Lebenswandel

Mike Tyson: Möhrchen statt Öhrchen

Die ehemalige Schwergewichts-Skandalnudel streift ihr Image ab: „Ich bedaure es, nur an Geld, Sex, Frauen, Drogen und Ruhm gedacht zu haben.“

von Harald Eggenberger

04/17/2013, 04:52 PM

Mike Tyson hat abgenommen – und zwar nicht wenig: Satte 45 Kilogramm habe er verloren, seit er vor drei Jahren Veganer geworden ist, ließ er in einer Serie von Interviews mit US-Medien, unter anderen Oprah Winfrey und Ellen DeGeneres, wissen. Bleiben nur noch etwa 100 Kilo. Nach dem Ende seiner Karriere habe er mit lebensbedrohlichen Gesundheitsproblemen zu kämpfen gehabt, erzählte die 46-jährige Box-Legende, die 1986 zum jüngsten Schwergewichts-Weltmeister avanciert war. Er sei schlimm dran gewesen nach "all den Drogen" und habe "kaum atmen" können: "Ich hatte Bluthochdruck, Arthritis, wäre fast gestorben." Meinte er vor seinem letzten Fight 2005 noch, sein Leben sei eine Verschwendung gewesen, so wirkt Tyson mittlerweile mit sich zufrieden, und sein Temperament geht nur noch in Ansätzen mit ihm durch.

"Ich war ein totales Wrack. Ich war übergewichtig. Ich war ein Schwein", sagte der einstige Haudrauf vor einigen Monaten über seine Zeit vor 2010. Dann fand er ein wirksames Mittel gegen seine physischen und psychischen Probleme: Er wurde Veganer. Der Mann, der 1997 seinem Konkurrenten um die Weltmeisterschaft Evander Holyfield einen Teil des rechten Ohres abgebissen hat, mag heute kein Fleisch mehr. Und natürlich auch keine anderen tierischen Produkte wie Milch, Eier oder Honig. Schon im Sommer 2010 zeigte sich der Ex-Champ von seiner Ernährungsumstellung begeistert: „Ich fühle regelrechte Energie-Explosionen. Ich weiß nicht, wie lange das dauern wird, aber es ist ein Wahnsinn. Wenn ich zuletzt auch nur das kleinste Stückchen Fleisch gegessen habe, wachte ich am nächsten Morgen ernsthaft krank auf. Ich habe erkannt, dass Fleisch für mich ein Gift geworden ist.“

Drama King

Bereits damals deutete der ehemalige Bad Boy an, dass er ein größeres Ziel vor Augen hat: „Ich will die ständigen Dramen aus meinem Leben verbannen.“ Die Diät habe ihm auch tatsächlich geholfen, sein Leben besser in den Griff zu bekommen, bekräftigte er jetzt. Letztlich habe sie ihm sogar das Leben gerettet: "Vegan zu werden hat mir eine Chance gegeben, ein gesundes Leben zu führen." Tyson gibt sich geläutert, quasi als der nette Boxer von nebenan: Er sei nicht mehr "auf Drogen, nicht auf der Straße oder in Clubs unterwegs. Alles, was ich jetzt mache, ist rund um die Entwicklung meines Lebens und meiner Familie strukturiert", so der mehrfach vorbestrafte Tyson, der von 1992 bis 1995 wegen Vergewaltigung und 1999 wegen Körperverletzung eingesessen war.

Die Undiszipliniertheiten, die die Karriere von „Iron Mike“ bei all seinen Erfolgen immer mitgezeichnet und die ihn vom bestverdienenden zum hoch verschuldeten Sportler gemacht haben, scheinen abgelegt. Kürzlich reichte er eine Klage gegen seine Finanzberater ein, die ihm 300.000 Dollar unterschlagen und ihn um fünf Millionen Dollar Gewinn gebracht haben sollen. Im Kino ist er ab kommender Woche auch hierzulande in der Horror-Persiflage „Scary Movie 5“ an der Seite von Charlie Sheen und Lindsey Lohan zu sehen – hoffentlich kein schlechter Umgang für den auf den rechten Weg gekommenen Linksausleger. Ein bisschen Publicity kann da jedenfalls nicht schaden, wohl auch deshalb tingelt Tyson derzeit durch die Talkshows. Sein Schauspieltalent hat schon früher in Film, Fernsehen,ShowsundWerbespotsmehr oder weniger gut unter Beweis gestellt. In „Rocky Balboa“ etwa spielte er sich 2006 selbst.

