Niki Lauda im Gespr├Ąch mit Lewis Hamilton.

┬ę REUTERS/BRANDON MALONE

Motorsport
03/19/2016

Formel 1: Heftige Kritik am neuen Qualifying-Format

"Das war ein Griff ins Klo", sagt der Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzende Niki Lauda.

Die ohnehin schon waidwunde Formel 1 hat sich wie bef├╝rchtet gleich zum Saisonauftakt ins Knie geschossen. Die neue K.o.-Qualifikation brachte zwar mit Lewis Hamilton vor Nico Rosberg das erwartete Mercedes-Double in Reihe eins, geriet im Finish aber zur Farce ohne Auto auf der Strecke. "Sofort wieder ├Ąndern", forderte Niki Lauda, Christian Horner von Red Bull entschuldigte sich bei den Fans.

Zum Formel-1-Saisonstart-Quiz

Der Flop von Melbourne war ein Fauxpas mit Anlauf. Denn schon im Vorfeld war das neue Knockout-Format, mit dem man eine Durchmischung des Starterfeldes sowie ein finales Duell um die Pole Position erreichen wollte, kritisiert worden. Es kam dann am Samstag in Melbourne, wie es bef├╝rchtet worden war.

Verliefen die ersten zwei Qualifikationsabschnitte noch relativ unaufgeregt und wegen anfangs fehlender Countdown-Uhren un├╝bersichtlich, drehten auch im Q3 die meisten Piloten vorzeitig ab. Entweder weil sie keine Chance auf Verbesserung sahen oder wie der am Ende drittplatzierte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel Reifen schonen wollten.

Schlussphase ohne Autos

Statt Hochspannung war in den letzten vier Minuten deshalb kein Auto mehr auf der Piste. Die Zuschauer auf den Trib├╝nen waren verwirrt, selbst in der Boxengasse herrschte Durcheinander. Vettel ging zu Fu├č zur Pressekonferenz, weil er nicht mit einem Mercedes mitfahren wollte.

"Das einzig Gute heute ist, dass Mercedes in der ersten Reihe steht. Der Rest war einfach nur Wahnsinn", sah sich Lauda in seiner Vorab-Kritik best├Ątigt. "So etwas hat noch keiner geschafft", sch├╝ttelte der dreifache Weltmeister den Kopf. "Wir bitten am Sonntag die Teamchefs zu uns, um zu versuchen, dieses Reglement noch vor Bahrain sofort wieder zur├╝ck zu ├Ąndern. Wenn man einen so bl├Âden Fehler macht, muss man ihn sofort korrigieren."

In der Tat hatte das neue und nicht sehr durchdachte System es nicht einmal geschafft, eine ├ťberraschung zu produzieren. Dass Daniil Kwjat schon in Q1 scheiterte, nahm Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko auf die Kappe des Teams. "Unser Fehler, wir waren um Sekunden zu sp├Ąt dran", erkl├Ąrte der ├ľsterreicher.

In den Top-Acht blieben die erhofften Sensationen aus. Weltmeister Hamilton schaffte seine bereits 50. Pole Position problemlos, weil Rosberg einen Fehler einbaute und beim letzten Versuch nicht schnell genug war. So war auch dieses "Duell" lediglich ein Schattenboxen ohne Entscheidungsrunde.

Vettel optimistisch

Als nach fast vier aktionslosen Schlussminuten die karierte Flagge ├╝ber einer leeren Strecke geschwenkt wurde, war Vettel schon umgezogen f├╝r den verfr├╝hten Feierabend. "Ich habe erwartet, dass es so kommt. Trotzdem war es komisch, am Ende nicht mehr drau├čen zu sein, wenn die Strecke eigentlich besser ist", sagte der Deutsche nach der Qualifikations-Posse.

