Marco Rossi arbeitete in Bruck intensiv an seinen Fähigkeiten

© GEPA pictures/GEPA pictures/ Philipp Brem

Interview
07/25/2020

Eishockey-Talent Rossi: "Ich würde niemals meine Mama schlagen"

Österreichs große Eishockey-Hoffnung bestand alle Charakter-Tests der NHL-Scouts und hat die Corona-Pause optimal genützt.

von Peter Karlik

Selbstbewusst, demütig, dankbar, reif, erfolgshungrig, freundlich, offen, zielstrebig, humorvoll: Das sind nur ein paar der Eigenschaften, die auf Marco Rossi zutreffen. Sitzt man ihm beim Interview gegenüber, kann man kaum glauben, dass er erst 18 Jahre alt ist.  Und dennoch ist er einer der weltbesten Eishockey-Spieler seines Jahrgangs. Beim NHL-Draft am 9. Oktober wird er sehr früh von einem Team verpflichtet werden. 

In den vergangenen drei Wochen trainierte Rossi  in Bruck an der Leitha, er wurde dort fast täglich von Medienvertretern besucht. Souverän beantwortet er jede Frage – als würde er gerade einen Verteidiger aussteigen lassen und ein Tor erzielen.

In Bruck organisierte sein Vater, Ex-Profi Michael, ein Trainingscamp mit dem ehemaligen NHL-Spieler Rob Schremp. Nicht nur wegen der Qualität des Trainings sieht man Rossi oft lächeln.

Im KURIER-Interview spricht der Vorarlberger über seine harte Arbeit in der Corona-Pause, den NHL-Draft und die Psycho-Fragen der NHL-Scouts.

KURIER: Man merkt an ihrem Körper, dass sie in topform sind. Welches Programm spulen Sie derzeit ab?

Marco Rossi: Heute war ich von 8.00 bis 9:30 Uhr auf dem Eis. Von 13 bis 14 Uhr war es dann richtig anstrengend mit dem Rob Schremp und danach war ich noch 30 Minuten locker laufen. Aber es war brutal. 

Der Corona-Lockdown war auch in der Sportwelt ein großer Schock. Speziell für jemanden, der auf dem schnellsten Weg in die NHL ist. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Ich habe gesehen, dass es so kommen wird. Wenn in Europa alle Ligen aufhören zu spielen, dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Ontario Hockey League beendet wird. Als es soweit war, habe ich dann einen der letzten Flüge nach Europa bekommen.

Ärgerlich, weil Ottawa sehr gut drauf war, oder?

Sehr. In meinem ersten Jahr waren wir im Finale. Klar setzt man sich danach das Ziel, die Meisterschaft zu gewinnen.  Wir waren im zweiten Jahr viel besser.

Dann waren Sie in Österreich. Was machten Sie im Lockdown?

Erstmal war ich zuhause und musste in Quarantäne. Zwei, drei Tage habe ich fast gar nichts gemacht. Dann war ich wieder in Kontakt mit meinem Fitnesscoach Max Cavada. Wenn du von April bis Oktober off-Ice trainieren kannst, dann kannst du mit seinem Körper brutal viel erreichen. Jetzt, wo ich wieder auf dem Eis bin, ist es unglaublich, wie gut ich mich fühle. Corona war für mich sehr positiv. 

Was genau hat sich für Sie körperlich geändert?

Bei Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer habe ich mich sehr verbessert. Bei den Tests war ich in den Bereichen zehn bis 20 Prozent.  Vom Gewicht her war ich in meiner ersten Saison in Kanada bei 89 Kilo, jetzt bei 82, 83 Kilo. Das versuche ich jetzt zu halten, weil ich mich auf dem Eis so unglaublich gut fühle.

Im heutigen Eishockey ist ja das Gewicht nicht mehr so wichtig, oder?

Genau. Wenn du spielen kannst, sind die Kilos egal.

Wie ging es dann weiter nach den ersten Wochen in der Heimat?

