© USA TODAY Sports/Danielle Parhizkaran

Analyse
09/14/2020

Warum Dominic Thiem reif für die Nummer 1 ist

Der US-Open-Sieger hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Eine Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

von Harald Ottawa

Wenn die New York Times brav schreibt: „Auch wenn Nadal, Federer oder Djokovic nicht auf der anderen Seite des Netzes standen, wird Thiems Name mit den ihren in einer Reihe stehen“, ist es ein Ritterschlag.

Dominic Thiem hat sich verewigt. Als zweiter Österreicher nach Thomas Muster, der 1995 in Paris triumphiert hatte, holte sich Österreichs Superstar einen Grand-Slam-Titel. Wie der Steirer im Alter von 27 Jahren. Ein Traum wurde wahr. Nachdem der Beginn dem österreichischen Tennisfan schlaflose Nächte bereitet hatte, durfte er in der Nacht auf Montag seinen ersten Grand-Slam-Pokal in die Höhe stemmen.

Nach einem Thriller, der letztlich mit einem 2:6-4:6,6:4-6:3-7:6(6)-Sieg über seinen deutschen Freund Alexander Zverev endete. Ein Triumph, der in die rot-weiß-rote Sportgeschichte einging, nicht weil es eines der besten Endspiele war im Big Apple, sondern, weil es Nachhaltiges nach sich zog.

Thiem und die Einserfrage

Dominic Thiem bleibt nach seinem ersten Major-Triumph die Nummer drei der Welt. Wäre es nach herkömmlichen Maßstaben gegangen, wäre Österreichs Topmann bereits die Nummer zwei. Doch nach dem auch die Tenniswelt beherrschenden Corona-Wahnsinn änderte auch die ATP ihre Regeln. Vorjahressieger Rafael Nadal fallen die Punkte nicht aus der Wertung und er bleibt nur deshalb hinter Djokovic und noch vor Thiem die Nummer zwei der Welt.

Doch ein Vorstoß nach vorne ist nur eine Frage der Zeit. „Dominic wird Nummer eins werden“, sagt sein Ex-Trainer Günter Bresnik. „Das ist unaufhaltsam. Die Wachablöse findet gerade statt und von der neuen Generation ist Dominic einfach der beste Tennisspieler.“

Mit 27 Jahren ist Thiem kein Youngster mehr, aber könnte die besten Jahre noch vor sich haben. Auch, wenn beispielsweise Daniil Medwedew (24), Stefanos Tsitsipas (22) oder Zverev (23) jünger sind, darf man beim Perfektionisten Thiem erwarten, dass er sich ebenfalls noch steigert. „Er hat Punkte geholt, wo man sie holen konnte, hat mehr als 9.000 Punkte, was oft schon zur Nummer eins gereicht hat“, sagt Ex-Profi Alexander Antonitsch. „Er stand bei den Australian Open im Finale und holte jetzt den Titel, viel mehr Punkte kann man nicht machen. Die Einserfrage ist die logische Folge, wichtiger sind aber Titel.“

Thiem und die Entwicklung

Der Lichtenwörther machte jedes Jahr einen Schritt nach vorne. Vor allem mit den ungewohnten Bedingungen in New York kam der 27-Jährige sehr gut zurecht. „Freilich, wären mir 20.000 Zuschauer im Arthur Ashe Stadium lieber. Das Leben in der Bubble ist auch nicht immer einfach. Aber so konnte man sich total auf den Tennissport konzentrieren.“

Thiem hat in den vergangenen Jahren an Reife gewonnen, trifft selber die Entscheidungen. „Er ist längst erwachsen geworden, das gefällt mir“, sagte selbst Günter Bresnik vor zwei Jahren, von dem sich Thiem geschieden hat – als Trainer und Manager. Die Reifeprüfung auf den Courts hat er längst abgelegt. Seit dem Finalsieg in Flushing Meadows, bei dem er 0:2 in Sätzen mit Break zurückgelegen war, ist er Vorzeigeschüler.

26,9 Millionen Dollar Preisgeld

hat Dominic Thiem im Verlauf seiner Karriere verdient. Damit liegt er derzeit auf Platz neun. Novak Djokovic hat es als Topverdiener bislang auf 143,6 Millionen Dollar gebracht. Das entspricht 22,6 Millionen Euro.

3. der Weltrangliste

ist Dominic Thiem auch noch nach seinem Finalerfolg. Ein besseres Ranking hatte er noch nie in seiner Karriere. Thomas Muster war 1996 sechs Wochen lang die Nummer 1 der Welt

17 Turniere

hat Dominic Thiem inklusive der US Open bisher auf der ATP-Tour gewonnen. Thomas Muster brachte es seinerzeit sogar auf insgesamt 44 Turniersiege

16:5

lautet seine Matchbilanz in diesem Kalenderjahr auf der ATP-Tour. Anfang des Jahres kassierte Thiem im Rahmen des ATP-Cups in Australien zwei Niederlagen gegen Borna Coric (KRO) und den Ungarn Hubert Hurcacz, im Finale der Australian Open unterlag er dem Serben Novak Djokovic. Dazu kommt noch eine Niederlage in Rio gegen den Italiener Gianluca Mager, unmittelbar vor den US-Open musste sich Thiem in New York noch dem Serben Filip Krajinovic geschlagen geben.

Thiem und die Finanzen

Drei Millionen Dollar hat Thiem mit seinem US Open-Erfolg verdient, insgesamt hält er bei einem Karriere-Preisgeld von fast 27 Millionen Dollar (rund 22 Millionen Euro). Jedoch: Mit Sponsorengeldern verdient Österreichs Ass jährlich mittlerweile rund 20 Millionen Euro. Zahlreiche Immobilien, in die der Ausnahmesportler mit Weitblick investiert, sichern sein Vermögen ab.

Thiem und die Zukunft

Wann sieht man Dominic Thiem wieder? „Ich werde jetzt einmal den Erfolg genießen, dann langsam auf das nächste Ziel hinarbeiten.“ Das nächste Ziel ist wieder ein großes, schon in zwei Wochen (ab 27. September) stehen in Paris die French Open an. Und dort ist Thiem neben Seriensieger Nadal der Topfavorit. „Man kann Thiem in Paris um 3 Uhr in der Nacht wecken, dann spielt er sein bestes Tennis“, sagt Antonitsch, „aber wichtig ist, dass er jetzt den Triumph genießt und die Akkus wieder auflädt.“

In Österreich wird man Thiem auch bald sehen. Am 26. Oktober starten die Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle mit Thiem als Titelverteidiger.

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