Neue Zeitrechnung: Marcel Hirscher verschwindet aus dem Rampenlicht, er reißt damit eine große Lücke auf.

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Sport Wintersport
09/01/2019

Marcel Hirscher: Ein Ende mit vielen offenen Fragen

Welche Folgen hat der Rücktritt des Stars? Gibt es jemanden, der in seine Fußstapfen treten kann?

von Christoph Geiler

Wenn die Ski-Herren heute in acht Wochen in Sölden in den Winter starten, dann wird vielen erst richtig bewusst werden, dass jemand fehlt. Der Konkurrenz, der ein oft schier übermächtiger Gegner abhanden gekommen ist; den Fans, die sich nahezu immer auf eine Pistenshow des Stars verlassen konnten; nicht zuletzt den Medien, denen der große Abwesende regelmäßig Rekordquoten und Schlagzeilen beschert hatte.

Auch deshalb wird die Lücke so riesig sein, die Marcel Hirscher mit seinem Rücktritt hinterlässt. Weil mit ihm nicht nur ein Seriensieger abtritt, sondern auch ein charismatischer Typ, der die Leute bewegt und begeistert hat. Nicht von ungefähr wurde der Salzburger Skistar im Frühjahr mit einer KURIER ROMY ausgezeichnet – für den TV-Moment des Jahres, eingefahren beim Nachtslalom in Schladming.

Perfekter Abschluss

1,970 Millionen Österreicher saßen bei der ORF-Übertragung vor den Fernsehgeräten und sorgten damit für die zweithöchste TV-Quote bei einem Nightrace überhaupt. Als hätten sie alle irgendwie schon geahnt, dass dieser Slalom am 29. Jänner ein historisches Rennen sein würde. Es sollte nämlich der letzte Weltcupsieg von Hirscher gewesen sein, der letzte von insgesamt 67.

Dass Hirscher diesen Erfolg ausgerechnet in Schladming feiern durfte, mag Zufall gewesen sein, aber es rundet die erfolgreiche Karriere des Salzburgers perfekt ab. Mit Schladming verbindet der heute 30-Jährige die emotionalsten Momente seiner Laufbahn. Als Österreich nämlich bei der Heim-WM 2013 bis zum letzten Tag ohne Goldmedaille dagestanden war und Marcel Hirscher im Slalom die Ehre der stolzen Skination retten sollte – besser: retten musste.

Marcel Hirschers Karriere in Bildern:    

Marcel Hirscher wurde am 2. März 1989 in Hallein geboren, als erstes Kind von Ferdinand und Sylvia Hirscher.

Von Kindesbeinen an wird Marcel von seinem Vater Ferdinand (re.), einem staatlich geprüften Ski- und Snowboardlehrer, betreut. Im Trainer-Team seines Sohnes gilt er als eine Art "Supervisor", der auch bei Video-Analysen dabei ist. Der um sieben Jahre jüngere Bruder Leon (Mi.) wollte in die Fußstapfen seines Bruders treten, eine schwere Hüftkrankheit bremste ihn aus. 

Stets an seiner Seite: Mit Laura Moisl war Marcel zehn Jahre liiert, bis sich das Paar im vergangenen Sommer endlich dazu entschloss, eine Ehe zu schließen.

Im Oktober bekamen sie einen Sohn. Seitdem habe der Ski-Star andere Prioritäten, sagte er kurz nach der Geburt.

Bereits in der Jugend ließ der 173 cm große Fahrer sein Talent aufblitzen. Als 14-Jähriger wurde er dreifacher österreichischer Schülermeister, als 15-Jähriger kam er nach Erreichen des Alterslimits bei FIS-Rennen zum Einsatz.

Bei der Junioren-WM 2007 gewann er die Goldmedaille im Riesenslalom und die Silbermedaille im Slalom.

Sein Weltcup-Debüt feierte der in Annaberg/Salzburg lebende Ausnahmeathlet am 17. März 2007.

In Lenzerheide kam er damals - zum Start war er als Juniorenweltmeister berechtigt - als Drittletzter auf Rang 24 mit einem Rückstand von 3,17 Sekunden auf Sieger Aksel Lund Svindal.

