© APA/AFP/FABRICE COFFRINI

Sport Wintersport Ski-WM 2019
02/17/2019

Hirscher spricht von seiner letzten WM: "Ich bin echt fertig"

"Es war wirklich mehr Erleichterung als Freude", sagt der Weltmeister nach dem Slalom-Gold.

Marcel Hirscher hat am Sonntag zum Abschluss der alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Åre Gold im Slalom gewonnen. Danach sprach der 29-Jährige über seine Gefühle, den Gesundheitszustand und die Pläne für die Zukunft.

Herzlichen Glückwunsch zum Slalom-Gold, beschreiben Sie bitte Ihre Gefühle.

Marcel Hirscher: Die größte Emotion ist, dass der Druck von meinen Schultern ist, ich fühle mich leichter als vor der WM. Danke dem ganzen Team, denn die vergangenen vier Tage waren wirklich nicht die leichtesten. Ich denke, wir haben alle großartig zusammengearbeitet.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Ich bin gesünder als vor vier Tagen, für das Rennen war das wirklich okay. Aber ich bin müder als normal, deshalb seht ihr weniger Emotion und Kraft in den Interviews und Fotos. Ich bin echt fertig. Aber ich bin wirklich, und bitte glaubt mir, super-, super-glücklich mit den zwei Medaillen. Es bedeutet mir viel, denn mit jedem Jahr, das ich älter werde, erwartet jeder, dass es immer besser geht. Gut, auf diesem Kurs zu bleiben.

Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie durchs Ziel gefahren sind?

Gott sei Dank. Es war wirklich mehr Erleichterung als Freude. Weil man den Druck nicht wegreden kann.

Was ist dann der erste Moment der Freude?

Jetzt bin ich entspannt, ich habe die Erwartungen erfüllen können, ich bin dem gerecht geworden. Was man von mir erwartet, habe ich umsetzen können, das ist dann Genugtuung.

Sie haben nun drei Slalom-Goldmedaillen, das hat vor Ihnen nur Ingemar Stenmark geschafft. Wie finden Sie das?

Er ist wirklich brillant gefahren, das muss so sein, aber tut mir leid, ich bin zu jung, ich habe ihn nie am Fernseher gesehen. Aber der Name ist wirklich riesig, das ist sicher.

Wie beurteilen Sie Ihren ersten Durchgang?

Es ist toll, einen Kurs zu fahren, den mein Coach gesetzt hat (Michael Pircher/Anm.), da fühle ich mich wie daheim. Ich denke, das war einer der Gründe. Ich war sehr zufrieden, weil ich es brutal gut erwischt habe. Ich habe mich auf dem Lauf von Mike wirklich wohlgefühlt, er hat es gewaltig umgesetzt, weil das ist das Schwierigste für einen Trainer. Den Lauf dann auch im Wettkampf für seinen Athleten so zu stecken, dass er es auch zu nützen weiß.

Marcel Hirschers Karriere:

Marcel Hirscher wurde am 2. März 1989 in Hallein geboren, als erstes Kind von Ferdinand und Sylvia Hirscher.

Von Kindesbeinen an wird Marcel von seinem Vater Ferdinand (re.), einem staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrer, betreut. Im Trainer-Team seines Sohnes gilt er als eine Art "Supervisor", der auch bei Video-Analysen dabei ist. Der um sieben Jahre jüngere Bruder Leon (Mi.) wollte in die Fußstapfen seines Bruders treten, eine schwere Hüftkrankheit bremste ihn aus. 

Stets an seiner Seite: Mit Laura Moisl war Marcel zehn Jahre liiert, bis sich das Paar im vergangenen Sommer endlich dazu entschloss, eine Ehe zu schließen.

Im Oktober bekamen sie einen Sohn. Seitdem habe der Ski-Star andere Prioritäten, sagte er kurz nach der Geburt.

Bereits in der Jugend ließ der 173 cm große Fahrer sein Talent aufblitzen. Als 14-Jähriger wurde er dreifacher österreichischer Schülermeister, als 15-Jähriger kam er nach Erreichen des Alterslimits bei FIS-Rennen zum Einsatz.

Bei der Junioren-WM 2007 gewann er die Goldmedaille im Riesenslalom und die Silbermedaille im Slalom.

Sein Weltcup-Debüt feierte der in Annaberg/Salzburg lebende Ausnahmeathlet am 17. März 2007.

In Lenzerheide kam er damals - zum Start war er als Juniorenweltmeister berechtigt - als Drittletzter auf Rang 24 mit einem Rückstand von 3,17 Sekunden auf Sieger Aksel Lund Svindal.

