Sport | Motorsport
10.03.2018

Mercedes-Boss Wolff: "Ruhm bedeutet mir nichts"

Der Wiener Toto Wolff ist einer der erfolgreichsten Teamchefs in der Geschichte der Formel 1.

Der Boss hat genug gesehen: Die letzten beiden Testtage der Formel-1-Saison hat Mercedes-Teamchef Toto Wolff ausgelassen. Trotz Ferrari-Bestzeiten wird der Titelverteidiger als Favorit zum Saisonstart nach Melbourne reisen (25. März). Nach Auswertung aller Daten (Spritmenge, Reifenwahl) lautet im Fahrerlager die inoffizielle Reihung: Mercedes liegt knapp vor Red Bull, dahinter kommt erst Ferrari.

KURIER: Herr Wolff, ist die Anspannung heuer vor Saisonstart sogar ein wenig geringer, weil das Reglement einigermaßen stabil geblieben ist?

Toto Wolff: Skepsis schwingt immer mit. Mir ist wichtig, dass alle 1500 Mitarbeiter verstehen und verinnerlichen, dass wir wieder mit null WM-Punkten beginnen. Aber eines will ich jetzt auch nicht mit aller Gewalt.

Was denn?

Ich möchte nicht rüberkommen wie ein Streber, der nach einer perfekten Schularbeit sagt, wie schlecht er doch war. Davon habe ich jede Menge in meiner Schule gehabt, und die habe ich damals zum Kotzen gefunden, weil ich oft nur mit Müh und Not bestanden habe. Aber in so einem hochkompetitiven Umfeld wie der Formel 1 musst du dich jedes Jahr aufs Neue infrage stellen.

Was haben Sie gelernt?

Die Tage der Niederlagen wirken viel länger und stärker nach als die Momente des Erfolgs. Niederlagen holen dich brutal schnell wieder mit beiden Füßen auf den Boden. Man sagt nicht umsonst: Erfolg ist ein lausiger Lehrer. Skepsis ist wichtig.

Klingt aber nicht gerade lustig.

Klar macht diese Einstellung das Leben nicht einfacher. Aber sie sorgt dafür, dass du deine Leistung maximierst.

Sind Sie ein negativer Mensch?

Negativ ist das falsche Wort. Ich bin aber eher der Glas-halb-leer-Typ.

Wie geht Ihr Umfeld damit um?

Ich gehe den Menschen in meiner Nähe schon ein wenig auf die Nerven damit, am meisten meiner Frau und meinen Kindern. In der Firma ist es einfacher, weil viele eine ähnliche Einstellung zur Arbeit und zum Leben haben. Ein interessanter Moment war diesbezüglich heuer ein Führungskräfteseminar.

Was ist passiert?

Ich habe den Termin damit begonnen, dass ich aus einem Lexikon vorgelesen habe, wie "Perfektionist" definiert wird. Da ist zu lesen: Versucht immer wieder neue Leistungslevel zu erreichen; ist der größte Selbstkritiker; ist mit dem Erreichten nie zufrieden. Das Interessante war, dass sich fast alle der Führungskräfte wiedererkannt haben. Wir sind alle auf irgendeine Weise Freaks.

Ihr Pilot Lewis Hamilton strebt nach seinem fünften WM-Titel. Erkennen Sie überhaupt noch Schwächen bei ihm?

Es gibt da nicht wirklich etwas Markantes. Seine Schwächen sind auf gewisse Weise auch seine Stärken: Das Hadern nach Niederlagen, die Emotionalität, wenn es nicht läuft, das treibt ihn an. Er zählt zu jenen Menschen, die aufgrund ihres Perfektionismus nicht den einfachsten Alltag haben. Für mich ist er der Größte seiner Generation.

Was erwarten Sie im zweiten Jahr von Eigentümer Liberty?

Ich erwarte, dass wir als Rennserie vorankommen. Alle Teams und Motorenhersteller haben ihre Vorstellungen abgegeben. Die Purität an der Formel 1 sollte durch das Entertainment nicht verwässert werden. Sport muss unterhalten, aber wir sollten nicht zu einem Hollywood-Spektakel verkommen. Mercedes hat eine ganz klare Linie.

Wie sieht die aus?

Wir bauen Straßenautos und Rennautos. Und wir werden die Rennautos in jener Serie einsetzen, die die größte Ausstrahlung hat. Was das betrifft, ist die Formel 1 im Moment weit vorne.

Droht Gefahr von der Formel E, in die Mercedes demnächst auch einsteigen wird?

Die Formel E ist ein Start-up wie Car2Go, das Leihauto-Programm in Städten. Das macht Daimler parallel zu Mercedes, weil es gemeinsam ein sinnvolles Ganzes ergibt. Die Formel E ist für eine Ergänzung am anderen Ende des Motorsportspektrums.

Für viele Motorsportfans ist der Unterhaltungsfaktor in anderen Rennserie höher als in der Formel 1. Können Sie das nachvollziehen?

Es heißt Motorsport. Deshalb muss an erster Stelle immer der Sport stehen. Erst danach kommt die Unterhaltung. Aber mir ist schon bewusst, dass es nicht ideal ist, wenn ein Team vier Jahre in Serie gewinnt.

Sie haben kürzlich den Laureus-Award, eine Art Sport-Oscar, für das Team des Jahres entgegengenommen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich habe diese Auszeichnung stellvertretend für die 1500 Mitarbeiter entgegengenommen. Es wäre mir peinlich, diese Lorbeeren alleine zu ernten.

Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Ganz ehrlich: nichts. Es geht nur darum, dass ich meine eigenen Erwartungen erfülle. Erst wenn ich eines Tages damit aufhöre, wird man zurückblicken und meine Leistung einschätzen können. Für mich gilt: Bewerte den Erfolg eines Menschen erst dann, wenn er tot ist.

Kann ein Perfektionist wie Sie ruhig einschlafen?

Eher nicht. Ich denke 24 Stunden am Tag über Motorsport nach.

Klingt anstrengend.

Gar nicht. Es macht einen Riesen-Spaß. Was mich mitnimmt, ist das Reisen. Sollte ich das alles eines Tages als Beruf empfinden, würde ich es sofort bleiben lassen.