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21.01.2018

Hirscher vs. Maier: Zwei Skigrößen im Vergleich

In Kitzbühel kann Marcel Hirscher an Siegen zu Hermann Maier aufschließen. Was verbindet die beiden Stars aus Salzburg?

Für das perfekte Timing muss man Marcel Hirscher vorab schon einmal gratulieren. Auch wenn der 28-Jährige das alles natürlich nicht von langer Hand so geplant hatte. Marcel Hirscher mag in seiner Karriere kaum etwas dem Zufall überlassen, aber seinen Erfolgslauf exakt so zu steuern, dass er nun gerade beim berühmtesten Weltcuprennen des Jahres in Kitzbühel den historischen Rekord von Hermann Maier (54 Weltcupsiege) knacken kann, das schafft nicht einmal der sechsfache Gesamtweltcupsieger. "Mich erstaunt eher, wie schnell ich plötzlich an diese ominöse Marke herangekommen bin", erklärt der Gewinner von 53 Weltcuprennen. "Wie ich im September noch verletzt herumgelegen bin, war das alles ja kein Thema."

Jetzt aber ging plötzlich alles ganz schnell. Mit acht Saisonsiegen, zuletzt sogar vier in Folge, näherte sich Marcel Hirscher im Eiltempo Maiers österreichischer Bestmarke, von der man lange geglaubt hatte, dass sie ehesten einmal Gregor Schlierenzauer würde überfliegen können. Aber der beste Skispringer der Weltcup-Geschichte ist schon seit 2014 bei 53 Erfolgen wie einzementiert.

Machtdemonstration

Bei Marcel Hirscher kann es sich hingegen im Grunde nur noch um Stunden handeln, bis er mit Hermann Maier – zumindest sportlich – endgültig auf Augenhöhe ist. Aber was unterscheidet nun eigentlich MH von HM? Was verbindet die zwei Skigrößen abgesehen von der Herkunft und ihren Erfolgen? Und ist ein Vergleich überhaupt zulässig?

Wer mit Wegbegleitern der beiden Stars spricht, der bekommt häufig Begriffe wie Ausnahmesportler oder Jahrhunderttalente zu hören. "Sie gewinnen ihre Rennen auf eine andere Art und Weise. Das sind keine Siege, das sind Machtdemonstrationen", erklärt die Schweizer Ski-Legende Bernhard Russi. Hirscher gewann in Garmisch einmal einen Riesentorlauf mit 3,28 Sekunden Vorsprung, Maier lag einst in einem Super-G in Bormio 1,91 Sekunden vor dem Zweiten. "Bei beiden hat man oft schon mit bloßem Auge gesehen, dass sie schneller sind als der Rest."

Hermann Maier und Marcel Hirscher waren nicht nur der Konkurrenz, sie waren auch ihrer Zeit immer einen Schritt voraus. Der Flachauer war der erste Skiläufer, der sich zwischen den Rennen abstrampelte und stundenlang auf dem Ergometer saß. Eine Trainingsmethode, die dank ihm zum Trend im Skisport werden sollte. Hirscher wiederum schwört seit Jahren vor den Rennstarts auf die Energie seiner Therabänder, inzwischen zieht es auch seine Gegner zu den elastischen Bändern. "Lustig ist ja, dass der Marcel im Gegensatz zum Hermann überhaupt kein Ausdauertraining macht , sondern vielmehr seine Geschicklichkeit trainiert. Daran kann man sehen, dass viele Wege zum Erfolg führen", sagt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel.

Krieger & Künstler

Hirschers Beweglichkeit, Instinkte und Körperbeherrschung sind es auch, die Bernhard Russi so begeistern. "Maier war der Krieger, der alles mit Risiko und Wucht gemacht hat", erklärt der Abfahrtsolympiasieger von 1972. "Hirscher hat die Gabe, den Kampf als Kunst aussehen zu lassen. Er ist so ein Bewegungstalent, dass er auch in anderen Sportarten Weltklasse sein könnte. Ich behaupte: Ein Roboter könnte das nicht, was Hirscher kann. Hirscher ist einem Roboter weit überlegen."

Interessant, dass Russi bei der Analyse von Hirscher ein Roboter in den Sinn kommt. Denn die Konkurrenten müssen mittlerweile ja wirklich fast schon glauben, dass sie es beim Salzburger Seriensieger mit einer Maschine zu tun haben. Dieser Marcel Hirscher funktioniert augenscheinlich einfach immer und überall, auf allen Pisten und bei jeder Witterung. "Weil er sich Tag und Nacht mit dem Skisport auseinandersetzt und unglaublich fokussiert ist", sagt Leodegar Pruschak.