Seinen Durchbruch im Weltcup erlebte Marcel Hirscher im olympischen Winter 2009/2010. In Val d'Isère carvte er in seiner Paradedisziplin Riesenslalom zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Am 12. Dezember 2010 feierte Hirscher, wieder in Val-d’Isère, seinen ersten Slalom-Sieg im Weltcup.

Im Jänner 2012 gelang ihm beim Schladminger Nachtslalom der erste Sieg auf österreichischem Boden. 

Und der Höhenflug hielt an. 

Es folgten 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19), die letzte große Kugel...

... erhielt er beim Saison-Finale am 17. März in Soldeu (Andorra). 

Hirscher ist zudem sechsmaliger Riesentorlauf-Weltcupsieger (2011/'12, 2014/'15, 2015/'16, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) und hat ebenso...

... viele Slalom-Weltcupsiege (2012/'13, 2013/'14, 2014/'15, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) bislang verbuchen können.

Der Salzburger triumphierte im vergangenen Dezember in Alta Badia erstmals auch im Parallel-Riesentorlauf und egalisierte mit dem 62. Weltcupsieg die ÖSV-Bestmarke der österreichischen Jahrhundert-Sportlerin Annemarie Moser-Pröll. Inzwischen hält er bei 67.

Nach dem Sieg in Saalbach ist er die alleinige Nummer eins. 

Auch bei den Weltmeisterschaften hagelt es Medaillen für Hirscher. 2013 gewann er in Schladming bei seinem ersten Antreten, dem Mannschaftsbewerb, die Goldmedaille mit dem österreichischen Team. Im Riesenslalom gewann er seine erste WM-Einzelmedaille, eine silberne.

Nach der WM in Åre hält er bei 13 Medaillen. Dank Gold im Slalom am letzten WM-Tag übertraf der 29-Jährige mit nun sieben Gold- und vier Silbermedaillen Landsmann Toni Sailer (7/1/0) in der Allzeit-WM-Bestenliste der Herren.

Bei Olympia sammelte er drei Medaillen: Gold im Riesenslalom und Kombination (Pyeongchang) sowie Silber im Slalom von Sotschi. 

Österreichs Sportler des Jahres wurde er fünf Mal - 2012, 2015, 2016, 2017 und 2018. 

Im vergangenen Oktober wurde Hirscher zum vierten Mal von den Mitgliedern der Internationalen Ski-Journalisten-Vereinigung (AIJS) zum Alpinskisportler des Jahres gewählt. Damit schloss er zum bis dato allein führenden Schweizer Pirmin Zurbriggen auf.

Im vergangenen Jahr wurde der Salzburger von der Zeitung L’Equipe zum "Champion der Champions 2018" bzw. zum Weltsportler des Jahres gekürt. Hirscher ist der erste Skifahrer überhaupt, der die prestigeträchtige Trophäe in Empfang nehmen durfte. Diese Ehre wurde vor ihm keinem Österreicher zuteil. 

Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt Hirscher 2016. Den Orden überreichte ihm der damalige Bundeskanzler Werner Faymann. 

Wie würden Sie den Sieg einordnen?

Darauf kann ich leider nie eine gescheite Antwort geben, weil man das nicht vergleichen kann. Aber definitiv kann man es nicht mit 2013 vergleichen, was das Drumherum betrifft. Das Schöne ist, 2013 habe ich noch müssen, jetzt habe ich dürfen. Natürlich ist die Genugtuung riesengroß. Ich bin froh, dass ich den Erwartungen gerecht werden konnte. Und wahrscheinlich sind das meine letzten Weltmeisterschaften. Von dem her wäre das ein sehr schöner und runder Abschluss. Es sind noch zehn Rennen, dann werden wir sehen. Ich werde eine Pause machen, dann werden die Dinge klarer sein als jetzt.

Wie meinen Sie das mit "müssen" und "dürfen"?

2013 habe ich geglaubt, ich packe das überhaupt nicht. Jetzt ist es so, dass ich auch am Start stehe und mir denke, was soll's? Ich gebe jetzt alles und probiere es. Wenn es nicht klappt, dann geht die Welt echt nicht unter. Das habe ich gelernt. Das ist ein Riesenunterschied. Damals wäre die Welt für mich untergegangen. Heute wäre es nicht lustig, aber global gesehen so wie in China das mit dem Sack Reis.

Was bedeutet es Ihnen, mit sieben Gold- und vier Silbermedaillen nun den WM-Rekord zu halten?

Da habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, aber das ist natürlich toll. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich meine Leistung abrufen konnte.

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