Sport
26.11.2017

Die dunkle Seite des Sports

Es gibt es im Leistungssport auch eine dunkle Seite der glänzenden Medaille.  © Bild: mel-nik/istockphoto

Missbrauch, psychische Störungen, Doping und nicht erkannte Verletzungen - die Risiken im Leistungssport sind vor allem bei Kindern und Jugendlichen vielfältig. Experten machten diese Problemfelder nun zum Thema.

"Jeder wusste über solche Vorfälle Bescheid, doch niemand tat etwas dagegen, da man dachte, das sei normal." Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg sorgte am vergangenen Montag mit ihren Berichten über sexuellen Missbrauch im ÖSV in den 70er-Jahren für Aufregung. Nachdem Werdenigg damit an die Öffentlichkeit gegangen war, brach auch eine zweite Ex-Skirennläuferin, die anonym bleiben will, ihr Schweigen. "Wir waren ja Freiwild", sagt sie und beschrieb eine versuchte Vergewaltigung durch einen ihrer Trainer.

Nicola Spiess, spätere Nicola Werdenigg © Bild: KURIER/Wilhelm Schraml
Die aktuellen Ereignisse zeigen: Es gibt es im Leistungssport auch eine dunkle Seite der glänzenden Medaille. Dabei handelt es sich nicht nicht nur um sexuellen Missbrauch: Depressionen, Essstörungen, Doping und nicht erkannte Schädel-Hirn-Traumata sind die Schattenseiten, mit denen sich Experten nun bei einer Tagung an der Medizinischen Universität Wien auseinandergesetzt haben.

Trainer als Identifikationsfigur: Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen.

Sexueller Missbrauch und damit verbunden Macht und Machtmissbrauch werden im Leistungssport noch immer totgeschwiegen, wie die jüngsten Fälle zeigen. Dabei sind sie keineswegs die Ausnahme. Laut der deutschen Studie "SafeSport" von 2016 hat ein Drittel der befragten Leistungssportler schon einmal Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht. Experten gehen davon aus, dass hierzulande das Ergebnis ähnlich sein könnte. Das EU-Projekt VOICE will Betroffenen nun Mut machen, ihr Schweigen zu brechen. Anlaufstelle in Österreich für Opfer sexueller Gewalt im Sport ist der Verein "100 Prozent Sport".

Wie können Kinder und Jugendliche geschützt werden? "Eine Vertrauensperson im Verein wäre wichtig. jemand, dem alle glauben, dass er objektiv ist", sagt Andreas Kletečka, Rechtswissenschaftler an der Uni Salzburg. Einen Kinderschutzbeauftragten außerhalb der Verbände, wie es in Großbritannien der Fall ist, hält er für nicht sinnvoll. "Kinder wollen das im Verein lassen und fürchten, sonst ausgeschlossen zu werden."

Doping: "Burschen, wenn ihr mehr wollt, müssen wir nachhelfen."

"Es war gang und gäbe, dass man an uns herangetreten ist. ‚Burschen, wenn ihr mehr wollt, müssen wir nachhelfen‘, hieß es. Mit 15 Jahren habe ich jeden Sonntag hochdosiertes Vitamin B12 gespritzt bekommen, die einfachste und legale Form von EPO", sagt ein ehemaliger österreichischer Staatsmeister im Mittel- und Langstreckenlauf der anonym bleiben will. "Es gibt viele Sportarten, bei denen das Kindeswohl durch ehrgeizige Pläne aus dem Umfeld verdrängt wird", sagt Rechtswissenschaftler Kletečka. Hinter Doping stecke immer ein System, an dem alle mitwirken, sagt der Ex-Profiläufer. Dagegen anzukämpfen, sei schwierig.

Bis an die Grenzen: "Wir haben moderne Gladiatorenkämpfe.""Die Verletzungsgefahr und infolge dessen auch die Todesgefahr, die nicht ausgeschlossen werden kann, wird häufig unterschätzt. Vor allem Kopfverletzungen beim Fußball sind ein großes Thema", weiß Andreas Kletečka. Bei einer Gehirnerschütterung müsse der Spieler sofort ruhiggestellt und vom Platz genommen werden, das sei aber nicht immer der Fall. "Wir haben moderne Gladiatorenkämpfe, und es schauen alle zu. Es gab schon Spieler, die sich aufgrund einer Gehirnerschütterung durch einen Kopfball später gar nicht mehr erinnern konnten, dass sie überhaupt gespielt haben." Der Jurist appelliert an die Verbände, manche Regeln zu überdenken. "Beispielsweise muss der Ausschuss vom Tormann beim Fußball oft mit dem Kopf angenommen werden. Das ist aber eine Situation, die besonders gefährlich ist."

Generell habe der Verein vor allem bei Kindern Schutz- und Sorgfaltspflichten: "Körperliche Grenzen, der Erschöpfungsgrad oder wenn ein Athlet unter ein bestimmtes Gewicht fällt, dürfen nicht ignoriert werden."

Depressionen und Essstörungen bis hin zum Suizid.

Depressionen seien laut Psychiaterin Sabine Völkl-Kernstock von der Uni Wien die häufigsten psychischen Störungen im Leistungssport. "Kinder sind bewegungs- und leistungsfreudig. Ein gewisser Druck kann also durchaus positiv besetzt sein. Wichtig ist, dass Trainer sich nicht nur im Sport gut auskennen, sondern auch menschliche Führungsqualitäten haben und dem Kind den Umgang mit Niederlagen beibringen können." Dazu kommt in vielen Sportarten der Druck, möglichst dünn sein zu müssen. Gerade Athletinnen laufen leicht Gefahr, ihren Körper zu schädigen, indem sie viel trainieren und gleichzeitig zu wenig essen.

ABD0076_20171108 - INNSBRUCK - ÖSTERREICH: Gregor Schlierenzauer (AUT) anlässlich eines Foto- und PK-Termin des ÖSV-Skisprung Te… © Bild: APA/EXPA/JFK
Ein prominenter Athlet, der auch die dunkle Seite des Leistungssports kennengelernt hat, ist Gregor Schlierenzauer. "Wenn man erfolgreich ist, sind sehr viele da, sehr viele Schulterklopfer. Wenn es ein bisschen schwieriger ist, in mehreren Phasen, ist eigentlich fast immer nur eine Handvoll da." In der Dokumentation "Weitergehen" gewährt er den Zusehern Einblick in sein Seelenleben als Skispringer, der mit 16 Jahren alles erreicht hat und schließlich in einem tiefen Fall auf dem harten Boden einer Sinnkrise gelandet ist. "Was ich erleben durfte, ist so gewaltig, dass ich nur dankbar sein kann. Mit dem Wissen von heute würde ich natürlich Dinge anders machen", sagt Schlierenzauer. "Aber wer würde das nicht?"