Erstes Rennen, erster Sieg für Marcel Hirscher

© APA/EPA/ROBERT JAEGER

Herren-Weltcup-Riesentorlauf
10/26/2014

Hirscher gewann in Sölden vor Dopfer

Der Weltcupgesamtsieger fuhr in Sölden in einer eigenen Liga und belohnte sich für das Sommertraining.

von Christoph Geiler, Christina Pertl

Freundin Laura Moisl musste sich ausnahmsweise einmal hinten anstellen: Als Marcel Hirscher in Sölden mit Fabelbestzeit durchs Ziel raste, begleitet von tosendem Applaus,bejubelt von 15.000 begeisterten Skifans, da ließ er seine bessere Hälfte einfach links liegen.

Vor dem obligaten Siegerbussi für die Langzeitfreundin küsste Hirscher lieber innig seine neue Flamme – den aktuellen Riesentorlauf-Ski aus dem Hause Atomic. "Wahnsinn, wie mit diesem Ski die Post abgeht", sagte der 25-jährige Salzburger nach diesem Weltcup-Auftakt nach Übermaß.

Das neue, gelobte Material in allen Ehren, die meiste Ehre gebührte an diesem erfolgreichen Wochenende – erstmals seit 2002 gingen beim Saisonstart beide Siege an den ÖSV – schon Marcel Hirscher selbst. Der Salzburger fuhr im Riesentorlauf auf dem Rettenbachferner in einer eigenen Liga, und man hätte auch gar keine Stoppuhr benötigt, um den eklatanten Unterschied zwischen dem dreifachen Weltcupgesamtsieger und dem Rest der Ski-Welt zu erkennen.

Stolze 1,58 Sekunden lag Hirscher am Ende vor dem Deutschen Fritz Dopfer, mehr als zwei Sekunden vor dem drittplatzierten Franzosen Alexis Pinturault. Das ist eine halbe Ewigkeit – und für Hirscher eine ganze Genugtuung. "Ich bin super in Form. Alles passt. Ich habe es selbst nicht glauben können, dass ich so weit vorne bin. Das ist schon schräg."

Denn es ist noch gar nicht so lange her, dass Marcel Hirscher an gleicher Stelle ebenfalls ungläubig auf die Anzeigetafel geblickt hatte. Vor zwei Jahren hatte ihn Ted Ligety, der Mister Riesentorlauf himself, beim Saisonauftakt in Sölden um nicht weniger als 3,12 Sekunden distanziert und dabei einen ziemlichen ratlosen Annaberger zurückgelassen. "Der Ted ist von einem anderen Stern", hatte der Salzburger damals noch gemeint.

Drei Sekunden vor Ligety

Am Sonntag war es nun Marcel Hirscher, der den dreifachen Sölden-Sieger Ligety (10.) alt aussehen ließ und ihm mehr als drei Sekunden abnahm. Und nebenbei mit seiner Galavorstellung bei den Konkurrenten für fragende Blicke und Kopfschütteln sorgte. Beeindruckend, wie der Annaberger scheinbar mühelos den unruhigen, eisigen Steilhang bewältigte, faszinierend, dass Hirscher inzwischen auch schon in Flachstücken den Gegnern um die Ohren fährt.

Was in Sölden nun auf der Piste so einfach aussah, war in Wahrheit körperliche Schwerstarbeit. Hirscher hat in der Vorbereitung extrem viel Zeit ins Krafttanken und Konditionschinden investiert und dabei auch neue Wege (CrossFit) bestritten. Der Salzburger hat sich über den Sommer zu einem kleinen Muskelpaket gemausert und erinnert in seinem Stil und mit dem gelben Helm immer mehr an Hermann Maier, den bis gestern letzten österreichischen Herrensieger bei den Gletscherrennen (2005).

Hirschers erste Analyse muss für seine Gegner jedenfalls beängstigend klingen: "Da geht noch was."

Der Älteste sprang für den Nachwuchs ein

Der eine ließ sich enttäuscht in die Werbebande sinken, schüttelte den Kopf und wirkte, als ob er am liebsten geweint hätte – als 44. verpasste Marcel Mathis den zweiten Durchgang klar.

Ein Zweiter stapfte verärgert durch den Zielraum – 3,24 Sekunden Rückstand waren nicht das Ergebnis, das sich Philipp Schörghofer im ersten Lauf vorgestellt hatte – am Ende wurde er 25.

Und andere Österreicher schlichen still und heimlich aus dem Zielraum am Rettenbachferner. Einige bereits zur Halbzeit. Denn nur vier ÖSV-Läufer hatten es im ersten Rennen der Saison in Sölden in den zweiten Durchgang geschafft.

