Sport
19.04.2018

Müller-Wohlfahrt: "Ich bin geboren, um zu helfen"

Bekannt wie die Stars der Bayern und Deutschlands Nationalteam. Warum Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt unverzichtbar ist.

Seit 1975 ist er zur Stelle, wenn sich Deutschlands Kicker wehtun. Die Besten aller Sportarten schätzen seine gefühlvollen Hände. Müller-Wohlfahrt spricht. Auch – wenn er es eigentlich gar nicht wollte – über Widersacher Pep Guardiola. Seine Geschichte, seine Methoden und Praktiken hat er in einem Buch zusammengefasst.

KURIER: Ohne respektlos zu sein, fühlt man sich dabei an einen Wunderheiler erinnert. Was macht sie aus, die Art, an Ihre Patienten heranzugehen?

H.-W. Müller-Wohlfahrt: Der Patient kommt in mein Sprechzimmer, wird immer herzlich begrüßt – ich mache da keine Unterschiede. Dann bitte ich ihn, seine Leidensgeschichte zu schildern. Ich lasse ihm Zeit, unterbreche nicht. Danach bitte ich den Patienten, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, es folgt eine ganzkörperliche, anschließend die eingehende Untersuchung des Problembezirkes. Diesen kreise ich mit den Händen ein, indem ich meine ganze Konzentration in die Fingerkuppen lege und die Augen schließe, um alles um mich herum auszublenden. Ich will die Ursache der Beschwerden ertasten ...

... wenn aber das Problem ziemlich tief liegt ...

Dann lasse ich mich zunächst von den Umgebungsreaktionen leiten. Das heißt, liegt eine Blutung tief im Muskel, entsteht eine Wärmeabstrahlung oder aber es entwickelt sich bei strukturellen Muskelverletzungen eine vermehrte Anspannung in der Umgebung, um die Verletzung zu schützen. Das ist von der Natur so eingerichtet.

Und der Patient gibt Ihnen dabei Orientierungshilfe?

Nein, er soll mir nichts sagen, ich muss das selbst schaffen. Und schaffe ich es, hat der Patient – so hoffe ich – dann das Gefühl, hier ist jemand, der spürt mein Problem, der will es genau wissen. Nachdem ich glaube, die Diagnose gefunden zu haben, mache ich Therapievorschläge. In aller Regel sagt der Patient dann, ich solle machen, was ich für gut halte.

Auf dem Fußballfeld krümmt sich einer. Sie laufen hin, um ihn zu behandeln. Und zwar schnell. Wie funktioniert das?

Ich habe die Augen immer am Ball und am Spieler, der den Ball führt. Nichts lenkt mich ab, ich schaue nicht ins Publikum. Gibt mir der Schiedsrichter das Zeichen, zum Spieler zu kommen, rekapituliere ich im Laufen die Situation, frage dann den Spieler gezielt nach der Verletzungsregion ab und beginne sofort mit der Untersuchung. Es geht um Augenblicke. Die Erfahrung hilft, um schnell zu erkennen, kann er weiterspielen oder muss er ausgewechselt werden. Ein Knochenhautschmerz, zum Beispiel nach einem Schlag gegen das Schienbein, lässt den Spieler zwei, drei Minuten glauben, er hätte sich etwas gebrochen. Sein Vertrauen und die Autorität des Arztes sind entscheidend. Sagt er, „du kannst nach einer kurzen Behandlung weiterspielen“, dann ist es so.

Fußballer gelten als wehleidig, bleiben liegen, schinden Zeit, beeinflussen den Schiedsrichter, heißt es. Sie glauben , Simulanten sind selten geworden?

