben – ich möchte versuchen, einen Mittelweg zu finden“, hatte Hirscher vor dieser Saison angekündigt.

Er hat für sich sogar den goldenen Mittelweg gefunden.

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