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Sport
05/18/2020

Warum der Schulsport nicht ignoriert werden sollte

Die Sportpädagogik blieb in der Debatte bisher ungehört. Dabei kann die Wissenschaft gute Argumente und Zahlen einbringen.

von Philipp Albrechtsberger

Zwei Stunden Englisch, Geschichte, Deutsch und Biologie am Montag. Immerhin: Zum Wochenausklang am Freitag stehen für die 12-jährige Sophie noch zwei Musik-Einheiten (ohne Gesang) auf dem Stundenplan. Es wirkt beinahe wie eine ganz normale Woche – und doch fehlt etwas im neuen Alltag der AHS-Schülerin: Bewegung. Auch mit der Rückkehr der Unterstufenschüler in die Klassenzimmer am Montag ändert sich nichts an der Vorgabe des Bildungsministeriums, den Bewegungs- und Sportunterricht weiter keine Priorität einzuräumen. Im organisierten Sport war der Aufschrei deshalb groß – und laut. So mancher sprach von einer gezielten Körperverletzung an den Kindern und Jugendlichen.

Als "reißerisch" und bisweilen "wenig hilfreich" bezeichnet Rudolf Müllner vom Fachbereich Sportpädagogik der Universität Wien diese und ähnliche Aussagen. Das Institut hat auf seiner Website zum ausgesetzten Bewegungs- und Sportunterricht ein Statement formuliert. Im KURIER-Gespräch konkretisieren Müllner und zwei seiner Fachbereichskollegen ihren Standpunkt: "Es ist uns wichtig, festzuhalten, dass es Sinn ergibt, in der Schule Bewegungsangebote anzubieten. Das Fach gibt es nicht grundlos", sagt Rosa Diketmüller.

Es ist entscheidend, dass Kindern von weniger sportaffinen Eltern Bewegung ermöglicht wird. Nicht alle Familien fördern Bewegung gleichermaßen“

Stefan Meier | Institut für Sportpädagogik, Universität Wien

Gute Gründe für ihr Anliegen haben die Wissenschafter rasch parat. Wie bei vielen anderen Fächern auch zeige sich beim Thema Bewegung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. "Es ist entscheidend, dass Kindern von weniger sportaffinen Eltern Bewegung ermöglicht wird. Nicht alle Familien fördern Bewegung gleichermaßen", erklärt Stefan Meier. All jene, die Bewegung bestenfalls vom Bildschirm kennen, fielen durch die Entscheidung der Politik durch das Netz, das die Schule prinzipiell für alle spannt.

Die Sportaffinen sind ohnehin in der Minderheit in diesem Land. Laut einer aktuellen Studie treiben lediglich 20 Prozent der Österreicher regelmäßig Sport. Die neuen Gesundheits- und Hygienemaßnahmen seien für den Schulsport kein unlösbares Problem. Diketmüller: "Die Pädagogen sind geschult, auch in der aktuellen Situation einen Bewegungsunterricht anzubieten, der alle Auflagen erfüllt."

Der Turnunterricht wird in Österreich immer dann zum Thema, wenn die Olympia-Medaillen ausbleiben“

Rudolf Müllner | Sporthistoriker an der Universität Wien

Nach ihren Expertisen wurden die Forscher im Zuge der Schulöffnung nie gefragt. So verfestigt sich der Eindruck, den viele in der rot-weiß-roten Szene längst haben: Sport ist zweitrangig. "Der Turnunterricht wird in Österreich immer dann zum Thema, wenn die Olympia-Medaillen ausbleiben", sagt Rudolf Müllner. Dabei sollte Schul- und Vereinssport nicht gleichgesetzt werden. "Ein Sportklub hat einen anderen Auftrag als der Sportunterricht", sagt Stefan Meier, "unser Ziel ist es nicht, Olympiasieger auszubilden." Es gehe auch um Wissensvermittlung abseits der korrekten Technik, etwa um die selten so aktuelle Frage: "Wie bewege ich mich sicher?"

Widersprüchliche Botschaft

Stattdessen werde eine widersprüchliche Botschaft ausgesendet: "Während des Lockdowns wurde extra darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass die Menschen vor die Türe gehen und sich bewegen. Nun öffnen die Schulen wieder und die Bewegungseinheiten werden komplett gestrichen."

Zumindest bis zum neuen Schuljahr bleibt dieser Widerspruch ein Teil des Alltags. Ob in den Sommerferien die Schüler vermehrt zu bewegen sind, sei dahingestellt. Forscher Müllner: "Aufgrund der verschiedenen Zuständigkeiten bleibt ein Großteil der Schulsportanlagen in den Ferien geschlossen. Bis heute konnten sich Bund, Länder und Gemeinden auf keine einheitliche Regelung einigen. Nachvollziehbar ist das nicht."