SKI WELTCUP IN KITZBÜHEL: ABFAHRT DER HERREN: HINTERSEER

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Sport Wintersport
01/22/2020

Hansi Hinterseer: "Im Sommer trage ich die Moonboots nicht"

Skilegende und Schuh-Stilikone Hansi Hinterseer im Gespräch über das Skifahren, die Musik und seine Stiefelwahl.

von Christoph Geiler, Wolfgang Winheim

Wer Hansi Hinterseer trifft, der senkt unweigerlich den Blick. Hat er sie an? Hat er wieder diese zotteligen Dinger an seinen Füßen, ohne die man ihn sich gar nicht mehr vorstellen kann?

Was für eine Frage. Natürlich trägt er seine berühmten Zottelmoonboots, als ihn der KURIER zum Interview trifft. In einer kleinen, schmucken Holzhütte am Ortseingang von Kitzbühel, weit weg vom Halligalli und von Ete und Petete.

Im Café EcKing sind die eingesessenen Kitzbüheler noch unter sich. Hier sitzen seine Freunde, „meine Mander“, wie Hansi Hinterseer sie nennt, um den Holztisch und spielen Karten.

In dieser Umgebung fühlt sich Hansi Hinterseer wohl. Er hat es nicht so mit VIP-Partys und Rambazamba. Schon gar nicht während der Hahnenkammwoche. „Ich war noch nie auf der Weißwurstparty“, gesteht er. „Das ist nicht mein Ding. Ich muss es nicht haben.“

KURIER: Was verbinden Sie mit den Hahnenkammrennen?

Hansi Hinterseer: In erster Linie viele Erinnerungen. Ich bin auf diesem Berg aufgewachsen, die Streif war mein Schulweg. Seit meinem vierten Lebensjahr habe ich praktisch jedes Hahnenkammrennen gesehen. Was ich hier runter alles erlebt hab’.

Erzählen Sie nur.

Ich war, glaub’ ich, neun, wie mich die Oma zum Würstlholen von der Seidlalm runter ins Tal geschickt hat. Ich bin in den Ort, hab’ die Würstl in den Rucksack gesteckt und bin mit der Gondel wieder rauf auf den Hahnenkamm. Das war knapp vor dem Abfahrtstraining, und sie haben mich noch schnell runterfahren lassen Richtung Seidlalm.

Und was ist dann passiert?

Dann hat’s mir bei der Steilhangeinfahrt die Ski auseinandergezogen und ich hab’ Saltos geschlagen. Blöderweise ist der Rucksack aufgegangen, und die Würstl sind überall auf der Piste gelegen. Der erste Läufer war inzwischen aber schon unterwegs, das war der Jean-Claude Killy. Der ist dann stehen geblieben und hat mir geholfen, die Würstl zusammenzuklauben. 29 Paar haben wir noch gefunden.

Kommen wir zurück in die Gegenwart: Wie intensiv verfolgen Sie den Skisport? Bleibt dafür während der Tourneen überhaupt Zeit?

Wenn ich unterwegs bin, würde ich mir die Rennen oft ja gerne anschauen. Aber außerhalb von Österreich wird inzwischen kaum noch etwas übertragen.

Finden Sie das bedenklich?

Wenn wir ehrlich sind, dann ist Skifahren ja fast schon eine Randsportart. Klar, in Österreich ist es das große Ding, aber international gesehen sieht das anders aus. Manchmal kommt es mir fast so vor, dass wir bei uns den Skisport zu wichtig nehmen. Aber wissen Sie, was mir wirklich Sorgen bereitet?

Sagen Sie’s.

Die vielen Verletzungen im Skisport sind ein Wahnsinn. Und ich rede jetzt nicht vom Weltcup, sondern von den Zwölf- bis Vierzehnjährigen. Die haben noch gar nicht den Körper, um diese Geräte zu fahren, die sie unter den Füßen haben. Das heutige Material und der Mensch passen einfach nicht mehr zusammen.

Gibt es sonst auch noch Entwicklungen, die Sie irritieren?

Das hat jetzt nichts mit dem Sport zu tun. Was mir auffällt: In unserer Sprache gibt es drei Wörter nicht mehr: Respekt, Anstand, Menschenwürde. Das ist irgendwie verloren gegangen.