Seinen Durchbruch im Weltcup erlebte Marcel Hirscher im olympischen Winter 2009/2010. In Val d'Isère carvte er in seiner Paradedisziplin Riesenslalom zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Am 12. Dezember 2010 feierte Hirscher, wieder in Val-d’Isère, seinen ersten Slalom-Sieg im Weltcup.

Im Jänner 2012 gelang ihm beim Schladminger Nachtslalom der erste Sieg auf österreichischem Boden. 

Und der Höhenflug hielt an. 

Es folgten 8 Gesamtsiege (2011/12, 2012/13, 2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17, 2017/18, 2018/19), die letzte große Kugel...

... erhielt er beim Saison-Finale am 17. März in Soldeu (Andorra). 

Hirscher ist zudem sechsmaliger Riesentorlauf-Weltcupsieger (2011/'12, 2014/'15, 2015/'16, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) und hat ebenso...

... viele Slalom-Weltcupsiege (2012/'13, 2013/'14, 2014/'15, 2016/'17, 2017/'18, 2018/'19) bislang verbuchen können.

Der Salzburger triumphierte im vergangenen Dezember in Alta Badia erstmals auch im Parallel-Riesentorlauf und egalisierte mit dem 62. Weltcupsieg die ÖSV-Bestmarke der österreichischen Jahrhundert-Sportlerin Annemarie Moser-Pröll. Inzwischen hält er bei 67.

Nach dem Sieg in Saalbach ist er die alleinige Nummer eins. 

Auch bei den Weltmeisterschaften hagelt es Medaillen für Hirscher. 2013 gewann er in Schladming bei seinem ersten Antreten, dem Mannschaftsbewerb, die Goldmedaille mit dem österreichischen Team. Im Riesenslalom gewann er seine erste WM-Einzelmedaille, eine silberne.

Nach der WM in Åre hält er bei 13 Medaillen. Dank Gold im Slalom am letzten WM-Tag übertraf der 29-Jährige mit nun sieben Gold- und vier Silbermedaillen Landsmann Toni Sailer (7/1/0) in der Allzeit-WM-Bestenliste der Herren.

Bei Olympia sammelte er drei Medaillen: Gold im Riesenslalom und Kombination (Pyeongchang) sowie Silber im Slalom von Sotschi. 

Österreichs Sportler des Jahres wurde er fünf Mal - 2012, 2015, 2016, 2017 und 2018. 

Im vergangenen Oktober wurde Hirscher zum vierten Mal von den Mitgliedern der Internationalen Ski-Journalisten-Vereinigung (AIJS) zum Alpinskisportler des Jahres gewählt. Damit schloss er zum bis dato allein führenden Schweizer Pirmin Zurbriggen auf.

Im vergangenen Jahr wurde der Salzburger von der Zeitung L’Equipe zum "Champion der Champions 2018" bzw. zum Weltsportler des Jahres gekürt. Hirscher ist der erste Skifahrer überhaupt, der die prestigeträchtige Trophäe in Empfang nehmen durfte. Diese Ehre wurde vor ihm keinem Österreicher zuteil. 

Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt Hirscher 2016. Den Orden überreichte ihm der damalige Bundeskanzler Werner Faymann. 

Großer Verlass

„Bei der Heim-WM bin ich an dem Ganzen fast draufgegangen“, erzählte Hirscher später einmal. „In Schladming ist es um alles gegangen. Auch darum, ob ich es schaffe, ein Großer in diesem Sport zu werden oder nicht.“

Die Ausnahmestellung des Annabergers zeigte sich selten so deutlich wie in diesem Slalom, den Marcel Hirscher gewann. Natürlich gewann, ist man bei ihm fast schon geneigt zu sagen. Denn Hirscher war eigentlich immer da, wenn es drauf ankam. In den entscheidenden Wettkämpfen konnte sich der Seriensieger auf seine Stärken verlassen – und nicht zuletzt der Skiverband auf seinen Superstar.