Vettel ist aber ├╝berzeugt, Mercedes am Sonntag fordern zu k├Ânnen. "Wir sind n├Ąher dran, und es ergeben sich im Rennen immer Chancen, auf die werden wir lauern", sagte der 28-J├Ąhrige. "Das Rennen ist lang, das Jahr ist lang", betonte der Ferrari-Pilot.

Hamilton und Rosberg d├╝rften aber noch etwas im K├Âcher haben, beide "verneigten" sich vor allem vor dem neuen Silberpfeil. "Es ist nicht selbstverst├Ąndlich, dass man als ├╝berlegenes Team nicht satt wird, sondern im dritten Jahr ein noch besseres Auto baut", erkl├Ąrte Rosberg, dass auch der aktuelle Bolide ein Kracher ist.

In dieselbe Kerbe hieb Hamilton. "Hut ab. Was sie getan haben, um das Auto nochmals zu verbessern, das motiviert mich. Da waren richtig sexy Runden dabei", jubelte der 31-J├Ąhrige. Zur Quali meinte er: "Wir haben immer gesagt, dass das nicht der richtige Weg ist."

50. Pole f├╝r Hamilton

F├╝r den Titelverteidiger war es nicht nur die insgesamt 50. Pole (nur er, Ayrton Senna und Michael Schumacher haben 50 und mehr), sondern auch bereits die f├╝nfte in Melbourne, wo er 2008 und 2015 gewonnen hat und in beiden Jahren Weltmeister geworden ist.

Schaffen die Silberpfeile am Sonntag (6.00 Uhr MEZ, live ORF 1, RTL, Sky) einen Doppelsieg, steigen Hamiltons Chancen auf den vierten Titel zumindest auf dem Papier weiter. Immer wenn einem Team im Albert Park ein Double gelungen ist, wurde der Sieger in diesem Jahr auch Champion.

Die gr├Â├čte Gefahr sieht Hamilton in einem anderen Teil des Reglements, n├Ąmlich dem abgespeckten Funkverkehr. "Ich habe viel Arbeit vor mir, muss mich auf alle Eventualit├Ąten vorbereiten", erkl├Ąrte er den Samstagabend deshalb zur Nachtschicht.

Sein Motorsportdirektor Toto Wolff fl├╝chtete zun├Ąchst in Ironie. "Ist es schon aus?", scherzte er vor dem ORF-Interview, sprach dann aber auch Klartext bez├╝glich Qualifikationsmodus. "Das ist eine Verschlimm-Besserung, die wir uns da ausgedacht haben", meinte der Wiener. "Jetzt hei├čt es wieder zur Normalit├Ąt zur├╝ckkehren."

Lauda: "Das war ein Griff ins Klo"

Niki Lauda (Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzender): "Ein Wahnsinn. Ich wusste nicht einmal, wann es aus war und ich Toto auf den R├╝cken hauen kann. Vettel war schon umgezogen, als es aus war. Man muss auf den Sport und die Zuschauer aufpassen. Das muss ├╝ber Nacht ge├Ąndert werden. Das war ein Griff ins Klo. Wir bitten am Sonntag die Teamchefs zu uns, um zu versuchen, dieses Reglement noch vor Bahrain sofort wieder zur├╝ck zu ├Ąndern. Wenn man einen so bl├Âden Fehler macht, muss man ihn sofort korrigieren."

Toto Wolff (Mercedes-Motorsportdirektor): "Ich sage ganz klar, dass wir den Sport nicht schlechtreden d├╝rfen. Aber wenn man die Beweise vor Augen hat, darf man sie nicht davor verschlie├čen ... Das neue Format ist ziemlicher M├╝ll. Es ist viel zu kompliziert zu verfolgen und ein Reinfall am Ende, wenn niemand f├Ąhrt. .... So viel ist klar: Wir wollten auf die Veranstalter h├Âren, die sich eine Ver├Ąnderung w├╝nschten. Aber meine pers├Ânliche Meinung ist, dass wir die falsche L├Âsung gefunden haben, und wir m├╝ssen sorgf├Ąltig dar├╝ber nachdenken, was wir jetzt machen."