Woran machen Sie das fest?

Man hat heute schnell jemanden angepatzt, aber entschuldigen tun sich dann nur die wenigsten. Wenn ich sehe, was da auf Facebook und im Internet abgeht, das ist keine lustige Entwicklung, sondern eher beängstigend.

Sind Sie denn in den sozialen Netzwerken aktiv?

Nein, das muss ich nicht haben. Ich will mir eine gewisse Privatsphäre bewahren und nicht alles teilen.

Funktioniert das? Sie sind ein bekanntes Gesicht.

Natürlich gibst du dich in gewisser Weise preis. Aber ich mag mich auch nicht verstellen. Wenn ich jetzt mit fünf Bodyguards daherkommen würde, dann gäbe es sicher einen Rummel. Ich habe ja manchmal das Gefühl, dass gewisse Leute das sogar brauchen, damit sie auffallen. Ich geh’ überall hin und habe kein Problem.

Sie feierten 2019 Ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum. Dafür, dass Sie gar nicht singen wollten, ist das eine lange Zeit.

Wie ich das erste Mal gefragt worden bin, habe ich gesagt: ,Lasst’s mich in Ruh’, das will ich nicht.‘ Meine Frau hat mich überredet. Und ich habe mir gedacht: Der Beckenbauer, der Sailer, alle haben sie Schallplatten herausgebracht, das kann ich doch auch. Heute sage ich: Wenn ich nicht vom Sport käme, hätte ich in der Branche längst Auf Wiedersehen gesagt.

Sehen Sie eigentlich Parallelen zwischen dem Skifahren und dem Singen?

Wenn du auf der Bühne stehst, dann ist das irgendwie schon mit Skifahren zu vergleichen: Du brauchst Kondition, du brauchst Konzentration, du brauchst Disziplin. Und du brauchst, und das ist ganz wichtig, eine gewisse Lockerheit. Wenn du verkrampft bist, kannst du nicht gut Skifahren. Das Gleiche gilt fürs Singen. Einen Vorteil hat das Singen aber.

Nämlich?

Es ist weniger Stress. Wenn ich nicht raus auf die Bühne gehe und mich um zehn Minuten verspäte, dann müssen die Leute warten. Wenn du das beim Skirennen machst, bist du weg und disqualifiziert.

Stört es Sie manchmal, dass Sie für alle nur der Hansi sind? Und sagt überhaupt jemand Johann zu Ihnen?

Auf Johann reagiere ich gar nicht. Manchmal sagen sie’s, wenn sie mich ärgern wollen. Ich bin der Hansi, das war immer schon so. Das ist ja jetzt auch kein schlechter Name, oder?

Lassen Sie uns zum Abschluss noch über Ihre Moonboots reden: Warum zieht man so etwas an?

Ganz einfach, weil sie warm sind. Im Sommer trage ich sie nicht. Wenn der Schnee richtig patzig ist, dann kannst du sie auch nicht anziehen.

Stört es Sie, dass sich immer wieder Leute über Ihr Schuhwerk lustig machen?

Das ist doch schön, wenn man über so etwas lachen kann. Ich kann auch über mich selbst lachen. Wir haben sogar einmal einen Werbespot gemacht, wo dann die Kühe diese Schuhe getragen haben. Ich war einmal in New York, und da hatten die Kleiderpuppen in den Luxusboutiquen meine Schuhe an.

Sie nennen Sie sogar schon „meine Schuhe“.

Die sind mein Markenzeichen geworden. Wir wollten die sogar schon in unser Merchandising-Programm aufnehmen.

Warum hat’s nicht geklappt?

Weil du eine so große Stückzahl produzieren musst. Und dann weiß ich nicht, ob es überhaupt so viele Leute gibt, die das kaufen. Aber der Gag wäre gewesen, in die Sohle ,Hansi‘ reinzuschreiben. Dann hätte jeder Hansi-Fußabdrücke in den Schnee gemacht.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text erschien ursprünglich im Jänner 2019 wurde aufgrund des anstehenden Kitzbühel-Wochenendes aber adaptiert und aktualisiert.