Die unbestrittene Wahrheit

Im Sommer sollen seine Memoiren unter dem Titel „Undisputed Truth“ erscheinen. Dies war auch der Titel derOne-Man-Show, mit der Tyson 2012 mit großem Erfolg am Broadway auftratund mit der er dieses Jahr durch 36 US-Städte touren wird. Er präsentierte darin seine alles andere als einfache Lebensgeschichte, und auch dabei hatte er seine weiche Seite zu zeigen versucht. So hatte er gleich am Anfang der Show klargestellt: Es sei gar nicht sein erstes Mal am Broadway. „Genau hier, auf derselben Straße bin ich mal verhaftet worden.“ Auch mit einem seiner Lieblingsthemen – Tauben – gewann er das Publikum für sich. Tyson war als Junge eher schüchtern und schwächlich, damals wandte er sich der Taubenzucht zu. Die Vögel seien immer seine Lieblingstiere gewesen. „Schon damals in Brooklyn: Wenn ich nicht im Gefängnis saß, war ich meistens bei meinen Tauben.“

„The Undisputed Truth“ – geschrieben von Tysons dritter Ehefrau Lakiha "Kiki" Spicer und auf die Bühne gebracht von Produzent Spike Lee – sparte keine seiner Eskapaden aus. „Ich bedaure es, nur an Geld, Sex, Frauen, Drogen und Ruhm gedacht zu haben.“ Heute wolle er vor allem ein guter Ehemann und Vater sein. Die Kritiker vermochte er von seiner Botschaft nicht zu überzeugen. Zu sehr schlug er auf Ex-Frauen und Ex-Berater wie den Box-Promoter Don King hin, die ihn angeblich nur ausgenutzt und um Geld betrogen hätten, zu vehement bestritt er alle Anschuldigungen wie jene aus dem Vergewaltigungs-Prozess: „Es gab viele Sachen, für die ich es verdient hätte, ins Gefängnis zu gehen, aber das war keine davon.“ Das Stück wurde streckenweise zu einer Verteidigungsrede voller saftiger Schimpfwörter.

Aber egal, sein Publikum überhäufte ihn mit Liebesbekundungen. Die Zuschauer, darunter die Rapper Kanye West und 50 Cent, feierten Tyson mit minutenlangem Applaus. Die Show war Tyson, und Tyson war die Show.

Steiler Aufstieg, tiefer Fall

Michael Gerald Tyson (auch „Malik Abdul Aziz“) wurde am 30. Juni 1966 in Brooklyn, New York City, in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Als Zwölfjähriger war er bereits 38 Mal verhaftet worden und kam an eine Schule für schwer erziehbare Kinder. Sein Sportlehrer erkannte sein Talent und vermittelte ihn dem Trainer Cus D’Amato, der ihn zu einem der besten Faustkämpfer aller Zeiten machte. 1986 wurde er jüngster Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte, 1987 konnte er die Titel aller drei großen Box-Verbände vereinigen.

1988 unterschrieb er bei ManagerDon King, vor dem ihn D’Amato stets gewarnt hatte, und der sich nach Kräften bemühte, Tyson das Image des „bösesten Mannes auf dem Planeten“ zu verpassen. Umzuhängen wie einen Mühlstein, müsste man eigentlich sagen: Von nun an häuften sich die Probleme in Tysons Privatleben, worunter auch seine sportliche Karriere litt. 1990 musste er seine erste Niederlage hinnehmen, 1991 wanderte er wegen Vergewaltigung ins Gefängnis, wo er zum Islam konvertierte. Nach vier Jahren Abwesenheit von der Box-Szene krönte er sich 1996 erneut zum Weltmeister. 1997 biss er in einem legendär gewordenen KampfEvander Holyfieldeinen Teil dessen rechten Ohres ab und wurde disqualifiziert, zudem verlor er seine Lizenz.

Ab 1999 folgten eine positive Dopingrobe auf Marihuana sowie etliche weitere von Skandalen begleitete Comebacks, die Tyson noch Gelegenheit gaben, große Kampfbörsen abzusahnen. Sein letzter Kampf gegen den mittelmäßigen irischen Boxer Kevin McBride endete durch Aufgabe – im Anschluss versprach Tyson, „den Boxsport, dem er soviel zu verdanken habe, nicht mehr durch solche Auftritte lachhaft zu machen“. Wegen Drogenbesitzes und Körperverletzung wurde er noch mehrfach verhaftet, 2009 starb seine vierjährige Tochter Exodus bei einem tragischen Unfall beim Spielen. 2010 wurde er Veganer und 2011 in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen. Tyson ist zum dritten Mal verheiratet und Vater von acht Kindern.

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