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Sport Wintersport
03/11/2019

Deutsche über ÖSV-Boss Schröcksnadel: "Napoleon der Pisten"

"Nach Doping-Beben verlieren gewöhnlich auch Funktionäre schnell ihre Posten. Peter Schröcksnadel nicht."

Die Doping-Causa beschäftigt auch die deutschen Nachbarn. Und das nicht zuletzt wegen der unmittelbaren Verstrickung in die aktuelle Doping-Affäre, in der ein Arzt aus Erfurt im Mittelpunkt steht. 

Wenn auch die beiden des Dopings überführten österreichischen Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf dezidiert ausschließen, dass Trainer und Teamkollegen von ihrem Doping gewusst hätten, zeigt der deutsche Finger gerne nach Österreich, wenn es um die Suche nach dem/den Schuldigen geht. In der ORF-Sendung "im Zentrum" am Sonntagabend, in der es um das Thema "Sp(r)itzensport – Geht’s nicht ohne Doping?" tat dies der auf Doping spezialisierte ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt. Zum wiederholten Male.

Seppelt bezeichnete es als "Heuchelei", dass "Funktionäre, Menschen, die in Verantwortung im Verband stehen", erzählten, dass sie nicht mitbekommen, was ablaufe. Der Doping-Experte zweifelte die Unschuld des ÖSV damit neuerlich an. "Denken wir an 2002, an den großen Turin-Skandal, denken wir an 2014, der Fall Johannes Dürr - immer wieder gab es im österreichischen Wintersport im Skilanglauf oder auch im Biathlon solche Dinge, und immer wieder hat es geheißen, ja der ÖSV hat damit nichts zu tun. Wer kann das bitteschön noch glauben, dass ein Verband von nichts etwas mitbekommen haben soll?", fragte Seppelt schon während der Nordischen WM in Seefeld

In der zweiten WM-Woche hatte die ARD auch ein Interview mit ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel geführt. "Aber ein Interview, das wir mit ihm diese Woche geführt haben, das ist heute Früh zurückgezogen worden. Wir dürfen keine einzige Aussage aus diesem Interview senden. Es hat geheißen, der Herr Präsident möchte das nicht. Offensichtlich liegen die Nerven in Österreich ziemlich blank", mutmaßte Seppelt, der aus seiner Abneigung gegen Schröcksnadel keinen Hehl macht, damals.

Gegenüber dem KURIER erklärte Schröcksnadel, der wiederum kein Freund von Seppelt ist, weshalb er das Interview kurzfristig zurück gezogen hatte. "Mir hat niemand gesagt, dass das Interview in einer Sendung von Seppelt vorkommen wird", so der Tiroler.

Funktionierende Strategie

Nun widmete auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine lange Meldung dem langjährigen ÖSV-Boss. Nach Doping-Beben würden gewöhnlich auch Funktionäre schnell ihre Posten verlieren, Peter Schröcksnadel nicht, schreibt die dpa und spricht dem Tiroler "ungebrochene Macht" zu.

Dem Verband selbst wirft man in der Meldung vor, die Schuld immer den Individuen zuzuschieben, denn "die Strategie des Österreichischen Skiverbands war in all diesen Fällen im Kern immer dieselbe: Es handele sich um Einzeltäter, der Verband ist das Opfer". Weiter heißt es: "Salt Lake City 2002, Turin 2006, Sotschi 2014 - und jetzt Seefeld 2019. Bei den großen Dopingskandalen im Wintersport in den vergangenen Jahren waren auch österreichische Langläufer und Biathleten unter den Dopingsündern. Für gewöhnlich wird spätestens bei einer solchen Häufung nach begünstigenden Strukturen gefragt, nach einem Versagen des Verbands. Nicht im ÖSV".

Die Strategie würde funktionieren, denn Schröcksnadel überstand jeden Skandal und Fehltritt. "Es waren einige". Weiters schreibt die dpa Folgendes:

Schröcksnadel gehört zu den einflussreichsten Sportfunktionären und Unternehmern in Österreich. Der 77-Jährige hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein komplexes Firmen-Konstrukt aufgebaut, das umfangreiche Beteiligungen an zahlreichen Skigebieten und Bergbahnen in der Alpenrepublik hält. Seine Firmen verkaufen Panoramabilder aus den Bergen an TV-Sender. Der Skisport in den Alpen wurde von Schröcksnadel maßgeblich mitgeprägt, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte ihn gerade erst den „Napoleon der österreichischen Skipisten“.

Seine Machtposition wird zudem durch die große Bedeutung des Wintersports in Österreich gestärkt. Das Land versteht sich als große Ski-Nation, alpine Siege haben eine deutlich größere Bedeutung als in Deutschland. Das wissen auch die Medien, die dem ÖSV für gewöhnlich wohlgesonnen sind. Die größte österreichische Tageszeitung gehört zu den wichtigsten Sponsoren des ÖSV, der öffentlich-rechtliche ORF wird auf der Webseite als Verbandspartner aufgeführt.

Schröcksnadel bestimmt in diesem Geflecht von Wirtschaft, Sport und Medien schon seit Jahrzehnten die Richtung des Skiverbands. Von 1978 bis 1990 war der Tiroler zunächst Referent beim ÖSV, seit 1990 ist er der Präsident.

2006 wollte Schröcksnadel nach eigenen Aussagen eigentlich abtreten - doch der Dopingskandal von Turin kam ihm dazwischen. Bei Razzien in den Unterkünften der Langläufer und Biathleten fanden die Ermittler verdächtige Geräte und Blutbeutel. In der Folge wurden mehrere Sportler gesperrt, auch Trainer und Funktionäre mussten ihren Hut nehmen. Von Schröcksnadel blieb vor allem ein Satz in Erinnerung: „Austria is a too small country to make good doping“ - Österreich ist ein zu kleines Land für gutes Doping. Jahre später wurden er und weitere Funktionäre von einem italienischen Gericht freigesprochen. Er betont das regelmäßig, wenn es um das Thema Doping geht.

Auch nach diesem Freispruch und nach dem Dopingfall Johannes Dürr 2014 blieb Schröcksnadel. Und es spricht wenig dafür, dass ihn die aktuellen Dopingermittlungen aus dem Amt treiben. Stattdessen teilte er in den vergangenen Tagen gegen die geständigen Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf aus und witterte in der ganzen Razzia eine Verschwörung. „Es kommt mir vor, es war eine getürkte Aktion, wie das inszeniert worden ist, gerade bei der WM“, sagte Schröcksnadel.

In die Amtszeit Schröcksnadels fallen zudem die Missbrauchsdebatten der vergangenen Jahre. Ausgelöst wurden diese von Nicola Werdenigg, der Abfahrtsmeisterin von 1975, die mit ihrem Mädchennamen Spieß an den Start ging und Ende 2017 von regelmäßigen Belästigungen und einer Vergewaltigung durch einen Kollegen berichtete. Weitere Vorwürfe von anderen Sportlerinnen folgten pünktlich zu den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Auch damals ärgerte sich Schröcksnadel über den Zeitpunkt der Veröffentlichungen, „50 Jahre später“ bei Olympia.

Immerhin: Schröcksnadel kündigte an, als Konsequenz auf den Dopingskandal die Sparte Langlauf komplett umzubauen. So ganz zieht der Sturm des neuerlichen Skandals also nicht an den Strukturen des ÖSV vorbei. An Schröcksnadels Schreibtisch bleibt es aber wieder mal verhältnismäßig windstill.