Ich habe immer in Vorarlberg trainiert und versucht, so lange wie möglich nicht auf das Eis zu gehen. Dann werde ich wieder hungriger. Wenn ich immer nur an Eishockey denke, werde ich verrückt. Ich habe noch nie solange Pause gemacht. Nach drei Monaten war ich in Zürich mit dem ZSC auf dem Eis. Danach war ich bei Teamchef Roger Bader im Camp, dann in Bled und jetzt drei Wochen in Bruck.

Wie ist das lange Warten für Sie auf den NHL-Draft, der von Juni auf Oktober verschoben wurde?

Am Anfang war es sehr komisch. Es gab in der NHL jeden Tag neue Nachrichten. Irgendwann habe ich mir gesagt, 'ich kann es eh nicht ändern, ziehe einfach mein Programm durch und will mich jeden Tag weiter verbessern'. Ich hoffe, dass es jetzt beim 9. Oktober bleibt. 

Wie sieht es mit Kontakten zu den NHL-Teams aus?

Die gibt es jeden Tag. Nach jedem Spiel gab es Gespräche mit NHL-Scouts. Über die Persönlichkeit, wo du aufgewachsen bist, und es waren auch komische Fragen dabei.

Welche zum Beispiel?

Ob ich meine Mama schlagen würde um ein Spiel zu gewinnen, oder mit welcher Waffe ich jemanden umbringen würde – Stein, Pistole oder Messer. Da habe ich Pistole gesagt. 

Und was haben Sie bei der Mama geantwortet?

Nie im Leben würde ich meine Mama schlagen! Ich habe ihm die Gegenfrage gestellt, ob er das machen würde. Er hat auch Nein gesagt. Sie schauen bei solchen Frage darauf, wie man reagiert. Am Ende der Saison haben dann die Video-Meetings begonnen. Die waren richtig mühsam. Von April bis Juni habe ich jeden Tag Interviews gehabt. Da waren immer zehn bis 20 Leute von einem Team dabei. Mit manchen Mannschaften habe ich vier Video-Meetings gehabt. Ich habe dann schon mein Training an die Termine der Video-Konferenzen angepasst.

Da ja in der NHL für manche Teams die Saison bereits beendet ist, kann man schon ausloten, wohin es gehen könnte. Die Ottawa Senators sind ein heißer Tipp...

Möglicherweise. Aber ich war nie jemand, der gerne spekuliert. Ottawa wäre sicher nicht schlecht, weil ich die Stadt kenne. Aber ich bleibe locker und freue mich auf die Zeit. Egal, wo.

Ist es für die hoch gehandelte Talente wie Sie nicht ein Nachteil, dass sie durch den Draft nicht zu den Top-Teams kommen können?

Nicht wirklich. In der NHL gibt es jedes Jahr eine andere Mannschaft, die gut wird. Ottawa war vor ein paar Jahren noch im Halbfinale und jetzt bauen sie von unten neu auf. 

Zukunft
Neben Marco Rossi haben 2020 auch Thimo Nickl (Quebec Junior Hockey League) und Benjamin Baumgartner (HC Davos) die Chance, gedraftet zu werden.  Nickl (18) ist ein 1,87 Meter groß gewachsener Verteidiger, der aus dem KAC-Nachwuchs kommt. Baumgartner (19) spielt seit sieben Jahren in der Schweiz und überzeugt aktuell in seiner zweiten Profi-Saison.

Vergangenheit, Gegenwart
Die letzten Österreicher im NHL-Draft waren Michael Grabner und Andreas Nödl 2006. Insgesamt kamen mit Reinhard Divis, Christoph Brandner, Thomas Pöck, Thomas Vanek, Michael Grabner und Andreas Nödl sechs Österreicher zu NHL-Einsätzen. Vanek absolvierte von 2005 bis 2019  1.098 NHL-Partien, im Sommer bekam der 36-Jährige keinen Vertrag mehr.

