Das Fehlen von Marcel Hirscher macht sich stark bemerkbar. 

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Sport Wintersport
01/10/2020

Die Ski-Krise im Schatten von Marcel Hirscher

Abwärtstrend: Erfolge bleiben aus, TV-Quoten brechen ein, und die Schweiz führt im Nationencup - das Jahr eins nach Hirscher.

von Christoph Geiler, Stefan Sigwarth

Als Marcel Hirscher im Herbst seinen Rücktritt verkündete, waren sich die Verantwortlichen beim Österreichischen Skiverband noch nicht im Klaren, welche Auswirkungen das Fehlen des Superstars tatsächlich haben würde. Es gab Leute wie Anton Giger, die schon ahnten, dass die fetten Jahre nun vorbei sein könnten. „Der Marcel hat wahnsinnig viel abgedeckt“, sagte der ÖSV-Sportchef. Zugleich sahen manche die Chance für einige Läufer, endlich aus dem Schatten der Lichtgestalt zu treten.

Nach dem ersten Saisondrittel muss nun festgehalten werden: Marcel Hirscher fehlt an allen Ecken und Enden und in jeglicher Hinsicht. Er wird nicht nur als Erfolgsgarant im Herren-Team vermisst, Hirscher geht auch als Publikumsliebling und Quotenbringer für den ORF ab. So wäre es in den letzten Jahren wohl undenkbar gewesen, dass der Bergdoktor mehr Zuseher verbucht (661.000) als zur gleichen Zeit der Nachtslalom in Madonna (654.000).

Historische Wachablöse

Wenn man jetzt gemein wäre, könnte man sagen: Viel versäumt haben sie nicht. Für den ÖSV reichte es nur zu den Rängen 10 (Johannes Strolz) und 15 (Marco Schwarz). Diese schwache Teamleistung hat zur Folge, dass Österreich im Nationencup (Frauen & Herren) von der Schweiz als Nummer eins abgelöst wurde. Der Rivale, der in Madonna mit Daniel Yule den Sieger stellte, liegt 13 Punkte vor den Österreichern, die seit der Saison 1989/’90 diese Wertung immer gewonnen hatten.

„Historisches bahnt sich an“, frohlockt schon der Schweizer Blick und sieht die Zeit reif für die lang ersehnte Wachablöse im Skisport. „Es wäre für mich ein schönes Zeichen, wenn wir in der Gesamtstruktur die Besten wären“, sagt der Schweizer Verbandspräsident Urs Lehmann.

Gerade Österreichs Herren sehen im internationalen Vergleich schlecht aus. Im Herren-Ranking ist der ÖSV hinter Schweiz, Norwegen und Frankreich nur mehr die vierte Kraft, der Rückstand beträgt 455 Punkte. Schwer vorstellbar, dass die Österreicher diese Lücke in diesem Winter noch schließen können.

Offensichtliche Probleme

Zu viele Läufer fallen langfristig aus (Reichelt, Neumayer, Hirschbühl) oder sind gerade nach Verletzungen zurück gekehrt (Schwarz, Feller), zu viele blieben bislang unter den Möglichkeiten (Franz, Matt). Und wenn man dann noch weiß, dass die ÖSV-Herren ohne Hirschers Punkte schon im letzten Winter nicht die Nummer eins gewesen wären, erklärt das den riesigen Punkterückstand auf die Schweiz. „Man kann das klar begründen“, sagt Herren-Chefcoach Andreas Puelacher.

Eklatant und augenscheinlich ist die Schwäche in den Technik-Bewerben: So haben alle 15 Slalom- und Riesentorläufer, die in diesem Winter im Einsatz waren, gemeinsam weniger Punkte geholt (464) als Henrik Kristoffersen (NOR) allein (471). „Vielleicht machen sich einige auch zu viel Druck“, glaubt Puelacher. „Indem sie unbedingt zeigen wollen, wie gut sie sind.“

Willkommene Chance

Diese befreiende und beflügelnde Wirkung, auf die einige nach Hirschers Rücktritt gehofft hatten, will sich bislang jedenfalls nicht einstellen. Aber nicht nur dem ÖSV bereitet die Abwesenheit der Galionsfigur Probleme, auch der ORF kriegt die Folgen zu spüren. Die Einschaltquoten sind bei Herren-Rennen um 14 Prozent zurück gegangen.

Wobei man die aktuelle Lage bei den Herren durchaus auch so betrachten kann wie Tamara Tippler: „Ich sehe da eher eine Chance als eine Krise, nämlich die Chance, sich zu präsentieren und vorne reinzufahren, wie es Fabio Gstrein oder Johannes Strolz getan haben.“ Die Steirerin verweist auf die Vergangenheit im Damen-Speed-Team: „Bei uns war’s doch genauso, als die Golden Girls aufgehört haben.“

Inzwischen haben die Speed-Damen fast schon mehr Kandidatinnen für die Top Ten als Startplätze.