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Sport Motorsport
06/30/2020

Toto Wolff: "In Österreich sind wir in einem Land der Seligen"

Der Motorsportchef von Mercedes spricht über Rassismus, Frauenquoten und das Gesundheitssystem in Österreich.

von Florian Plavec

Mit mehr als drei Monaten Verspätung startet am Sonntag in Spielberg die Formel 1 in die Saison. Thema ist nicht nur der Umgang mit Corona oder der Sport, sondern auch die Diskussion um die „Black Lives Matter“-Bewegung, für die sich vor allem der sechsfache Weltmeister Lewis Hamilton stark macht.  Nun hat sein Mercedes-Team ein Zeichen gesetzt. Der Silberpfeil wird die gesamte Saison mit einer schwarzen Lackierung unterwegs sein. Motorsportchef Toto Wolff erklärte in Wien, dass die Aktion viel mehr als ein PR-Gag sein soll. Der 48-Jährige sprach über ...

... den schwarzen Silberpfeil: Wir wollen als Team ein Zeichen zum Thema  Diskriminierung und gegen Rassismus setzen und uns für Gender diversity und Minderheiten einsetzen. Ein Silberpfeil war bis jetzt immer Silber. Wir wollen den Anstoß geben, damit wir mehr nachdenken.

... die Hintergründe: In unserem Team haben wir nur drei Prozent ethnischer Minderheiten angestellt und nur zwölf Prozent Frauen. Das wollen wir in den nächsten Jahren mit ganz klar strukturierten Programmen verändern. Wir werden nicht nur auf die typischen Top-Unis gehen, sondern auch in jene, wo die Besten aus anderen sozialen Hintergründen studieren. Es gibt zu viel Talent, dem die Tür zur Formel 1 verschlossen bleibt. Damit wollen wir die Vielfalt im Team erhöhen, auch, weil wir glauben, dass es natürlich ein Performance-Faktor ist. Je mehr  unterschiedliche  Perspektiven und Meinungen, desto mehr Ideen und mehr Performance.

... Quoten: Niemand will in eine Quote hineinfallen. Wir wollen keine Quote, wir wollen Ziele und mehr Vielfalt.

... Lewis Hamilton: Lewis ist sehr aktiv in „Black Lives Matter“. Wir haben uns dazu immer wieder abgestimmt, was wir zum Thema tun können. Vor einem Monat hat er mich angerufen und gesagt: „Zwei Postings dazu zu machen, ist nicht genug.“ Wir beide haben dann die Idee mit dem schwarzen Auto geboren. Diese Idee haben wir dann mit den Sponsoren und dem Daimler-Vorstand abgesprochen. Alle haben die Idee unterstützt. Es reicht nicht, die richtige Einstellung zu haben, wenn man still bleibt.

... Rassismus: Es geht um den Anstoß, um das Nachdenken. Lewis hat mich gefragt: „Wie oft hast du dich schon wegen deiner Hautfarbe diskriminiert gefühlt? Wie oft hast du schon über deine Hautfarbe nachgedacht?“ Die Antwort der meisten von uns wird wohl sein: „Selten, oder gar nicht.“ Wenn man die Perspektive ändert, kann das schon sehr bedrückend sein.

... seine Frau, Susie Wolff, Teamchefin in der Formel E und  Ex-Rennfahrerin: Ich bekomme das bei der Susie jeden Tag mit. Mich hat noch nie jemand gefragt, wie ich meine Vaterschaft mit dem Job verbinden kann. Susie bekommt diese Frage immer sofort gestellt. Es geht nicht nur um offensichtliche Diskriminierung, auch um die subtile.

... den Auftakt in Spielberg: Es hat sich unglaublich viel für uns alle verändert. (Formel-1-Chef; Anm.) Chase Carey kämpft um einen Kalender, um auf mindestens 15 Rennen zu kommen. Es geht in dieser Saison vor allem für die kleinen Teams ums Überleben. Die großen Teams haben alle garantierte Auszahlungen, die historisch bedingt sind. Ich glaube, die Zuschauerzahlen werden hoch sein, über welche Kanäle auch immer.

... die Herausforderungen: Wir arbeiten seit Anfang Mai wieder am Auto und haben schon Aero-Updates. Mir taugt diese Herausforderung. Die Formel 1 ist komplett datengesteuert und alles wird simuliert. Und trotzdem haben wir keine Ahnung, wie es laufen wird. Es geht jetzt um die Anpassungsfähigkeit von Rennen zu Rennen, das ist Freestyle.

... die Corona-Auflagen: Die Teams sind in unterschiedlichen Hotels, fahren getrennt auf die Rennstrecke. Wir werden alle fünf Tage getestet. Die Fahrer und ich werden nicht einmal die Rennstrecke verlassen, weil wir in Motorhomes schlafen werden. Das Team wurde deutlich reduziert auf  65 Personen. Sportliche Einschränkungen gibt es aber nicht.

... England: Dort wütet das Virus immer noch. Es ist kein Restaurant offen, keine Schule, keine Uni, die Straßen sind menschenleer. In unserer Fabrik arbeitet nur ein Drittel der Belegschaft. Dort ist die Angst groß. In Österreich gibt es immer wieder Kritik an der Regierung, dass etwa die Auszahlungen der Kurzarbeitsgelder nicht schnell genug erfolgen. Aber in Österreich sind wir wirklich in einem Land der Seeligen. Die Maßnahmen, die am Anfang ergriffen wurden, das hervorragende Gesundheitswesen ... dass wir jetzt wieder ein normales gesellschaftliches Leben führen, ist mir erst klar geworden, als ich wieder in England war.

Covid-19-Tests: Ich bin viel unterwegs und mache jede Woche einen Covid-Test. Das Staberl wurde mir schon öfters bis ins Kleinhirn reingeschoben. Ich habe gar nicht gewusst, dass das so weit reingeht.