Die Hölle des Nordens: Was Paris – Roubaix so extrem macht
Den Radstars werden viele Stolpersteine in den Weg gelegt
Es gibt gewisse Erfahrungen, die man sich bei Paris – Roubaix besser erspart. Zum Beispiel in einem Kleinbus über eines der berüchtigten Pavés zu brettern, um ein Gespür dafür zu bekommen, was diesen Klassiker des Radsports ausmacht.
Rumpelt & pumpelt
Auf den Pavés, wie die teils kriminell gepflasterten Feldwege genannt werden, haben normal die Traktoren die Vorfahrt, mit einem Kleinbus hat man dort nichts verloren. Es rüttelt und schüttelt, es rumpelt und pumpelt, in den hinteren Reihen wünscht man sich einen Helm, so wild wird man bereits bei Tempo 25 herumgeworfen.
Wie, um alles in der Welt, kann man sich da auf Rennrädern mit ihren dünnen Reifen bloß im Sattel halten?
Holpriger Weg
Willkommen bei Paris – Roubaix, dem härtesten und prestigeträchtigsten Radrennen der Welt. Jeder Profi, der etwas auf sich hält, muss einmal durch die Hölle des Nordens gegangen sein, die heute ihre 123. Auflage erlebt.
Auf dem holprigen Weg von Paris nach Roubaix werden den Stars viele Pflastersteine in den Weg gelegt. 54,4 Kilometer lang ist die bucklige Welt , die Kopfsteinpflaster verteilen sich auf 30 Pavés mit einem Schwierigkeitsgrad von 1 Stern (moderat uneben) bis zu 5 Sternen (mörderisch uneben).
Die Fans zelebrieren das Radspektakel
Bistro im Freien
Die Pavés sind die Schlüsselstellen dieses Rennens. In diesen kritischen Passagen fällt fast immer die Entscheidung, dort ist aller Pflaster Anfang, dort gibt es jedes Jahr wilde Stürze, dort spielt es sich traditionell ab. Auch am Wegesrand und in den Feldern.
Schon in aller Herrgottsfrüh versammeln sich die Zuschauer an den kleinen Feldwegen. Lange vor dem Rennstart wird mit dem ersten Rotwein angestoßen, das illustre Bistro im Freien lässt fast keine kulinarischen Wünsche offen. So lässt es sich auch bei Wind und Regen aushalten.
Büffelherde auf Rädern
Sobald dann aus der Ferne die Hubschrauber der TV-Stationen zu hören sind und Dutzende Polizei-Motorräder als Vorhut der Radstars über das Pavé rasen, ist es vorbei mit der Beschaulichkeit.
Alles drängt sich dann am Rand der engen Feldwege, jeder will hautnah dabei sein, wenn das Feld mit einem Höllentempo vorbeibrettert, dass man sogar den Windzug spüren kann und einem dabei Hören und Sehen vergeht.
Die Fans drängen sich am Straßenrand
Vor allem, weil die Profis keinen großen Unterschied machen, ob es waschelnass ist oder staubtrocken. Sobald es regnet – und es regnet um diese Jahreszeit im Norden Frankreichs nicht selten – verwandeln sich die Pflastersteine in glitschige Stolpersteine, auf denen sich die Stars mit ihren Rädern wie auf rohen Eiern bewegen.
Ist es trocken, stürmen sie wie eine Herde Büffel über die Straßen und wirbeln viel Staub auf.
Breitere Reifen
Bei Paris – Roubaix stoßen aber nicht nur die Fahrer an ihre körperlichen Grenzen. Auch die Räder sind auf dem unruhigen Kopfsteinpflaster extremen Belastungen ausgesetzt. Früher sattelten die Profis um und holten für dieses eine Rennen Spezialräder mit Extrafederung und einem robusteren Rahmen aus der Garage.
Inzwischen schwören alle auf breitere Reifen, wobei der Experimentierfreude keine Grenzen gesetzt sind.
Bei seiner Premiere bei Paris - Roubaix kam Tadej Pogacar vor einem Jahr zu Sturz
Ort der Sehnsucht
Tadej Pogacar ist zum Beispiel einer, der nichts dem Zufall überlässt. Und auf Paris – Roubaix, dem letzten Klassiker, den der slowenische Seriensieger noch nicht gewonnen hat, bereitete er sich heuer besonders intensiv vor.
Gleich vier Mal fuhr Pogacar im Vorfeld die schwierigsten Pavés ab wie etwa den legendären Wald von Arenberg, einem von drei Sektoren der 5-Sterne-Kategorie. Auch heuer wurden wenige Tage vor dem Rennen in Arenberg wieder Dutzende Ziegen über den engen Weg geschickt, um das Gras von den Pflastersteinen abzuknabbern. Diese tierische Maßnahme soll Stürze und Unfälle verhindern.
Ziegen reinigen die Straße im Wald von Arenberg
Stolperstein
Wobei auf den knapp 260 Kilometer von Paris nach Roubaix eine Unachtsamkeit schnell passiert ist. Wer weiß das besser als Tadej Pogacar? Bei seiner Premiere im Vorjahr lenkte der Weltmeister bei einer Kurve falsch ein und musste vom Rad – damit war der Weg frei für den Niederländer Mathieu van der Poel.
Diesmal möchte Tadej Pogacar es sein, der sich bei einem Pavé aus dem Staub macht – um endlich das Gefühl auszukosten, das jeder Sieger des Klassikers hat.
Wie meinte doch gleich Sean Kelly, der irische Sieger von 1984 und 1986: „Paris – Roubaix ist ein schreckliches Rennen zu fahren, aber das schönste, das man gewinnen kann.“
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