Ist es eine Bagatelle, erkennt das ein erfahrener Schiedsrichter sehr rasch und erlaubt dem Arzt nicht, das Spielfeld zu betreten. Ich glaube, dass man heutzutage vor den laufenden Kameras nicht mehr so leicht simulieren kann. In meiner Anfangszeit, in den Siebzigern, kam das häufiger vor. Die Jungs waren nicht so gut trainiert, nahmen sich auch mal eine Kunstpause. Ein Augenzwinkern bedeutete: Gib mir eine Minute, damit ich wieder richtig Luft holen kann. Das ist lange, lange her. Heute ist das undenkbar.

Der Fußball wurde immer schneller, die Anzahl der Spiele und damit die Belastungen höher. Sind die Körper den Anforderungen noch gewachsen?

Die Athletik hat sich enorm weiterentwickelt. Die Spieler sind wendiger, ausdauernder, spritziger, schneller, bewegen sich in Grenzbereichen, in denen sich der Körper schon mal wehrt und keine weitere Belastung zulässt. Bei Nichtachtung der physischen Leistungsgrenze sind Muskelverletzungen am häufigsten. Was mir besonders auffällt, ist, dass die Wirbelsäule immer mehr in den Blickpunkt gerät. Im Bereich der Lendenwirbelsäule liegt die Schaltzentrale für die Ansteuerung der Beinmuskulatur.

Also ist der Zenit erreicht?

Vor Jahren dachte ich mir bei den Sprintdisziplinen: Schneller geht es nun wirklich nicht mehr, wir sind am Limit. Dann kommt ein Usain Bolt und läuft die 100 Meter in 9,58 Sekunden. Und sein Trainer meint: Wenn Usain all das machen würde, was ich sage, so trainieren könnte, wie ich das wünschte, dann könnte er sogar unter 9,5 Sekunden laufen. Auch im Fußball kann keiner sicher sagen, wie es weitergeht. Ich glaube, wenn ich für den FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft spreche, besser kann man nicht trainieren. Die Spieler sind imstande, in entscheidenden Spielen ihr Leistungsoptimum abzurufen. Ein Noch mehr ist dann nicht möglich.

Usain Bolt ist Ihr besonderer Patient. Wenn Sie ihn abtasten, selbiges bei mir machen würden – wo ist der gravierende Unterschied?

Jeder Mensch hat eine Grundspannung in seiner Muskulatur. Bei einem Sprinter ist diese sehr, sehr viel höher als bei anderen Sportlern. Was für mich gleichbedeutend ist mit seiner Explosivität. Sprinter können ihre Muskeln schneller ansteuern, ihre Leistung blitzartig abrufen. Dafür kann der Sprinter aber keine langen Strecken laufen, würde viel früher ermüden, er kann theoretisch die 100 Meter laufen, ohne zu atmen. Untersuche ich Usains Beine, spüre ich zuerst die Haut. Sie ist papierdünn. Es gibt kaum ein Unterhautfettgewebe, er ist völlig austrainiert. Man gelangt mit den Fingerkuppen sofort an die Faszien und an die Muskulatur. Das Erstellen eines Muskelbefundes wird dadurch einfacher.

Sie sind als Sportmediziner bekannt wie kein anderer. Fühlen Sie sich als Star?

Ich habe solche Gedanken nicht, da wirkt die Erziehung meiner Eltern. Ich glaube, ich bin dazu geboren, um zu helfen und mich selbst zurückzunehmen. Ich fühle mich für meinen Beruf geeignet und berufen, übe ihn mit Freuden aus.

Warum haben Sie sich auf den Sport spezialisiert und nicht zum Beispiel auf anderen Gebieten gearbeitet? In Zeiten wie diesen gäbe es doch Handlungsbedarf für Ärzte in vielen Bereichen oder Krisengebieten.

Interessant, wenn Sie Krisengebiete ansprechen und „ Ärzte ohne Grenzen“, die dort arbeiten. Ich bewundere sie alle. Ich habe eine klare Vorstellung davon, was sie leisten. Sie haben für ihr Leben eine große und großartige Entscheidung getroffen. Tatsächlich habe ich auch schon an eine solche Tätigkeit gedacht, wie wäre es, wenn ... aber ich muss zugeben, ich komme von der Sportmedizin nicht los. Ich komme selbst vom Sport, habe selbst alle möglichen Verletzungen gehabt, kann mich gut einfühlen. Ich muss es so sehen: Ich darf diesen Traumjob machen.

