VIERSCHANZENTOURNEE 2018 BISCHOFSHOFEN: TRAINING: SCHLIERENZAUER (AUT)

© APA/BARBARA GINDL / BARBARA GINDL

Sport Wintersport
09/22/2021

"Fluch und Segen": Schlierenzauers steiler Aufstieg und tiefer Fall

Der Tiroler Rekordskispringer beendete mit 31 seine turbulente Karriere. Dem rasanten Aufstieg als Teenager folgte am Ende seiner Laufbahn der tiefe Fall.

von Christoph Geiler

Müsste man heute den Zeitpunkt festlegen, von dem an es mit der Karriere des Höhenfliegers Gregor Schlierenzauer bergab ging, dann würde man unweigerlich beim 3. Februar 2013 landen. An diesem Sonntag gelang dem Stubaier auf der Flugschanze im tschechischen Harrachov das Kunststück, innerhalb weniger Stunden gleich zwei Weltcupspringen zu gewinnen. Es waren die Siege Nummer 47 und 48, damit hatte er endgültig die finnische Legende Matti Nykänen (46 Erfolge) überflügelt, der jahrzehntelang die Bestenliste angeführt hatte.

Gregor Schlierenzauer war der neue Rekordmann im Skispringen, der alleinige König der Lüfte. Mit gerade einmal 23 Jahren.

Große Leere

Der großen Ekstase folgte alsbald die noch größere Ernüchterung. "Damals war der Punkt, an dem ich mich gefragt habe: ,Was will ich jetzt eigentlich noch?’", gestand Schlierenzauer Jahre später. "Ich habe eh alles erreicht, ich bin der beste Skispringer der Welt. Das war ein Knackpunkt."

Damals spielte er, ausgebrannt nach intensiven Saisonen, in denen er beinahe jede Bestmarke geknackt und fast alle Trophäen eingeheimst hatte, mit dem Gedanken, dem Sport für zwölf Monate den Rücken zu kehren.

Doch das hätte keiner verstanden, nicht im Winter 2014, in dem die Olympischen Spiele in Sotschi auf dem Programm standen. Vermutlich wäre ihm, der in der Öffentlichkeit ohnehin stets kritisch und skeptisch beäugt wurde, dieser Schritt weg vom Schanzentisch als Schwäche ausgelegt worden.

"Ich hatte damals einfach nicht den Mut, den Schritt raus aus dem Sport zu machen und mir eine Auszeit zu nehmen."

Enormer Druck

Das war das große Dilemma, in dem Gregor Schlierenzauer über weite Strecken seiner Laufbahn steckte. Seit seinem ersten Sieg im Dezember 2006 in Lillehammer im Alter von nur 16 Jahren sollte er immer abliefern. Die Augen waren stets auf ihn gerichtet, der "Wunderkind" und "Überflieger" genannt wurde. Von diesem jungen Mann aus dem Stubaital wurde in Superlativen geschwärmt.

Gregor Schlierenzauer musste Springen für Springen Erfolge einfahren, er hatte ständig Erwartungen zu erfüllen, die mit jedem Sieg noch höher wurden. "Ich habe immer nur funktionieren müssen und hätte mich als 16-Jähriger schon wie ein Erwachsener verhalten sollte", beklagte sich Schlierenzauer einst. "Was da alles auf einen jungen Menschen einprasselt, muss man erst verkraften."

Hohe Ansprüche

Wie groß der Druck war, den sich der überehrgeizige Teenager selbst auferlegte, zeigte sich, wenn er einmal nicht die Nummer eins war. Ein zweiter Platz kam in Schlierenzauers Augen einem Absturz gleich. Alexander Pointner, der damalige Erfolgscoach der ÖSV-Skispringer, erinnert sich, "dass beim Gregor manchmal sogar nach Siegen Tränen geflossen sind." Weil die Leistung nicht seinen hohen Ansprüchen genügte.

Das ging so lange gut, so lange Gregor Schlierenzauer erfolgreich war und die Titel und Trophäen die Schattenseiten seines Ruhmes überstrahlten. Als die Siege dann ausblieben, als er seine Umlaufbahn verließ und auf ein Normalmaß gestutzt wurde, merkte der Tiroler erst, welche Opfer er für seine Karriere erbringen musste.

Und was in diesen acht Jahren des Ruhms von seinem ersten Sieg im Dezember 2006 bis zu seinem 53. und letzten im Dezember 2014 nicht alles auf der Strecke geblieben ist. "In meiner Karriere ist alles so schnell gegangen, dass ich gewisse Lebensphasen, die andere in diesem Alter durchmachen, übersprungen habe."

Innere Ruhe

Der Tiroler versuchte nachzuholen, was nicht nachzuholen ist. Mit 25 lässt es sich nicht mehr wie ein Teenager leben. Aber man bekam zusehends den Eindruck, dass Gregor Schlierenzauer seinen Tunnelblick für das Skispringen verlor und das Leben ihm neue Perspektiven eröffnete. Gespräche mit ihm drehten sich in letzter Zeit häufig ums Essen und Reisen, um Fotografie und Design.

Es schien fast so, als hätte er endlich seine innere Ruhe gefunden und Frieden geschlossen mit seiner Karriere. Als hätte er sich irgendwann damit abgefunden, dass es mit dem ersehnten Olympiasieg im Einzel und dem 54. Weltcuperfolg nichts mehr wird.

"Es war eine einzigartige und gefühlsintensive Reise", meinte Gregor Schlierenzauer nun bei seinem stillen Abschied, den er nur auf Social Media verkündete. "So eine Karriere wie ich zu haben, ist Fluch und Segen zugleich."

  • Karriere

Gregor Schlierenzauer (*7. Jänner 1990) feierte bereits in seinem dritten Weltcupspringen den ersten Sieg. Beim Erfolg 2006 in Lillehammer war der Stubaier 16 Jahre alt.

53 Weltcupsiege feierte der Tiroler insgesamt und ist damit Rekordhalter im Skispringen. In den Saisonen 2008/’09 und 2012/’13 gewann er den Gesamtweltcup, 2011 wurde er Weltmeister auf der Großschanze, 2012 und 2013 gewann er zudem die Vierschanzentournee. Mit dem ÖSV-Team holte er bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sechs Goldmedaillen. Nur der Einzel-Olympiasieg blieb ihm verwehrt.

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