Der Marketing-Direktor von Raiffeisen hat die erfolgreichen Karrieren von Marcel Hirscher und Hermann Maier begleitet und weiß, warum die beiden in der Öffentlichkeit so gut ankommen. "Beide sind auf ihre Art authentisch, bodenständig und auch österreichisch."

Wobei Hermann Maier in den Augen des Marketing-Experten vor allem weltweit noch immer einen deutlich höheren internationalen Bekanntsheitsgrad genießt als Hirscher. Allein schon wegen Maiers Biografie. Die Anfänge als Maurer, der Jahrhundertsturz in Nagano, die Auferstehung als Olympiasieger, der Motorradunfall, die abermalige Rückkehr als Held, der Kosename "Herminator". "In der Karriere des Maier sind so viele spektakuläre und emotionale Dinge passiert, dass das zwangsläufig zur Legenden- und Mythenbildung beiträgt. Hirscher hat diese Hollywood-Story nicht. Und ich wünsche ihm auch, dass ihm das erspart bleibt, was Maier erlebt hat", sagt Pruschak.

Netzwerker

Für den Vertreter des Sponsors verkörpert Hirscher wie kaum ein anderer den modernen Athleten der Gegenwart. Er ist nicht nur erfolgreich, er beherrscht auch die Kommunikation des 21. Jahrhunderts. "Marcel ist ein sehr aktiver Teil der sozialen Netzwerke. Hermann ist da sehr zurückhaltend, Likes sind nicht seine Welt. Aber die Unterschiede sind auch dem Zeitgeist zuzuschreiben", meint Leodegar Pruschak.

Aus heutiger Sicht war es sicher kein Nachteil, dass zu Maiers Glanzzeiten Twitter, Facebook oder Instagram noch keine Rolle spielten. Sonst wäre der Flachauer wohl das eine oder andere Mal den Online-Portalen ins Netz gegangen.

Auch so sind schon genug Anekdoten überliefert. Etwa jene, wie Maier und sein Zimmerkollege Andreas Schifferer in Aspen ein Fahrrad ausliehen und von der Polizei gestoppt wurden. Dass der Salzburger auch den Einkehrschwung beherrschte, ist ein offenes Geheimnis. "Der Hermann hat seine Siege anders gefeiert als der Marcel", weiß ÖSV-Direktor Hans Pum, der sich dann und wann schon einmal für das Verhalten des Stars entschuldigen musste. "Der Hermann war a bissi ein Lauser, während der Marcel immer Profi durch und durch bleibt", ergänzt Leodegar Pruschak. "Aber beides sind österreichische Erfolgsgeschichten."

Rekordjagd

Und wenn es nach den Ski-Insidern geht, dann wird Marcel Hirschers Siegeslauf auch nicht so schnell zu stoppen sein. Der fünffache Gesamtweltcupsieger Marc Girardelli stellte dieser Tage in Kitzbühel sogar die kühne These auf, dass selbst der Allzeitrekord des Schweden Ingemar Stenmark (86 Siege im Weltcup) vor Hirscher nicht mehr sicher sei. Wenn er denn noch drei, vier weitere Saisonen anhängen würde.

Bernhard Russi sieht aktuell jedenfalls weit und breit keinen Läufer, der es mit Hirscher aufnehmen, geschweige ihm den Rang als Nummer eins streitig machen kann. "Mich beeindruckt die die innere Uhr, die er mitfahren hat. Ich habe das Gefühl, dass er immer weiß, wie er im Rennen gerade steht und ob er dosieren oder Gas geben muss. Der Skisport braucht Seriensieger wie Hirscher und Maier. Nur so werden Menschen auf den Skisport aufmerksam, die sich sonst nicht dafür interessieren."

Ein Sieg also noch, im Idealfall bereits heute in Kitzbühel, und dann hat MH auch HM eingeholt. Zumindest offiziell. Wenn es nach Hermann Maier geht, dann kann sein Nachfolger frühestens beim Nachtslalom am Dienstag in Schladming mit ihm gleichziehen. In seiner Rechnung führt der "Herminator" auch den Riesentorlauf-Sieg, der ihm 1997 in Val d'Isère aberkannt worden war, weil er im Ziel den Ski zu früh abgeschnallt hatte.

Marcel Hirscher gegen Hermann Maier