Beim Test des Nationalteams gegen Brasilien waren Sie nicht dabei. Sie sagten, es gebe in Ihrer Praxis viel zu tun. Ist es nicht so, dass Sie auch ohne Ihre Praxis gut leben, mit Bayern und Team das Auslangen finden könnten?

lch brauche die Praxis, um zu üben, üben, üben. Das geht das ganze Berufsleben lang so. Ich muss den ganzen Tag mit den Händen arbeiten, um die Wahrnehmung immer wieder zu schulen. Andererseits: Meine Existenz und meine Sicherheit liegen in der Praxis, die Arbeit bei Bayern und der Nationalmannschaft sind eine ganz große Ehre für mich und erfüllen mich vollkommen. Aber Sie sehen ja, was passieren kann, wenn ein Trainer mich ablehnt, die Arbeit keinen Spaß mehr macht.

Sie wollten nicht viel darüber reden, sprechen es selbst an, die Sache mit Pep Guardiola, der Sie nicht akzeptieren wollte ...

Ich bin über 40 Jahre im Profifußball tätig. 1975 habe ich angefangen, bin zweigleisig gefahren, mit den Bayern, später mit der Nationalmannschaft, habe über 20 Trainer erlebt. Immer die Besten der Besten und war bei allen um ein gutes Verhältnis bemüht, habe alles dafür getan, dass man mich begreift, meine Gesinnung kennt. Es hat mit kleinen Ausnahmen immer geklappt. Dann kam Guardiola. Ich war anfangs begeistert, dachte wir werden ein zweites Barcelona. Leider hat er mich nicht verstanden, verstehen wollen. Eine Zusammenarbeit war nicht mehr möglich.

Wie denken Sie jetzt darüber?

Die Sache hat keine Narben hinterlassen. Guardiola ist vermutlich ein großer Fußballtrainer, aber mir hat sein Umgang mit Verletzungen nicht gepasst. Er will um jeden Preis den Erfolg. Den will ich auch, trage aber die Verantwortung für die Gesundheit der Spieler.

Sie sind 75 Jahre alt. Warum genießen Sie nicht schon längst Ihren Ruhestand?

Unvorstellbar. Ich habe einen Traumberuf, der mich nicht loslässt. Ich fühle mich geistig und körperlich allen mir gestellten Aufgaben gewachsen. Ich sehe, dass ich die notwendige Konzentration aufbringe, mit jeder Stresssituation gut umgehen kann. Nein, ich suche das Leben des gefragten Sportarztes geradezu. Es gibt genügend Anrufe aus dem Ausland, und ich weiß in der Sekunde: Ich will, ich muss hin. Ich liebe solche Momente. Außerdem kommt mein Sohn Kilian als Facharzt für Orthopädie voraussichtlich in einem Jahr in unsere Praxis. Ich möchte noch einige Zeit mit ihm Seite an Seite arbeiten. In der Praxis gibt es vier weitere junge Fachärzte, die die gleiche Gesinnung haben und mit denen ich mich blendend verstehe.

Könnte ich es mir überhaupt leisten, in Ihre Praxis zu kommen?

Es ist so, dass ich mich an die Gebührenordnung, also an den von der deutschen Ärztekammer vorgeschriebenen Gebührensatz halte. Der gilt für alle Orthopäden gleichermaßen. Wir halten uns streng daran und rechnen zum Beispiel nicht pauschal ab. In meiner Position dürfte ich so oder so absolut nichts falsch machen, mir nicht den kleinsten Fehler erlauben. Ich würde Gefahr laufen, sofort an den Pranger gestellt zu werden.

Also würde ich eher auf einer langen Warteliste landen?

Das ist wohl wahr.