Die Lichtgestalt überstrahlte alles, kritische Stimmen meinen sogar, Hirscher hätte mit seinen Triumphen und Titeln vieles überdeckt. Und tatsächlich wirft der Rücktritt des Superstars die Fragen auf:

Wer soll – vor allem aber: wer kann – in diese riesigen Fußstapfen treten?

Welcher Läufer wird die Österreicher in Zukunft zu Jubelstürmen hinreißen?

Wer setzt die rot-weiß-rote Erfolgsdynastie der Maiers, Eberharters, Raichs und eben Hirschers fort?

Neue Helden

Geht es nach Peter Schröcksnadel, dann muss sich die Skination nicht auf eine winterliche Dürreperiode einstellen. „Dann kommen eben die nächsten Helden“, pflegt der ÖSV-Präsident zu sagen. „Nach Hermann Maier, Stephan Eberharter und Benjamin Raich hat’s auch geheißen: ,Wen haben wir jetzt?’ Und dann ist der Marcel aufgetaucht. Das bereitet mir keine Sorgen.“

Es stimmt ja auch nicht, dass in den vergangenen Jahren ausschließlich Marcel Hirscher die großen Erfolge eingefahren hätte. Matthias Mayer zum Beispiel ist Doppel-Olympiasieger, sein Kärntner Landsmann Marco Schwarz wiederum hat bei der Ski-WM im Februar in Åre sogar mehr Medaillen gewonnen als Hirscher. Und der WM-Slalom war sowieso eine österreichische Machtdemonstration mit den Rängen eins (Hirscher), zwei (Michael Matt) und drei (Schwarz).

Problematischer stellt sich die Situation in jenem Bereich dar, der als Kerndisziplin des Skifahrens gilt, dem Riesentorlauf. Dort hatte sich zuletzt hinter Hirscher augenscheinlich eine Riesenlücke aufgetan, die der ÖSV trotz all seiner Ressourcen wohl nicht so leicht und schnell schließen wird können. Im vergangenen Winter war neben Disziplinensieger Hirscher im Riesentorlaufweltcup mit Manuel Feller nur noch ein weiterer Österreicher in der Endabrechnung unter den ersten 25 zu finden. Auf Position 14.

Noch mehr beunruhigen könnte die ÖSV-Trainer aber eine andere Zahl: Bei Marcel Hirschers 67 Weltcupsiegen war nur neun Mal ein Österreicher hinter ihm auf Rang zwei gelandet. Zum Vergleich: Allein der Norweger Henrik Kristoffersen war 15 Mal Zweiter hinter Hirscher.

Große Lücke

Doch nicht nur der ÖSV wird unter dem Rücktritt der Nummer eins mittelfristig leiden. Den Skisport an sich, der global gesehen ohnehin nur auf der Nebenbühne stattfindet, trifft das Karriereende noch viel mehr. „Der Skisport braucht Seriensieger wie Marcel Hirscher oder Hermann Maier“, sagte die Schweizer Ski-Legende Bernhard Russi einmal. „Nur so werden Menschen auf den Skisport aufmerksam, die sich sonst nicht dafür interessieren.“ Die knapp zwei Millionen TV-Zuseher beim Nightrace sind der beste Beweis. Es darf bezweifelt werden, ob der ORF in diesem Winter ohne Publikumsliebling Hirscher ähnliche Quoten verbuchen kann. Denn wie sagt Verbandsboss Peter Schröcksnadel so gern. „Der Sport braucht Helden.“

Baldiger Abschied

Wenn man so will beginnt mit dem Rücktritt von Marcel Hirscher beim ÖSV eine Zeit des Abschiednehmens. Der langjährige Sportchef Hans Pum ist im Sommer in den Ruhestand gegangen, die ÖSV-Führungscrew rund um Präsident Schröcksnadel und Generalsekretär Klaus Leistner wird bald folgen. „Es steht fest, dass der Zeitpunkt jetzt dann kommen wird“, erklärt Schröcksnadel.

Nicht wenige sind der Meinung, dass der Rücktritt des Langzeitpräsidenten den österreichischen Skiverband härter treffen wird als das Karriereende von Seriensieger Marcel Hirscher.