Wenn die NHL-Saison erst sehr spät beginnen wird, könnten Sie im Herbst noch in Europa spielen?

Ich habe das mit meinen Agenten und mit meinem Papa lange beraten. Ich werde mit Zürich nur trainieren, aber nicht spielen. Es wäre zu riskant, wenn ich mich vor dem Draft noch verletzen würde. Nach dem Draft wird das Team schon genau sagen, wie es mit mir weitergeht.

Es gibt durch Ihre Leistungen viele  Vorschusslorbeeren. Erhöht das den Druck, dass sie in der NHL gleich liefern müssen?

Druck mache ich mir nie selber. Ich versuche, dass ich über mich nie etwas lese. Das bekomme ich nur mit, wenn ein Kollege mir etwas aus den Medien zeigt. Auch meine Oma ist ganz stolz, wenn ich in der Zeitung bin.  Ich bin kein aber Fan von mir selber. Also schaue ich mir auch keine TV-Interviews von mir an. Ich probiere bodenständig zu sein. In meiner Freizeit rede ich mit meinen Freunden nie über Eishockey. 

Um was geht es dann?

Ich bin ein extremer Fußball- und Tennis-Fan. Also FC Barcelona und Dominic Thiem. Ich habe bis ich 13 auch Tennis, Basketball und Fußball gespielt. Fußball spiele ich in meiner Freizeit immer noch. Da war ich richtig gut. Es hilft in der Koordination, wenn du mehrere Sportarten gemacht hast.

Wie sieht nach so langen Trainingstagen Ihre Freizeit aus?

Die jetzige Situation, in der ich monatelang in zuhause in Österreich sein kann, werde ich nie wieder haben. Darum sehe ich alles sehr positiv und genieße die Zeit mit meiner Familie, mit meinen Freunden, das Essen. 

Gibt es eine fixe Freundin?
Nein, nein.

Sie investieren nicht nur viel Zeit sondern auch Geld in das Training. Wie schaffen Sie das?
Mit Moser Medical habe ich jetzt zum ersten Mal einen Sponsor. Die meisten Sponsoren kommen normal erst, wenn schon Geld da ist, aber Karl Moser ist mit so viel Leidenschaft dabei. Das hilft mit sehr.

Haben Sie in Ihrer Jugend nie das Verlangen gehabt, um die Häuser zu ziehen und sich die Nächte um die Ohren zu schlagen?
Ich habe es schon auch gemacht. Aber nur, wenn danach ein freier Tag war. Mein Papa hat mir schon früh erklärt, dass er viele große Talente gesehen hat, die sich anders entschieden haben. Er hat mir nie gesagt, was ich machen soll, nur, was er gesehen hat. Ich wollte sehr früh schon, dass ich das Beste aus mir raushole, alles was möglich ist. Mein Papa hat mich auch manchmal gefragt, ob ich mich anstatt des Trainings nicht lieber mit Freunden treffen  will. Ich habe immer gesagt, ich will zum Training nach Zürich.

Wie sehen die nächsten Wochen aus?
Die nächsten Tage bin ich in Graz, weil meine Mama von dort  ist. Da werde ich ein paar Tage urlauben. Am 6. August beginnt das Training  in Zürich. 

Modus

Bei der Veranstaltung am 9. Oktober sichern sich die NHL-Teams die Rechte an den verfügbaren Amateur- und Jugendspielern. In der Reihenfolge der schlechtesten Teams der abgelaufenen Saison dürfen  sie pro Runde einen Spieler ziehen. Meistens werden die gedrafteten Spieler vor Saisonbeginn zu Trainingscamps eingeladen. Dort entscheidet sich, ob sie ins NHL-Team kommen. 

Geld
Auch die Einstiegsverträge sind reglementiert: 18- bis 21-Jährige bekommen einen Dreijahresvertrag mit einem maximalen Salär von 925.000 Dollar (833.000 Euro) brutto. Spieler, die früh in der ersten Runde gedraftet werden, können sich noch einen guten Bonus ausverhandeln.