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Sport Motorsport
07/13/2020

Spielberg-Desaster: Warum Ferrari in die Krise geschlittert ist

Formel-1-Analyse: Der wichtigste Rennstall steckt in einer tiefen Krise. Der Druck auf Teamchef Binotto wird immer größer.

von Florian Plavec

Ferrari ist in Italien Ersatzreligion. Doch der Glanz früherer Tage ist verblichen, die Scuderia ist in der Gunst der Tifosi und auch der Journalisten tief gesunken. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als auf dem Cover der Gazzetta dello Sport: Das Debakel von Spielberg ist in der Montag-Ausgabe nur klein zu sehen. Der Aufmacher der auflagenstärksten Sport-Tageszeitung des Landes ist das 2:2 zwischen Napoli und Milan.

Die Krise des wichtigsten und glanzvollsten Rennstalls der Formel 1 fand auf dem Red Bull Ring ihren vorläufigen Tiefpunkt. Dass die roten Renner mit den schnellsten Teams nicht mehr mithalten können, war schon vor dem Rennen klar. Dass sich die beiden Piloten aber schon in der dritten Kurve gegenseitig aus dem Rennen schießen, war schon große Kunst. Da hilft es auch nicht viel, dass Charles Leclerc danach die ganze Schuld auf sich genommen hat.

"Dieser Rennstall ist der HSV des Motorsports", schrieb die Bild-Zeitung. "Während die Hamburger seit Jahren im Fußball ein bedauerliches Bild abgeben, schafft Ferrari das zuverlässig in der Formel 1." Der Corriere dello Sport schreibt, was jeder schon weiß ("Krise im Hause Ferrari"), und L’Équipe sieht "die Scuderia in einem Tunnel, dessen Ausgang Tag für Tag in weiterer Ferne liegt".

Der letzte WM-Titel liegt schon 13 Jahre zurück (Kimi Räikkönen 2007), die aktuelle Misere von Ferrari begann spätestens im Vorjahr. Damals rückte das Team in den Fokus, weil es mit dem Motor getrickst hatte. "Wir alle wissen, dass schon letztes Jahr etwas nicht ganz gestimmt hat, als die FIA einen geheimen Deal gemacht hat", sagt Gerhard Berger, der sechs Jahre lang für Ferrari gefahren ist, im Podcast F1 Nation.

Berger ist skeptisch

"Wir wissen nicht genau, was sie damals gefunden haben, aber es wurde klargestellt, dass sie etwas Illegales gefunden haben." Nun scheint der Antrieb wieder dem Reglement zu entsprechen – und das Auto ist deutlich langsamer als im Vorjahr. Zum ersten Mal seit 2015 fuhr in Spielberg kein Auto mit Ferrari-Motor in die Punkteränge, also auch keines der Kundenteams Haas und Alfa Romeo. "Ferrari", sagt Berger, "hat einen langen Weg vor sich, um wieder konkurrenzfähig zu werden."

Ferrari ist eine Legende. Als einziges Team ist es seit Einführung der Formel 1 im Jahr 1950 durchgehend dabei. Ausgerechnet beim Rennen auf der hauseigenen Strecke in Mugello wird Ferrari am 13. September das 1000. Mal bei einem Formel-1-Rennen antreten. Abgesehen davon wird es aber nicht viel zu feiern geben.

Dabei war das Team heuer als Mitfavorit auf den WM-Titel angetreten; schon nach zwei Runden muss man aber erkennen, dass man nur noch im Mittelfeld mitfahren kann. In der WM liegt Ferrari jetzt auf Rang fünf von zehn Teams. Da gehört die Scuderia auch hin. McLaren ist klar vorbeigezogen, und auch Racing Point scheint phasenweise stärker zu sein. Mercedes und Red Bull fahren sowieso vorne auf und davon.

Dazu kommt, dass Teamchef Mattia Binotto und seine Mannschaft nach außen hin oft unglücklich auftreten. So musste Sebastian Vettel nach langen Spekulationen selbst verkünden, dass ihn Ferrari ab 2021 nicht mehr haben wollte.

Der Chef ist unter Druck

Vettel dürfte dadurch bei den Tifosi wieder ein paar Sympathien gewonnen haben. Eng wird es hingegen für den 50-jährigen Mattia Binotto. Bei einem Fußballklub wäre der Trainerwechsel nach der Negativserie längst vollzogen.

Möglicherweise ist Binotto mit seinen Aufgaben beim ruhmreichsten Team überfordert: Er hat bei Ferrari sowohl technische, politische als auch strategische Verantwortung. Bei anderen Teams sind diese Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Bei Red Bull ist etwa Christian Horner Teamchef, Adrian Newey das Technik-Genie und Helmut Marko der erfahrene Motorsport-Fachmann.

Gut möglich, dass Binotto noch heuer gehen muss. Oder es wird ihm ein zweiter starker Mann zur Seite gestellt.

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