Der erste Riesentorlauf bestätigte damit, was sich im vergangenen Jahr bereits offenbart hatte: Die Erfolge von Ski-Star Marcel Hirscher verdecken die Schattenseiten im rot-weiß-roten Riesentorlauf-Team. Der Salzburger bleibt ein Einzelkämpfer, wenn es um Podestplätze geht. Die Bilanz würde noch düsterer ausfallen, wäre da nicht Benjamin Raich, den als ältesten Läufer (36) nur eine Hundertstelsekunde vom Podest trennte.

Nachdenklicher Coach

Herren-Chef Andreas Puelacher ist sich des Nachwuchsproblems durchaus bewusst: "Wir müssen schauen, dass wir Junge nachbringen. Die Athleten, die unter die Top Drei fahren können, müssen wir breiter aufstellen. Das gilt aber für alle Disziplinen", sagt der 50-Jährige, der mit dem Team-Ergebnis der Nicht-Hirschers haderte: "Marcel war unglaublich! Die Leistung vom Benni war super. Nachdenken müssen wir über den Rest." Neben Marcel Mathis konnten sich auch Florian Scheiber, Manuel Feller und Roland Leitinger nicht für den zweiten Lauf qualifizieren. Hannes Reichelt war nach einem Torfehler ausgeschieden.

Der Aufholbedarf in der alpinen Kerndisziplin ist bekannt. Nur fünf Mal schaffte es in der vergangenen Saison ein Österreicher neben Marcel Hirscher unter die besten Zehn. Drei Mal war das Benjamin Raich, dem einmal sogar ein ganz besonderes Kunststück gelang: In Kranjska Gora wurde der Pitztaler Zweiter und war damit besser als Hirscher (4.). Am Nationalfeiertag freute sich Raich trotz des denkbar knapp verpassten Siegespodests: "Ich bin eigentlich schon zu alt und das ist nicht mein Lieblingshang, dafür ist der vierte Platz schon super."

Herren-Riesentorlauf in Sölden

1. Marcel Hirscher (Ö) 2:28,09 1:14,52 1:13,57
2. Fritz Dopfer (D) 2:29,67 +01,58 1:15,04 1:14,63
3. Alexis Pinturault (F) 2:30,15 +02,06 1:15,40 1:14,75
4. Benjamin Raich (Ö) 2:30,16 +02,07 1:15,23 1:14,93
5. Victor Muffat Jeandet (F) 2:30,23 +02,14 1:16,24 1:13,99
6. Davide Simoncelli (It) 2:30,38 +02,29 1:16,67 1:13,71
7. Marcus Sandell (Fin) 2:30,76 +02,67 1:17,01 1:13,75
8. Thomas Fanara (F) 2:30,94 +02,85 1:15,98 1:14,96
9. Roberto Nani (It) 2:31,09 +03,00 1:15,70 1:15,39
10. Ted Ligety (USA) 2:31,11 +03,02 1:14,71 1:16,40
11. Carlo Janka (CH) 2:31,21 +03,12 1:17,49 1:13,72
12. Justin Murisier (CH) 2:31,31 +03,22 1:17,62 1:13,69
13. Florian Eisath (It) 2:31,39 +03,30 1:18,11 1:13,28
14. Calle Lindh (Sd) 2:31,57 +03,48 1:18,22 1:13,35
15. Kjetil Jansrud (Nor) 2:31,61 +03,52 1:17,39 1:14,22
16. Manuel Pleisch (CH) 2:31,66 +03,57 1:18,39 1:13,27
17. Leif K. Haugen (Nor) 2:31,86 +03,77 1:16,66 1:15,20
18. Giovanni Borsotti (It) 2:31,99 +03,90 1:18,23 1:13,76
19. Christoph Nösig (Ö) 2:32,26 +04,17 1:18,42 1:13,84
20. Andre Myhrer (Sd) 2:32,33 +04,24 1:17,15 1:15,18
21. Philip Brown (Kan) 2:32,48 +04,39 1:18,47 1:14,01
22. Matts Olsson (Sd) 2:32,54 +04,45 1:17,36 1:15,18
23. Cyprien Richard (F) 2:32,57 +04,48 1:18,16 1:14,41
24. Zan Kranjec (Slo) 2:32,58 +04,49 1:17,38 1:15,20
25. Philipp Schörghofer (Ö) 2:32,98 +04,89 1:17,76 1:15,22
26. Tim Jitloff (USA) 2:35,26 +07,17 1:16,64 1:18,62
27. Stefan Luitz (D) 2:38,80 +10,71 1:16,19 1:22,61

Ausgeschieden im 1. Durchgang:
Hannes Reichelt (Ö), Massimiliano Blardone (It), Steve Missillier (F).
Ausgeschieden im 2. Durchgang:
Luca de Aliprandini (It), Mathieu Faivre (F), Ondrej Bank (Tch)

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