Christian Horner (Teamchef Red Bull Racing): "Zu allererst sollten wir uns entschuldigen. Die Absichten waren vielleicht gut, aber wir haben uns da vertan. Wir m├╝ssen uns dieser Sache gleich annehmen. Was wir heute gesehen haben, war nicht gut f├╝r die Formel 1."

Helmut Marko (Motorsportdirektor Red Bull): "So etwas Fades und Destruktives. Wie hat man sich so etwas einfallen lassen k├Ânnen? Es war ja ein Gl├╝ck, dass Nico Rosberg im Finish hinten war, sonst w├Ąren die beiden Mercedes auch nicht mehr rausgefahren. Dieses Format wurde uns aufgedr├Ąngt. Der Gegenvorschlag war eine gekippte Aufstellung mit dem Sieger als Zehntem, es war also das geringere ├ťbel."

Nico Rosberg (Mercedes-Pilot): "Es ist gut, dass die Formel 1 etwas versucht, aber das ist nicht der richtige Weg. Wir sollten zum alten System zur├╝ckkehren."

Lewis Hamilton (Mercedes-Pilot/Weltmeister): "Wir haben von Anfang an gesagt, dass das nicht der richtige Weg ist. Prinzipiell ist es gut, etwas Neues auszuprobieren. Aber das jetzt war Versuch und Irrtum."

Sebastian Vettel (Ferrari-Pilot): "Ich verstehe nicht, warum jetzt jeder ├╝berrascht tut. Wir alle haben immer gesagt, was passieren wird. Die, die jetzt gro├č reden, sind vielleicht verantwortlich daf├╝r, dass wir dieses Qualifying jetzt haben. Das ist sicher nicht der richtige Weg. Wenn man was Neues probiert, sollte man sich erst ├╝berlegen, ob es wirklich Sinn macht."

Fahrer, Strecken, Rekorde

Verf├╝hrerischer Luxus

Leicht macht es die Formel 1 ihren Fans nicht, zu ihr zu stehen. Anstatt dem Saisonstart in Australien entgegenzufiebern, werden sich einige nach der Farce in der Qualifikation (mehr dazu hier) bereits wieder abgewendet haben.

Einen neuen Modus einzuf├╝hren, ohne diesen vorab auf den Pr├╝fstand zu stellen (etwa in einer der zahlreichen unteren Rennklassen), erwartet man vielleicht noch beim Tischfu├čball-Turnier im Kleingartenverein, nicht aber bei einer der weltgr├Â├čten Sportveranstaltungen, deren Umsatz im Gesch├Ąftsjahr 2014 auf 1,6 Milliarden Euro angestiegen ist.

Nachvollziehbarer wirkt pl├Âtzlich das Z├Âgern und Abw├Ągen der Fu├čball-Regelh├╝ter, die den Videobeweis behutsam und geordnet in den Volkssport integrieren. Das gro├če Ganze im Blick zu behalten ist eine Kunst, die die detailbesessene Formel 1 verlernt zu haben scheint. Dass das zwangsl├Ąufig nicht an der permanenten Geschwindigkeit des Motorsports liegt, beweist die Motorrad-WM. Die beginnende MotoGP-Saison verspricht das nahezu Unm├Âgliche: noch besser zu werden als im Vorjahr.

Im Mittelpunkt steht dort der Kampf Mann gegen Mann, Rad an Rad, Auge in Auge, die Gefahr als st├Ąndiger Beifahrer. All das sind Spannungselemente, die nicht viele Sportarten automatisch zur Verf├╝gung haben, um zu verf├╝hren.

Auch die Formel 1 verf├╝gt ├╝ber diesen seltenen Luxus ÔÇô doch sie wei├č ihn nicht zu nutzen.

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